Zugang zur Schweizer Gesellschaft via Cricket
Der aus Grossbritannien stammende Lehrer Patrick Henderson lebt seit über 25 Jahren in der Schweiz und ist bestens integriert. Zu Landsleuten hatte er wenig Kontakt - das hat sich jedoch geändert.
Henderson kam 1982 in die Schweiz, um an der Universität Zürich zu studieren, wo er das Lehrerpatent erwarb. Heute unterrichtet er an einer öffentlichen Schule Englisch und wohnt in Weisslingen, einem Dorf bei Winterthur.
Er ist mit einer Schweizerin verheiratet und hat zwei Söhne. Mit der «Expat»-Gemeinde hatte er wenig zu tun, bis sich seine Söhne vor ein paar Jahren für Cricket zu interessieren begannen, eine Mannschaftssportart, die vor allem in England und den Ländern des Commonwealth grosse Popularität geniesst.
Henderson gründete einen Club für Junioren, der mittlerweilen 350 Spieler zählt.
swissinfo: Inwiefern unterscheidet sich das Schweizer Schulsystem vom britischen?
Patrick Henderson: Das Schweizer Schulsystem ist ausgezeichnet, und das soll nicht etwa Werbung sein. Es weist eine sehr breite Allgemeinbildung auf im Gegensatz zum britischen, wo gewisse Fächer bereits bei 16-Jährigen fallengelassen werden. An unserer Schule in Zürich werden neun bis zehn Fächer unterrichtet, Englisch ist eines davon.
Obwohl nur rund 18-20% der Schüler die Matura, die Zulassung zur Universität absolvieren, haben die anderen die Möglichkeit, eine sehr gute Lehre zu absolvieren, Etwas, das in Grossbritannien fehlt.
An den hiesigen Schulen wird relativ wenig Sport gemacht, was meine Kinder zunehmend bedauern.
swissinfo: Sie haben einen Cricket-Club auf die Beine gestellt. Wie kam es dazu?
P. H.: Meine Jungs wollten Cricket spielen und fragten mich, ob ich nicht etwas tun könnte. Ich mag Sport sehr und so gründeten wir in Zürich einen Club. In der ganzen Schweiz sind es rund 350 Spieler zwischen 7 und 17 Jahren. Ich verbringe viel meiner Freizeit damit, den Club zu leiten. In Zürich haben wir 60 Spieler. Wir spielen gegen andere Mannschaften aus Basel oder Genf, nehmen aber auch an internationalen Turnieren teil.
Es ist ein toller Mix: Pakistani, Inder, Sri Lanker, Australier, Neuseeländer, Südafrikaner und Briten, aber auch ein paar Schweizer Kinder. Das Interesse ist gross. Auch habe ich gehört, dass viele Ausländer in der Schweiz darin einen Weg zur Integration sehen.
Ich hatte auch schon Anfrufe von Headhunters (Personalabwerber), die sich nach Cricket in der Schweiz erkundigten. Einige Kunden haben Söhne, die früher Cricket spielten und bei Trainings zuschauen wollten.
swissinfo: fühlen Sie sich in der Schweiz gut integriert?
P. H.: Ich würde sagen, ja. Bevor ich mit dem Cricket begann, wusste ich wenig über die britische Gemeinde hier. Meine Freunde waren alle Schweizer und ich bin mit einer Schweizerin verheiratet.
Als ich hierher kam, wollte ich Deutsch lernen und interessierte mich für die Schweizer Kultur.
swissinfo: Sind Sie also in beiden Welten zuhause?
P. H.: Sicher. Mir gefällt es so, denn die Schweiz ist viel internationaler geworden, es leben mehr Ausländer hier als zur Zeit, als ich herkam. Mein Freundeskreis widerspiegelt das.
swissinfo: Ist es für Sie wichtig, integriert zu sein?
P. H.: Ich denke schon. Wenn man das Optimum herausholen will, ist es der einzige Weg. Sonst wird es halbpatzig und man kann von der Erfahrung nicht profitieren und gehört nie wirklich dazu.
Wenn man wie ich in einem Dorf lebt, kennt man jeden. Es ist so klein, dass die Leute wissen, wer man ist. Beim Einkaufen und auf der Strasse redet man miteinander. Das gefällt mir.
Für die Lebensqualität ist es wichtig, integriert zu sein – ohne dabei die eigenen Wurzeln zu verleugnen. Das Cricket hat mir einen zusätzlichen Aspekt eröffnet, nicht weil es britisch, sondern weil es sehr international ist und auch Schweizer mitmachen.
Und weil es für Junge ist, was mir als Lehrer natürlich gefällt. Den Leuten den Zugang zur Schweizer Gesellschaft über Cricket zu erleichtern, ist eine schöne Idee. Es stärkt die Beziehungen auf beiden Seiten. Ich habe viel Kontakt zu England. Im Sommer nehem wir dort eventuell an Spielen teil. Letzten Sommer waren wir in Dänemark.
swissinfo: Welchen Rat würden Sie Expats geben?
P. H.: Lassen Sie sich ja nicht dazu verführen, die Sprach nicht zu lernen, weil so viele Leute hier gut Englisch sprechen. Es kann hilfreich sein, einen Kurs zu besuchen und die Sprache bei jeder Gelegenheit anzuwenden. So findet man Schweizer Freunde, ausserhalb des eigenen Kreises.
Für Expats gibt es ein riesiges Angebot – Theatervorführungen oder Filme in Englisch, das macht es einfach, sich zu integrieren.
Die Schweizer Bevölkerung war immer sehr offen gegenüber anderen Kulturen. Die Schweiz ist ein neutrales Land, war aber gegenüber Gruppen, die in Schwierigkeiten waren, immer aufgeschlossen und hat anderen Ländern geholfen.
Die Schweizer Gesellschaft, in der französisch-, italienisch- und deutschsprachige Gruppen zusammenleben, ist ein Integrations-Modell.
swissinfo, Isobel Leybold-Johnson, Weisslingen
(Übertragung aus dem Englischen: Gaby Ochsenbein)
In der Woche vom 7.-13. April nimmt die SRG SSR idée suisse das Thema «Integration» in ihren Programmen auf.
Unter dem Titel «Wir anderen – nous autres – noi altri – nus auters» bietet die SRG dem Publikum eine umfangreiche Palette an Beiträgen in der Information, der Dokumentation und der Fiktion.
Auch swissinfo greift das Thema «Integration» in allen 9 Sprachen auf.
Der Schweizerische Cricket Verband existiert seit 1980. Dieser Mannschaftssport ist in der Schweiz wenig bekannt, die Mehrheit der Spieler sind Expats.
Das Jugend-Cricket-Programm wurde 2004 lanciert und war sogleich ein Erfolg. Es zählt zur Zeit in der Schweiz 350 Mitglieder.
Der Europäische Cricekt Rat ist finanziell beteiligt. 10 ausgebildete Trainer machen in Zürich mit, darunter Väter wie Henderson.
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