Zum 100. Geburtstag von Elias Canetti
Er wurde als türkischer Jude im heutigen Bulgarien geboren, schrieb auf Deutsch und erhielt 1981 den Nobelpreis für Literatur. 1994 starb er in Zürich.
Am 25. Juli jährt sich der Geburtstag des vielsprachigen Autors und Europa-Bürgers Elias Canetti zum 100. Mal.
«Die einzig vollkommen glücklichen Jahre» verbrachte Canetti nach eigenen Worten als Gymnasiast an den Konform-Schulen in Zürich 1916 bis 1921. Als ihn die Mutter zwecks Disziplinierung nach Frankfurt zwangsumschulte, empfand er dies als Vertreibung aus dem Paradies.
Die erschütternde Szene ist nachzulesen in «Die gerettete Zunge» (1977), dem ersten Teil seiner autobiografischen Roman-Trilogie.
Zürcher Ruhestand
Bekanntlich kam er 1971 zurück. «Es ist ein tiefer Wunsch, meine Tage in der Stadt zu beschliessen, die ich seit meiner Kindheit liebe», schrieb er 1988 an den damaligen Stadtpräsidenten Thomas Wagner.
In Zürich hoffte er die Ruhe zu finden, «um einiges zu Ende zu bringen», unter anderem den vierten Teil seiner Autobiografie. Das freilich gelang nicht, obwohl er bis zuletzt schrieb.
Elias Canetti starb am 14. August 1994 89-jährig an der Klosbachstrasse 88 in Zürich, wo er seit dem Tod seiner zweiten Frau gewohnt hatte. Er liegt auf dem Friedhof Fluntern begraben, unweit von James Joyce.
Sprachgenie
Mit der Ruhe war es vorher nicht weit her gewesen in seinem Leben: Elias Canetti wurde am 25. Juli 1905 im später bulgarischen Rustschuk geboren, das damals noch zum Osmanischen Reich gehörte.
Seine sephardische Familie sprach ein mittelalterliches Spanisch. 1911 übersiedelte die Familie nach Manchester, wo Canetti Englisch lernte. Zwei Jahre später, nach dem frühen Tod des Vaters, zogen die fünf verbliebenen Canettis nach Wien.
Auf einer längeren Zwischenstation in Lausanne lernte der Erstklässler Elias Französisch. Nach der Mittelschule in Zürich und Frankfurt studierte er in Wien freudlos Chemie, um sich gleich nach dem Abschluss ausschliesslich dem Schreiben zu widmen.
Kraus im Ohr, Grosz im Hirn
Während des Studiums hörte er in Wien Vorlesungen von Karl Kraus, die ihn stark prägten. Auch das ist nachzulesen in seiner Trilogie: Im zweiten Band «Die Fackel im Ohr» (1980, der Titel spielt auf Kraus‘ legendäre satirische Zeitschrift «Die Fackel» an).
In derselben Zeit lernte er in Berlin unter anderen Bert Brecht – den er seiner zynischen Arroganz wegen nicht mochte – und den Maler und Grafiker George Grosz kennen.
Er fasste zudem den Plan, eine Roman-Trilogie über den Irrsinn zu verfassen. Heraus kam schliesslich sein einziger Roman «Die Blendung» (1936), die skurrile Geschichte des Büchernarrs Peter Kien, dessen Welt durch die Ehe aus den Fugen gerät.
Phänomen Masse
1932 schrieb er die beiden gesellschaftskritischen Theaterstücke «Die Hochzeit» und «Komödie der Eitelkeiten», die wie «Die Blendung» erst in den 60er-Jahren wirklich Beachtung fanden.
Den Durchbruch brachte 1960 der erste Band seiner zweibändigen, monumentalen und bahnbrechenden sozialpsychologischen Studie «Masse und Macht», an der er drei Jahrzehnte gearbeitet hatte.
Obwohl Canetti seit dem Studium unermüdlich geschrieben und publiziert hatte, kamen Ruhm und Einnahmen erst zu einer Zeit, wo andere in Rente gehen. Bis er 1981 den Literatur-Nobelpreis erhielt, blieb er ein Geheimtipp.
swissinfo und Irene Widmer (sfd)
25. Juli 1905: Elias Canetti wird in Rustschuk, Bulgarien, geboren
1911: Umzug nach Manchester
1912: Plötzlicher Tod des Vaters
1913: Umzug nach Wien
1916-1920: Elias Canetti geht in Zürich zur Schule
1921-1924: Gymnasium in Frankfurt
1924–1929: Chemie-Studium in Wien
1931: Canettis erstes Buch «Die Blendung»
1934: Heirat mit Veza Taubner
1937: Tod der Mutter
1938: Flucht nach England
1960: Canettis Hauptwerk «Masse und Macht» erscheint
1963: Tod von Veza Canetti
1971: Canetti heiratet Hera Buschor
1972: Geburt der Tochter und Umzug nach Zürich
1972: Verleihung Georg Büchner-Preis
1976–1985: Dreiteilige Autobiografie erscheint
1981: Canetti erhält den Nobelpreis für Literatur
1988: Tod Hera Canettis
14. August 1994: Elias Canetti stirbt in Zürich
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