L’Oréal-Erbin verklagt Tochter wegen Abhöraktion
PARIS (awp international) – Die 87 Jahre alte Erbin des französischen Kosmetikimperiums L’Oréal geht im Familienstreit um ihre angebliche Unzurechnungsfähigkeit in die Offensive. In einem am Wochenende veröffentlichten Interview der Tageszeitung «Le Monde» erhebt Liliane Bettencourt schwere Vorwürfe gegen ihre einzige Tochter Françoise. Diese soll hinter einer hinterlistigen Abhöraktion in der Familienvilla bei Paris stecken und dafür jetzt vor Gericht büssen.
Vor einigen Tagen war bekannt geworden, dass ein Hausangestellter über Monate hinweg mit einem Diktiergerät die Privatgespräche der alten Bettencourt belauscht hatte. Die Aufzeichnungen will die Tochter nun als Beweis für die Unzurechnungsfähigkeit ihrer Mutter verwenden.
Die in Medien veröffentlichten Gesprächsmitschnitte erwecken den Eindruck, dass die L’Oréal-Hauptaktionärin mit einem auf 16 Milliarden Euro geschätzten Vermögen zumindest erhebliche Gedächtnisprobleme hat. Françoise Bettencourt-Meyers wirft ihrer Mutter vor, mit Geld um sich zu werfen. Allein ein befreundeter Fotograf und Autor erhielt Geschenke im Wert von 993 Millionen Euro.
«Ich weiss sehr gut, dass ich einen Teil meines Vermögens hergegeben habe. Ich mache mir nur wenig aus materiellen Dingen», kommentierte die 87-Jährige im Gespräch mit der «Le Monde». Alles, was sie gegeben habe, habe sie freiwillig gegeben. Zu der Lauschaktion sagte sie: «Es gab in der Vergangenheit schon häufiger Abhörskandale. Aber zwischen einer Mutter und einer Tochter – das ist traurig.»
Schriftlich liess Bettencourt zudem erklären, dass sie es sehr bedauere, dass ihre Tochter keine Leidenschaft für das Unternehmen L’Oréal entwickelt habe. «Ich denke, sie geht in ihrer Musik auf. Aber liebt sie mich? Sie will mich unter Vormundschaft stellen lassen», stellte die alte Dame fest. Françoise wolle sie als Hauptaktionärin ersetzen und die Aktien des Unternehmens verkaufen. «L’Oréal ist mein Leben. (…) Ich werde es bis zum Ende beschützen.»
Die Journalisten der Zeitung «Le Monde» beschrieben die reichste Frau Europas als müde wirkend, aber im vollen Besitz ihrer geistigen Kräfte. Ihre Stimme sei schwach, aber sie finde gute Worte und habe Sinn für Humor.
Ein Ende der Familienfehde ist nicht in Sicht. Weil die illegalen Gesprächsaufzeichnungen auch auf zwielichtige Finanzgeschäfte und Justizkungeleien schliessen lassen, hat die Affäre mittlerweile sogar die Politik erreicht. Unter Druck steht vor allem Frankreichs Arbeitsminister Eric Woerth. Dessen Frau kümmert sich zusammen mit anderen um Bettencourts Finanzen, sein Name wird in Gesprächen genannt. Jegliche Anschuldigen gegen ihn seien skandalös und völlig unberechtigt, kommentierte er am Wochenende./aha/DP/he