Aufholjagd des Velos mit Corona-Rückenwind

Der freisinnige Nationalrat und ehemalige Radrennfahrer Rocco Cattaneo fuhr mit dem Velo zur ausserordentlichen Session der Eidgenössischen Räte zur Corona-Krise in Bern. sda-ats

Die Pandemie hinterlässt Spuren in der Schweizer Mobilität. Am stärksten ist die Nutzung des öffentlichen Verkehrs eingebrochen. Das Velo hingegen nimmt Fahrt auf. Wie lange dies anhält, hängt von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab.

Peter Siegenthaler und Pauline Turuban, swissinfo.ch

In seinen fast vierzig Jahren Erfahrung als Inhaber eines Veloladens in der Agglomeration Bern hat er so etwas noch nie erlebt: "Es ist beeindruckend, dass so viele Leute im Dorf plötzlich ein Velo-Bedürfnis haben, die jahrelang nicht mehr auf zwei Rädern unterwegs waren", sagt Ernst Leuthold.

"Ein gutes Gefühl! Mancher Kunde ist dankbar, dass wir sein altes Velo, das eine halbe Ewigkeit nicht mehr aus dem Keller geholt wurde, wieder fahrtüchtig machen." Er und seine zwei Mitarbeiter seien an die Grenze der Reparaturkapazitäten gelangt.

Weil das Geschäft wegen der Ansteckungsgefahr acht Wochen lang geschlossen blieb, gingen aber die Verkäufe von Velos und Velo-Zubehör – nur noch per Internet – markant zurück. "Seitdem es wieder offen ist, nehmen sie wieder zu", sagt Leuthold mit Erleichterung.

Stark zugenommen habe das Kaufinteresse vor allem für Velos mit Elektroantrieb (E-Bikes) und Kindervelos. Sehr im Trend seien auch Gravel-Bikes, also Naturstrassen taugliche Rennvelos.

"Velo-Zukunft im kombinierten Verkehr"

Was Leuthold in seinem Laden beobachtet, gilt auch für manche anderen Branchenmitglieder, bestätigt Daniel Schärer, Geschäftsführer des Verbands des Zweirad-Fachhandels, 2Rad Schweiz.

"Die Auslastung der Reparaturwerkstätten der Velogeschäfte während des Lockdowns war die ganze Zeit über sehr hoch. Der Arbeitsvorrat reiche bei den meisten Mitgliedern für zehn Tage bis drei Wochen", sagt er. Es gäbe Anzeichen, dass es auch bei den Velo-Verkäufen einen Schub geben werde.

Schärer vermutet, dass die zusätzliche Kundschaft das Velo vor allem für die Freizeit entdeckt habe. "Es gibt bestimmt auch einige, die jetzt für den Weg zur Arbeit aufs Velo – insbesondere aufs E-Bike – umgestiegen sind. Aber ich zweifle, ob das langfristig anhält."

Weil Arbeits- und Wohnort für einen grossen Teil der Erwerbstätigen weit auseinander liegen, hat das Velo im Alltag laut Schärer vor allem im kombinierten Verkehr eine grosse Zukunft. Will heissen: morgens mit dem Velo zum Bahnhof und weiter mit dem ÖV zum Arbeitsplatz, abends umgekehrt zurück nach Hause.

Das Velo holt auf

Er könne sich im Pendlerverkehr eine Verlagerung auf andere Verkehrsmittel vorstellen, sagt Verkehrssoziologe Jörg Beckmann, Direktor der Mobilitätsakademie. Ausdruck davon seien zum Beispiel die stark zunehmenden Verkäufe von E-Bikes während des Lockdowns. "Gut möglich, dass einige Pendler das Velo als ÖV-Fluchtgerät nutzen, um zur Arbeit zu fahren.

Dass während des Lockdowns alte Mobilitätsmuster abgelegt und neue entwickelt wurden, stellte der Verkehrssoziologe auch in seinem persönlichen Umfeld fest. Wo sich sonst Autoschlangen bildeten, herrsche manchenorts Velo-Dichtestress.

Der Schein trügt nicht: Die Nutzung des Fahrrads hat im Unterschied zu allen anderen Transportmitteln seit Beginn der Coronakrise nicht abgenommen, sondern kräftig zugelegt. Die Mobis-Studie der ETH zeigt, dass die mit dem Velo gefahrenen Kilometer weit über dem Durchschnitt liegen. An manchen Tagen hat sich die zurückgelegte Velostrecke gegenüber Herbst 2019 fast verdreifacht.

Sicher ist für den Verkehrssoziologen, dass der Velo-Boom der letzten Jahre von der Pandemie Rückenwind erhält: Fitnesscenter blieben geschlossen, und der öffentliche Verkehr wurde zum Ort einer möglichen Ansteckung. Eine Rolle gespielt haben dürfte aber auch das schöne Frühsommerwetter, das die Pandemie in der Schweiz begleitet hat.

Ob die neuen Mobilitätsmuster nun auch im Alltagsverkehr Bestand haben werden, hänge von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab, insbesondere von der Politik und Verkehrsplanung, sagt Beckmann.

Einst wichtigstes Verkehrsmittel

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere in der Zwischenkriegszeit war das Fahrrad (in der deutschen Schweiz Velo genannt) das wichtigste Verkehrsmittel.

Ab den 1950-er Jahren wurde es mit wachsendem Wohlstand zunehmend vom Auto verdrängt.

In den letzten Jahren erfuhr es aber eine Renaissance, und die Corona-Pandemie könnte ihm zusätzlichen Rückenwind verleihen.

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Bessere und sichere Velowege

Am 13. Mai hat der Bundesrat wissen lassen, dass er mit einem Veloweggesetz für bessere und sichere Velowege sorgen wolle. Das Schweizer Stimmvolk hatte sich 2018 für eine Aufwertung der Velowege entschieden. Nun hat der Bundesrat die rechtlichen Grundlagen zur Umsetzung des neuen Verfassungsartikels geschaffen.

Der Bau von Velowegen bleibt Aufgabe der Kantone. Diese hätten künftig aber die Pflicht, Velowege verbindlich zu planen und für ein zusammenhängendes und sicheres Velowegnetz zu sorgen, teilte die Schweizer Regierung mit.

Ist dies ein erstes Zeichen eines stärkeren politischen Sukkurses fürs Velo? "Gut möglich, dass die Infrastrukturmassnahmen, die vielleicht jetzt beschleunigt umgesetzt werden, dem Velo zusätzlichen Rückenwind geben", sagt Beckmann dazu.

"Weiter Weg" fürs Velo

Die Interessenorganisation Pro Velo begrüsst, dass "der Bund den Volkswillen nach einer Zunahme des Veloverkehrs verstanden hat und darauf reagieren" wolle. "Es ist aber noch ein weiter Weg, bis die Schweiz bezüglich Veloverkehr mit Vorzeigeländern wie den Niederlanden oder Dänemark gleichziehen kann", lässt sich ihr Präsident Matthias Aebischer in der Mitteilung von Pro Velo zitieren.

In der Schweiz habe das Velo keine politische Priorität, sagte Patrick Rérat, Professor für Mobilitätsgeografie an der Universität Lausanne, gegenüber der Westschweizer Zeitung Le Temps. Während andere europäische Städte infolge der Pandemie den Bau von zusätzlichen Velofahrspuren planten – Rom (150 Km) Brüssel (40km), Berlin (22) und Barcelona (21) – habe sich die Schweiz noch kaum bewegt.

Eine sichere Infrastruktur sei für zahlreiche Verkehrsteilnehmer aber entscheidend dafür, ob sie aufs Velo umsteigen würden, sagt Rérat. Es gebe einen starken Zusammenhang zwischen der Infrastruktur, welche die Sicherheit der Velofahrer garantiere und der Nutzung des Velos. In der Schweiz seien die Städte mit den besten Radwegen – Basel und Bern – auch jene Orte, wo am meisten Velogefahren werde.

Velo-Aktivismus "Critical Mass"

Die Critical Mass, die ursprünglich aus San Francisco stammt, findet jeden letzten Freitag im Monat in diversen Schweizer Städten statt.

Im Kern ist die gemeinsame Ausfahrt mit dem Velo selbstorganisiert und nicht politisch. Die Teilnehmenden eint einzig das Verlangen, als Velofahrende in einer grösseren Gruppe die ganze Breite der Strassen sicher nutzen zu können.

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