Bluttat mit politischen Folgen
Die Debatte um schärfere Waffengesetze ist wieder entfacht. Nach dem Tötungsdelikt in einem Walliser Dorf, bei dem der Täter mit einer alten Armeewaffe und einer Jagdflinte drei Menschen getötet hatte, fordern verschiedene Medien restriktivere Massnahmen.
«Verhindern, was sich verhindern lässt!», fordert der Tages-Anzeiger in seinem Kommentar zum Drama im Walliser Dorf Daillon. Politisch müsse das Mögliche vorgekehrt werden, das die Wiederholung einer solchen Bluttat erschwere.
Dass beim jüngsten Tötungsdelikt nicht mit einer Armeewaffe aus dem aktuellen Bestand geschossen wurde, mache es nicht weniger dringlich, den Waffenbesitz in der Schweiz restriktiver zu regeln. «Heute kommt ein Täter – ausser in den USA – in kaum einem anderen Land der Welt so leicht zu einer Waffe wie in der Schweiz.»
Nicht nur in den USA
Einen Vergleich mit den USA macht auch die Westschweizer Tageszeitung Le Temps. Die Tragödie an der Schule von Newtown in Connecticut habe auch in der Schweiz starke Emotionen ausgelöst. «Aber wie wäre es, wenn wir die Sache zuerst bei uns in Ordnung brächten?», fragt Le Temps.
Obwohl Bluttaten pro Schusswaffe in der Schweiz prozentual relativ niedrig seien, gebe es in Familien und Wohngemeinschaften sehr viele Tötungsdelikte. «Zu viele», meint Le Temps und verweist auf das grosse Waffenarsenal im Alpenland: In Schweizer Haushalten gebe es zwei Millionen Schusswaffen, darunter 900’000 alte, aber nach wie vor gefährliche Armeewaffen, sowie rund 260’000 aktuelle Ordonanzwaffen. «Jede ist eine Bedrohung.»
Die jüngste Bluttat mit Schusswaffen zeige einmal mehr, dass die gesetzliche Basis ungenügend sei. Um die These zu untermauern, ruft Le Temps Tötungsdelikte und die grosse Zahl von Suiziden mit Armeewaffen in Erinnerung, die allein seit der Ablehnung der eidgenössischen Volksinitiative «Für den Schutz vor Waffengewalt» im Februar 2011 die Öffentlichkeit erschüttert hatten.
Die Freiburger Tageszeitung La Liberté hat die Meinung von Parlamentariern aus der Sicherheitspolitischen Kommission zum Walliser Drama eingeholt. «Was in Daillon geschehen ist, zeigt, dass heute irgendjemand Waffen besitzen kann», lässt sich der sozialdemokratische Nationalrat Eric Voruz zitieren, der ein zentrales Waffenregister fordert und verspricht, dass das Thema wieder aufs politische Tapet kommen werde.
Damit stosse der Sozialdemokrat bei einer bürgerlichen Mehrheit aber auf taube Ohren, erwidert sein freisinnig-demokratischer Kollege im gleichen Artikel. «Wenn man eingesteht, dass jemand zu irgendeinem Zeitpunkt durchdrehen kann, würde es auch nichts ändern, wenn sämtliche Waffen registriert wären.»
Die Bluttat im Wallis hat europaweit Betroffenheit ausgelöst. Viele Online-Portale in den Nachbarländern der Schweiz berichteten über den Fall. Auf Twitter entwickelte sich eine Diskussion über den Schusswaffenbesitz.
In Deutschland berichteten die Frankurter Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, die Welt und der Spiegel auf ihren Online-Portalen über die Schiesserei im Wallis, die drei Menschen das Leben gekostet hat. «Bitte nehmt ihnen die Waffen weg. Denn sie wissen nicht, was sie tun», heisst es in einem Leserkommentar.
Auf den Internet-Portalen von Le Monde und Le Figaro in Frankreich zeigten sich zahlreiche Leser betroffen. In Kommentaren verwiesen sie darauf, dass in der Schweiz Armeewaffen zu Hause gelagert werden.
Mit einem eigenen Korrespondentenbericht war die italienische Tageszeitung La Repubblica präsent, während der Corriere della Sera seine Berichterstattung auf Agenturmaterial abstützte.
In Österreich berichteten die Online-Sites der Kronenzeitung und des Standard ebenfalls über die Schiesserei.
Zwischen «Freiheit» und «Überwachung»
«Hätte sich die Bluttat verhindern lassen, ausser in einer Gesellschaft, die ihre Bürger gänzlich abriegelt oder eine polizeiliche Überwachung rund um die Uhr einführt?», fragt die Kommentatorin der Tribune de Genève. «Die Schweiz figuriert an der Spitze jener Länder, wo die Waffen zirkulieren. Weil die Tradition des Schiessens und der Jagd hoch gehalten werden, und weil es die Stimmbürger so wollten.» Der Handel sei hier sehr frei und die Waffen zahlreich, «ohne Zweifel zu zahlreich und vor allem zu leicht zugänglich.
«Waffen sind zu einfach verfügbar», titelt auch der Berner Bund. Der Amoklauf von Daillon zerre die politische Kontroverse «verstörend rasch und brutal wieder aufs Tapet. «Solche Wahnsinnstaten kennt man aus dem Ausland. Hierzulande hingegen gehört der verantwortungsvolle Umgang mit der Waffe zur Wehr- und Schützentradition schlechthin.» Aber Daillon habe den vermeintlichen Schweizer Sonderfall einmal mehr erschüttert.
Der Kommentator der Neue Zürcher Zeitung(NZZ) hat nichts gegen «eine engmaschigere Überwachung von potenziell gefährlichen Personen, strengere Gesetze oder eine stärkere Polizeipräsenz, sofern diese Massnahmen die Sicherheit tatsächlich erhöhen.»
Es sei erschreckend, dass ein Mann, dem im Zusammenhang mit einer psychiatrischen Behandlung Waffen abgenommen wurden, nur wenige Jahre später erneut an ein Jagdgewehr und einen Karabiner gekommen sei. «Das deutet auf behördliches Laissez-faire und auf Lücken der Gesetzgebung in einem Bereich hin, der in der Schweiz noch immer stark von Emotionen und Mythen geprägt ist.»
Aber strengere Vorschriften, effizientere Überwachung und polizeilicher Stärke hafteten selbst etwas Mythenhaftes an, meint die NZZ. «Sie verführen dazu, eine absolute Sicherheit vorzuspielen, die es in Tat und Wahrheit nicht gibt. Denn niemand ist unverwundbar.»
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