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Sensibilisierung Angehörige vermisster Personen in Kosovo wollen endlich die Wahrheit wissen

Warten auf Leichname von Kosovo-Albanern, die ausserhalb von Belgrad gefunden wurden.

Merdare nördlich von Pristina, 2006: Warten auf Leichname von Kosovo-Albanern, die in einem Graben ausserhalb der serbischen Hauptstadt Belgrad entdeckt worden waren.


 

(Keystone)

An einer zweitägigen Konferenz in Genf sollen die Bemühungen zur Identifizierung von Personen, die seit dem Kosovo-Krieg (1998-1999) verschollen sind, erneut aufgenommen werden. Familien von serbischen und kosovarischen Opfern sind vereint, um die lokalen und internationalen Behörden dazu zu bewegen, die Blockaden und den fehlenden politischen Willen zu überwinden. 

"Wir, die Mütter, Väter, Gattinnen, Gatten, Brüder, Schwestern, Töchter, Söhne und alle anderen Familienmitglieder von vermissten Personen (…) werden nicht ruhen, bis das Schicksal der letzten verschollenen Person geklärt ist. Jeder Tag, und dies seit 18 Jahren, ist für jeden und jede von uns ein Tag der Agonie."

Mit diesen Worten beginnt der gemeinsame Appell, den die serbischen und kosovarischen Familien jener Personen, die seit dem Kosovo-Krieg Ende der 1990er-Jahren vermisst werden, am 21. Juni unterzeichnet haben.  

Sie verlangen einmal mehr, dass ihnen die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen übergeben werden, die in den meisten Fällen exekutiert wurden. Sie verlangen auch, dass die Wahrheit über diese Verbrechen ans Tageslicht kommt, damit sie endlich trauern können. Der Appell richtet sich an Belgrad, Pristina und die internationale Gemeinschaft im Vorfeld des Genfer Treffens.

An der Konferenz, die am Donnerstag und Freitag unter der Schirmherrschaft der UNMIK, der UNO-Übergangsverwaltung des Kosovo, stattfindet, nehmen nicht nur die Opferfamilien teil, sondern auch serbische und kosovarische Regierungsdelegationen sowie internationale Organisationen wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und UNO-Experten für vermisste Personen.

Der Ausgang der Konferenz wird zeigen, ob die dringliche Forderung der Familien von den zuständigen Parteien gehört wird und die Wiederaufnahme von Untersuchungen und Gerichtsverfahren möglich macht.

Denn bis anhin wurde in den letzten Jahren wenig bis gar nichts gemacht. Von den 6044 Personen, die seit 2002 als vermisst gemeldet sind, wurde eine grosse Zahl in den ersten zwei Jahren gefunden. Dann nahmen die Funde kontinuierlich ab. Nach Angaben des IKRK wurden 2015 lediglich vier Fälle gelöst, 2016 waren es 14 und in diesem Jahr bis jetzt sechs.

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Familles de disparus au Kosovo

Wie ist diese Patt-Situation zu erklären? 

Die UNO-Organisation UNMIK, die bis 2008 den Kosovo verwaltete, steht seit einigen Jahren in Kritik. Bereits in einem Bericht der Menschenrechts-Organisation Amnesty International aus dem Jahr 2013 wurde auf die Versäumnisse des "UNO-Protektorats" hingewiesen: "Die UNMIK ist Berichten über systematische Entführungen und Tötungen von Zivilpersonen nicht nachgegangen und hat keine entsprechenden Untersuchungen eingeleitet. Damit hat sie zum Klima der Straflosigkeit im Kosovo beigetragen. Dabei war sie vom UNO-Sicherheitsrat eigens dafür eingesetzt worden, den Schutz der Menschenrechte im Kosovo zu gewährleisten."

Die Vorwürfe richten sich aber auch gegen das Internationale Straftribunal für Ex-Jugoslawien, das den Leichen, die in Kosovo gefunden wurden, keine DNA-Proben entnommen habe, was allenfalls zu Fehlidentifikation geführt haben könnte. Ein zusätzlicher Schrecken für die betroffenen Familien, die allenfalls entdecken mussten, dass im Grab, an dem sie beteten, eine andere Person begraben liegt.

Miriam Ghalmi, Leiterin des UNO-Menschenrechtsbüros in Kosovo, erklärt, es gehe an dieser Konferenz nicht um Abrechnung. "Gewisse dieser Institutionen haben nicht zum Ziel, die Opfer genau zu identifizieren, sondern deren Peiniger zu finden. Das Treffen soll den Opfer-Familien Raum für Diskussionen und die Möglichkeit bieten, auf dem internationalen Parkett gehört zu werden. Die Versammlung ermöglicht den anwesenden Experten aus Argentinien, Bosnien, Litauen und der Schweiz, ihre Erfahrungen auszutauschen und zur Bewältigung der Frage um die im Kosovo-Krieg vermissten Personen beizutragen, die für einmal weltweit im Fokus stehen." 

Laut Ghalmi wurden von allen beteiligten Parteien Fehler begangen. "An der Konferenz sollen die Bemühungen zur Identifizierung der Leichen sowie für Gerechtigkeit vorangetrieben werden, indem den Familien der vermissten Personen und deren Leidensweg Raum gegeben wird."

In Genf wird sich in diesen zwei Tagen zeigen, bis zu welchem Punkt die politischen Widerstände überwunden werden können. Denn noch immer sind mehrere Personen, die für diese Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht werden, wichtige politische Akteure in Serbien und im Kosovo.

Nach der Beendigung von Kriegen geht es jeweils um Versöhnung, Frieden und Gerechtigkeit - Erwartungen, die in diesem Spannungsfeld alles andere als einfach zu erfüllen sind. 

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(Übertragung aus dem Französischen: Gaby Ochsenbein)

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