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Das Inferno von Crans-Montana führt die Schweiz an die Grenzen ihres Systems

Crans-Montana
Trauerbekundungen nach dem Inferno von Crans-Montana. Keystone / Cyril Zingaro

Der tödliche Brand in Crans-Montana weckt international Kritik: Wie konnte ein solches Inferno in der Schweiz, dem Land der Regeln, geschehen? Analyse.

Wenige Tage nach dem Brand von Crans-Montana steht fest: Alles war vermeidbar. Hätte man nur die bestehenden Sicherheitsnormen umgesetzt, wäre die Bilanz wohl viel erträglicher ausgefallen als 40 Todesopfer, darunter 20 Minderjährige, und 116 Verletzte. Es hätte vielleicht gar nicht erst gebrannt.

Das ist auch dem Rest der Welt nicht entgangen. Im Ausland gehen die Emotionen hoch, es herrscht Unverständnis und Wut. «Vielleicht ist es an der Zeit, dass auch das Land der scheinbaren Perfektion den Blick senkt, nicht aus Scham, sondern um der Realität ins Auge zu sehen», schreibt die italienische PresseExterner Link

Macht die Schweiz sich klein?

Nun muss die kleine Schweiz einem Ereignis gerecht werden, das ihre gewohnte Art zu funktionieren überfordert.

Die Bevölkerung von Crans-Montana umfasst ganzjährig 11’000 Personen. Im Winter jedoch kann sie auf bis zu 40’000 anwachsen. Damit wächst zwangsläufig die Verantwortung, die Gemeinde wird zur Stadt. Crans-Montana ist klein und zugleich gross.

Auch die Schweiz ist geografisch gesehen ein Zwerg, wirtschaftlich jedoch ein Riese. Wird es ungemütlich, macht sie sich klein. Wenn es nötig ist, bäumt sie sich auf. Nun schaut die Welt zu, wie das Land ihre grösste Katastrophe bewältigt.

Macht sie sich klein und verkriecht sich in den Adern ihres föderalen Systems? Oder zeigt sie Grösse und liefert Aufklärung, Trost und Entschädigungen?

Trauer und Entsetzen

Der drohende Imageschaden ist beträchtlich. Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider brachte es bei einem Besuch im Spital Wallis so zum Ausdruck: «Dieses Drama in Crans-Montana wird weit über den Kanton Wallis hinaus Auswirkungen haben – in der ganzen Schweiz und auch im Ausland.»

In den ersten Tagen nach dem Ereignis legte sich eine Decke der Trauer über das Land. Erst nach und nach wuchs in der Schweiz das Gefühl, das im Ausland von Anfang an vorherrschte: Entsetzen. Der Schock darüber, dass eine solche Todesfalle in der wohlreglementierten Schweizer Chalet-Welt überhaupt existieren konnte.

Entsetzen und Trauer sind zwei sehr unterschiedliche Gefühle. Trauer ist still und schwer. Sie sucht Trost und Nähe. So reagierte die Schweiz.

Entsetzen ist hingegen laut und getrieben. Es sucht Antworten und Schuldige. So reagierte das Ausland. So ist auch die Erwartung der Angehörigen der Opfer, die aus verschiedenen Ländern stammen. 

Der italienische Botschafter Gian Lorenzo CornadoExterner Link sagt: «Es gibt Beweise, es war kein Unglück.» Und Frankreich hat eine Parallel-Untersuchung eingeleitet. Beide Nachbarländer machen deutlich, dass sie die Ermittlungen genau verfolgen werden, bis die Wahrheit ans Licht kommt und Gerechtigkeit hergestellt ist.

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Die Versäumnisse der Behörden von Crans-Montana

Anlass für Misstrauen gibt es zur Genüge. Denn anstatt zur Beruhigung oder Aufklärung beizutragen, hat die Pressekonferenz der Gemeinde Crans-Montana vom 6. Januar für zusätzliche Irritationen gesorgt. Seither sind wenig überzeugende Antworten und eine Vielzahl eklatanter Versäumnisse Thema. Weder im Inland noch im Ausland werden die Medien lockerlassen.

Eine Woche nach dem Inferno gesteht der Gemeindepräsident von Crans-Montana ein, dass seine Behörde die abgebrannte Bar «Le Constellation» über Jahre nicht kontrolliert hatte. Ein italienischer Journalist fragt: «Möchte sich die Gemeinde entschuldigen?» Er antwortet: «Wir haben den Angehörigen unsere Trauer mitgeteilt.» Die Trauer muss auch herhalten, um das Entsetzen wegzureden.

Unter Druck steht auch die leitende Staatsanwältin des Kantons Wallis, Beatrice Pilloud. Sie lässt keine Opferanwält:innen bei den Ermittlungen zu. «Diese Restriktion haben wir errichtet, um Leaks an die Medien zu vermeiden», begründet sie.

«Schockierend» findet das Romain Jordan, der als Anwalt mehrere Familien vertritt. «Der Respekt, der den Opfern gebührt, muss auch im Verfahren zum Ausdruck kommen. Dort müssen sie mindestens den Raum erhalten, der ihnen gesetzlich zusteht.»

Der Wilde Westen der Schweiz

Wir regeln das unter uns, auf unsere Art. So sieht die Schweiz das Wallis. Oft inszenierte sich der Kanton als «freie Alpenrepublik», als der sympathische Wilde WestenExterner Link der Schweiz.

Doch das Wallis hat in den letzten Jahrzehnten eine rasante Modernisierung erlebt. Der Kanton hat sich zu einem Zentrum für vielfältiges Know-how entwickelt, von Biotechnologie über die digitale Gesundheit bis hin zur Energie.

Dennoch bleibt seine Geschichte auch geprägt von Skandalen im Weinbau, von Wilderei, UmweltfrevelnExterner Link und Finanzdebakeln. Diese Woche erfuhr Swissinfo, dass in einigen Walliser Hotels seit Jahrzehnten keine Brandschutzkontrollen mehr durchgeführt wurden.

Leben und Leben lassen

Das hängt auch mit der Walliser Kultur und Geografie zusammen. Im noch immer tief katholischen Kanton ist das Individuum zuletzt Gott gegenüber verantwortlich und lässt seinen Nächsten walten.

Ein gewisses Laissez-faire ist allein schon aufgrund der Zweisprachigkeit und der vielen unterschiedlichen Täler erforderlich: Wer ungestört leben will, muss auch die anderen leben lassen.

Diese Logik wird durch den FöderalismusExterner Link verstärkt. Der Bund setzt die Leitlinien, der Kanton setzt um. Anders als andere Kantone delegiert aber das Wallis seine Sicherheitsfragen an die Gemeinden. Dort greift das Schweizer Milizsystem, – dieses typisch schweizerische Prinzip, nach dem öffentliche Aufgaben nicht unbedingt von Fachleuten, sondern von freiwilligen Bürgern im Nebenamt wahrgenommen werden.

«In ruhigen Zeiten funktioniert unser System gut: Föderalismus, Miliz, Bürgernähe», analysiert die Tageszeitung Blick. «Doch in der Krise zeigt sich die Schwäche: Wenn viele zuständig sind, fühlt sich keiner verantwortlich.»

Auf der Pressekonferenz der Gemeinde Crans-Montana spricht ein Journalist aus Italien genau dieses Problem an: «Ist ein Gemeindepräsident dafür ausgebildet, so gründliche und wichtige Kontrollen zu verlangen?» Gemeindepräsident Nicolas Féraud antwortet, dass sich eine Gemeinde mit Personen umgeben kann, die wissen, was man tun muss.

«Es gibt keine Standards»

Kontrollen sind auf Gemeinde-Ebene jedoch besonders schwierig, denn ein Milizsystem wird nicht nur ständig neu besetzt, es wird auch von Laien geführt. «Beim Brandschutz gibt es keine Standards», sagt ein Walliser Hotelier. «Einer kommt neu in dieses Amt und nimmt die Kontrollen ernst, vier Jahre später ist er weg und wird ersetzt.»

Auch die Frage der Mittel stellt sich. Bei den Äusserungen der lokalen Behörden in Crans-Montana traten Widersprüche zutage: Der Gemeindepräsident bestritt zwar, dass die Gemeinde überfordert sei. Gleichzeitig sagt er, dass die Arbeitsbelastung für das fünfköpfige Team an Brandschutzkontrolleuren «immens» und das Tempo «sehr hoch» sei.

Die Stärke der Laien in Crans-Montana

Die Walliser Freiwilligen-Feuerwehr redet nun offen über Personalmangel. Man ist sich sicher: Wäre das Unglück nicht in der Silvesternacht passiert, in der ohnehin mehr Personal auf Pikett ist, hätte es noch schlimmer kommen können. 

Im Ausland wurde schnell Kritik laut, dass Laien die Ersthilfe leisteten. Es war von Amateurhaftigkeit die Rede oder davon, dass die Schweiz für Grossereignisse zu wenig vorbereitet sei. 

Unter den Ersthelfer:innen der Katastrophe herrscht jedoch eine andere Meinung. Die Effizienz, Solidarität und das bürgerschaftliche Engagement wurden vielfach gelobt, insbesondere von Stéphane Ganzer, dem Leiter der Abteilung für Sicherheit, Institutionen und Sport. «Das ist das Besondere an unserem System: Wir bringen Fachleute und Freiwillige zusammen, und dieses System hat sich bewährt», erklärte er am Tag nach der Tragödie im Radio Chablais.

Solidarität mit Rissen

«Die Rettungskette war absolut bewundernswert», sagte auch ein Anästhesist des Genfer Spitals, der in der Nacht des Brandes zufällig in Crans-Montana war gegenüber RTS. «Ich persönlich habe keine Fehler gesehen, sondern nur enorme Hilfsbereitschaft.»

Bei der Erstversorgung zeigte sich die Schweiz von ihrer bekannten Seite: Durchorganisiert, verlässlich und solidarisch.

Doch es gibt Risse. In der Schweiz ist die Solidarität stufenweise ausgestaltet. Der Grosse hilft dem Kleinen. Wenn einzelne Bürger einen Schaden nicht tragen können, hilft die Gemeinde. Übersteigt der Schaden deren Kraft, hilft der Kanton. Und wenn der Kanton überfordert ist, hilft der Bund. So lief es auch beim Bergsturz von Blatten.

Auch die kantonalen Versicherungen funktionieren nach dem Solidaritätsprinzip: Alle zahlen ein und alle beteiligen sich an der Prävention. Wenn dennoch ein Schaden eintritt, zeigt sich die Stärke der Gemeinschaft. Das Wallis ist jedoch einer der wenigen Kantone, die weder über eine kantonale Gebäudeversicherung noch über eine Versicherungspflicht verfügen. Auch in Blatten waren einige Eigentümer nicht versichert.

Andere Kantone sind irritiert

Die politische Linke im Wallis hat über Jahrzehnte hinweg versucht, eine kantonale Gebäudeversicherung einzuführen. Eine solche Versicherung hätte alle Mittel, um die geltenden Regeln durchzusetzen, argumentierte sie. Eine öffentliche Versicherung hätte das Geld, die Unabhängigkeit, das authentische Interesse und die professionelle Expertise zur Brandprävention. Doch das Kantonsparlament verwarf dieses Modell jedes Mal.

Der Gebirgskanton Wallis erhält über den Schweizer Finanzausgleich Gelder von den reichen Wirtschaftskantonen der Schweiz. Im Jahr 2026 sind es 862 Millionen Franken. Kaum ein anderer Kanton ist Naturgefahren mehr ausgesetzt und nur Bern erhält noch mehr Geld. Daher ist es in Zürich und Basel irritierend, wenn ausgerechnet das Wallis die grundlegendsten Bestimmungen des sicheren Zusammenlebens missachtet. Das Entsetzen hat die Schweiz erfasst.

Dennoch trauert am Freitag weder die Gemeinde Crans-Montana noch der Kanton Wallis allein. Die ganze Schweiz kommt zusammen, um einer der schlimmsten Tragödien ihrer Geschichte zu gedenken.

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Editiert von Samuel Jaberg

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