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Vinzenz Hediger: «Die Cinémathèque Suisse ist eine Institution des Weltkulturerbes»

Ein Mann inmitten von Filmrollen, eine hält er unter dem Arm
Vinzenz Hediger, der neue Direktor des Schweizer Filmarchivs, im Forschungs- und Archivzentrum in Penthaz bei Lausanne. Keystone / Jean-Christophe Bott

Der neue Direktor der Cinémathèque Suisse, Vinzenz Hediger, erläutert im Gespräch mit Swissinfo seine Ziele. Er will ein weltbekanntes Archiv bewahren, vergessene Formate wiederentdecken und das Schweizer Filmerbe einem Publikum im ganzen Land zugänglich machen.

Die Cinémathèque SuisseExterner Link in Lausanne hat auf Anfang Jahr ihre Leitung dem Filmwissenschaftler und ehemaligen Filmkritiker Vinzenz Hediger anvertrautExterner Link.

Swissinfo traf ihn an der Berlinale in Berlin um über die Anforderungen seiner neuen Rolle zu sprechen.

Denn über die individuelle Arbeit der Archivarinnen und Archivare hinaus sind es Personen wie Hediger, die entscheiden müssen, was einen Platz im Rettungsboot des Films erhält, wenn so viele Projekte darauf warten, an Bord geholt zu werden.

Höchste Sorgfalt nötig

«Das ist eine zentrale Frage», sagt Hediger gegenüber Swissinfo. «Die verborgene Geschichte aller Archive ist die Geschichte von Ablehnungen und des Nein-Sagens. Die Ressourcen und der Platz sind begrenzt, und so muss man zu vielen Dingen Nein sagen.»

Einrichtungen wie die Cinémathèque Suisse tragen filmisches Material aus aller Welt, aus Privatsammlungen und anderen Quellen, zusammen und sichern deren physische Erhaltung.

Dann müssen sie diese katalogisieren, scannen, säubern und nach einem aufwendigen Restaurierungsprozess makellose digitale oder Zelluloid-Versionen erstellen.

Höchste Sorgfalt ist nötig. Schliesslich soll garantiert werden, dass die interessierte Öffentlichkeit einen Zugang zu diesen Werken erhält und deren Erhaltung für die Zukunft garantiert ist.

Ein kleines Steingebäude
Die ersten Räumlichkeiten des Schweizer Filmarchivs – Place de la Cathédrale 13 – auf einem Foto aus dem Jahr 1951… Collection Cinémathèque Suisse, Tous Droits Réservés
Ein modernes Gebäude auf dem Land
… und das hochmoderne Forschungs- und Archivzentrum in Penthaz im Kanton Waadt, das sich über eine Fläche von 13’000 Quadratmetern erstreckt. sda-ats

Von der Boulevardpresse zur Filmgeschichte

Hedigers Weg an die Spitze einer der bedeutendsten Filminstitutionen Europas begann auf den Kulturseiten der grössten Schweizer Boulevardzeitung BlickExterner Link.

In den 1990er-Jahren finanzierte er sein Studium in Zürich, indem er Filmkritiken verfasste – zu einer Zeit, als die Tageszeitung begann, in einen Kulturteil zu investieren.

«Dort habe ich das Schreiben gelernt», sagt er rückblickend. «Jeder hohe intellektuelle Anspruch, den man an diesen Job stellt, führt dazu, dass man am nächsten Tag gefeuert wird. Blick-Leserinnen und -Leser sind nicht dumm. Es sind arbeitende Menschen, sie haben sehr wenig Zeit und meist sehr wenig Geld, und sie haben genauso wie alle anderen das Recht zu erfahren, was im Kino läuft.»

Zehn Filme pro Woche anzuschauen und mehrere kurze Kritiken zu verfassen, lehrte ihn, Ideen auf das Wesentliche zu reduzieren. Er sagt, der Job habe ihn gezwungen, seine Sprache an eine Leserschaft aus Arbeiter:innen anzupassen, ohne herablassend zu wirken. Bis heute prägt diese Herangehensweise seine Arbeit.

Hediger wuchs in den 1970er-Jahren in der Schweiz auf, «einer der grossen Momente des Schweizer Films», wie er sagt. Er erinnert sich daran, dass seine Eltern ihn sowohl zu Disneys Zeichentrickfilm «101 Dalmatiner» (1961) als auch zu Yves Yersins «Les Petites Fugues» (1979) mitnahmen: «Ich sah diese Filme auf einer Ebene.»

Externer Inhalt

Auf der Spur der Filmtrailer

Dieser tief verwurzelte Respekt vor dem Filmschaffen erleichtert ihm heute seine Aufgabe als Chef des nationalen Filmarchivs. Hauptgeldgeber der Cinémathèque ist der Bund – damit ist sie eine wahrhaft nationale Institution mit allen damit verbundenen Verantwortlichkeiten.

«Teil meiner Aufgabe ist es, sie sehr sichtbar zu machen, nicht nur in Lausanne, sondern in der ganzen Schweiz», so Hediger. Dies geschieht durch ein Netzwerk von Partnerkinos, Kooperationen mit Fernsehsendern, digitale Formate und eine enge Zusammenarbeit mit Festivals in allen Sprachregionen der Schweiz.

Kommende Highlights

Ein Buch mit titel "Films that Work"
Neben einem Buch über Trailer hat Hediger auch mehrere Bücher zu Themen verfasst, die vernachlässigt wurden. Im Fall von «Films that Work» konzentrieren sich Hediger und Co-Autor Patrick Vonderau auf die Geschichte der Industriefilme – von staatlichen Stellen produzierte und von der Industrie finanzierte Filme. Diese zielten darauf an, die Ziele ihrer Auftraggeber zu erreichen, als diejenigen der beteiligten Kunstschaffenden. Reproduction

«Die gängige Geschichtsschreibung zum Schweizer Film konzentriert sich auf das Autorenkino», sagt Hediger. «Wenn man sich jedoch für die Kontinuität der Filmproduktion in der Schweiz interessiert – einem Land, das nie wirklich eine Filmindustrie hatte –, muss man sich Auftragsfilme und Industriefilme ansehen.»

Mit diesem Genre begann seine berufliche Zusammenarbeit mit der Cinémathèque Suisse, anfänglich als Postdoktorand. In den Archiven von Lausanne stellte er fest, dass die Bestände der Cinémathèque riesig sind und lange Zeit ignoriert worden waren.

Die Industriefilme führten ihn auf die Spur für eine weitere vergängliche Kunstform: Filmtrailer. Hediger sagt, er sei auf die Idee gekommen, Trailer zu erforschen, als ihm klar wurde, «dass noch niemand ein Buch darüber geschrieben hatte».

Seine Recherchen führten ihn in Archive in ganz Europa und den USA, zu einer Zeit, als noch nichts von diesem Material online war. Jeder Trailer musste noch auf Film oder Band gesichtet werden.

«Immer wenn ich in ein Archiv kam, sagte der Archivar oder die Archivarin ausnahmslos: ‘Das ist ein tolles Thema. Aber wir haben nichts dazu’», sagt er amüsiert im Rückblick.

«Das war aber nicht ganz wahr. Ich musste einfach ein ganzes Verzeichnis von Suchbegriffen für die Archivrecherche entwickeln, dazu biografische Anhaltspunkte und einige andere Dinge, die mich dazu brachten, Korrespondenz und Studiounterlagen zu entdecken und zu konsultieren.» Mit diesem Ansatz konnte er die Geschichte der Filmtrailer rekonstruieren.

Ein Weltklasse-Archiv von in einem kleinen Land

Hediger schwärmt vom Potenzial der Cinémathèque Suisse. Und er ist überzeugt, dass viele Bürgerinnen und Bürger in der Schweiz nicht begriffen haben, wie aussergewöhnlich ihr nationales Filmarchiv ist.

«Es handelt sich um die sechstgrösste Filmsammlung der Welt», sagt er. «Sie hat diese Grösse und Bedeutung erreicht, weil die Schweiz gemessen an ihrer Grösse eine unglaublich reiche Kinokultur hatte und weiterhin hat.»

Neben einer Sammlung bedeutender Schweizer Filme stellt der Bestand eine Chronik dessen dar, was im Land über Jahrzehnte gezeigt wurde. Dies verdankt sich einer Praxis, wonach die Verleiher jeweils eine Kopie ihrer Filme in Lausanne hinterlegten.

«Sie überliessen die überschüssigen Verleihkopien dem Filmarchiv und behielten die guten», sagt Hediger. Die daraus resultierenden vorführbaren Filmrollen, meist Originalkopien mit deutschen und französischen Untertiteln, werden von Festivals und anderen Institutionen geschätzt. Sie leihen diese gerne für ihre Programme aus.

Hediger erzählt, dass es vor einigen Jahren zu einem kleinen Erdbeben im internationalen Netzwerk des Klassikfilmvertriebs kam, als die Cinémathèque die Ausleihe von Filmkopien vorübergehend einschränkte. Denn viele Festivals hatten sich daran gewöhnt, klassisches Filmmaterial aus Lausanne zu beziehen.

Hediger sagt daher: «Die Cinémathèque Suisse ist eher eine Institution des Weltkulturerbes als ein regionales oder nationales Archiv.»

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Nicht alles kann gerettet werden

Manche bedeutenden Sammlungen gelangten eher zufällig in die Einrichtung, etwa das persönliche Archiv des französischen Regisseurs Claude Autant-Lara (1901-2000).

Er fühlte sich in Frankreich lange Zeit unterschätzt und liess sich daher – auch aus steuerlichen Gründen – in Lausanne nieder. Schliesslich vermachte er als Rache für die von ihm empfundene Geringschätzung in Frankreich seine Materialien und Unterlagen der Cinémathèque in Lausanne und nicht einem der vielen Archive in seinem Heimatland.

Dennoch muss die Romantik der Filmgeschichte ständig gegen die Zwänge von Budgets, Prioritäten und verfügbare Ressourcen abgewogen werden. Die Bundesmittel für die Cinémathèque sind seit zwei Jahren eingefroren, was effektiv einer realen Budgetkürzung von zwei bis vier Prozent entspricht.

Ein Mann vor einer Wans mit Aufschrift "cinéma"
Vinzenz Hediger: «Die Cinémathèque Suisse ist eher eine Institution des Weltkulturerbes als ein regionales oder nationales Archiv.» Keystone / Jean-Christophe Bott

Die Corona-Pandemie ab dem Jahr 2020 gab den Menschen Zeit, ihre Dachböden und Keller aufzuräumen, was zu einem Boom an wiederentdeckten Filmen führte. Seither wurde die Cinémathèque mit Amateurfilmen und Streifen aus Privatsammlungen überschwemmt.

Ein laufendes Projekt, so Hediger, betrifft einen Fundus an 9,5-mm-Pathé-Baby-Rollen. Gedreht wurden diese von einem Mann aus dem Kanton Waadt, «wirklich grossartige Filme über die lokale Landschaft und seine Nachbarschaft».

«Es sind wunderbare Filme, und wir werden sie im Kino zeigen», sagt Hediger, wobei seine Liebe zu solchen Überresten der Filmgeschichte offensichtlich ist. «Das ist lokales Kino: Ins Kino gehen, um die eigene Heimat so zu sehen, wie sie vor 50 Jahren war. Das ist ein Nervenkitzel.»

Diese filmhistorischen Erinnerungsstücke mögen einst völlig irrelevant erschienen sein – und für viele sind sie das vielleicht immer noch. Doch was zu einem bestimmten Zeitpunkt aus der Filmgeschichte Eindruck hinterlässt, ist unvorhersehbar.

Archive können lediglich eine makellose Präsentation und faire Zugänglichkeit gewährleisten. Ansonsten kann selbst das, was einst nebensächlich erschien, heute vielleicht Berge versetzen, wenn es in einem neuen Kontext und einem neuen Publikum gezeigt wird.

Editiert von Eduardo Simantob/ts, Übertragung aus dem Englischen mithilfe von Deepl: Gerhard Lob/raf

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