Tessin fürchtet Bilaterale
Der Kanton Tessin ist verunsichert, weil die Bilateralen Verträge mit der EU die Grenze zu Italien weiter aufweicht. Es droht zunehmende Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt.
Diesen Sommer sollten die Bilateralen in Kraft treten. Für den Grenzkanton Tessin bedeutet dies Umdenken in jeder Hinsicht. Denn der freie Personenverkehr bringt mehr Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt.
«Härtere Konkurrenz hat Vor- und Nachteile», meinte zwar die liberale Tessiner Finanzministerin Marina Masoni unlängst an einer Wirtschaftveranstaltung in Mailand pragmatisch. «Unserer Löhne werden unter Druck geraten, das ist ein Nachteil».
Gegenseitig profitieren
Bis anhin schöpfte die Grenzregion vor allem aus den gesetzlichen Unterschieden der beiden Länder Profit. Die Bilateralen erfordern hingegen eine stärkere Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Die Frage ist, inwiefern die Lombardei daran interessiert und das Tessin dazu fähig ist.
Sergio Valentini, bei der lombardischen Handelskammer für die Kontakte mit dem Ausland zuständig, sieht Möglichkeiten für eine fruchtbare Zusammenarbeit. In der Technologie leide die Lombardei unter einem starken Defizit. Da gelte es Brücken zu schlagen. Etwa mit Technologieparks und gemeinsamer Forschung.
Auch Masoni glaubt an die Konkurrenzfähigkeit ihres Kantones. Sie will aus dem Tessin eine Dienstleistungs-Plattform für die nahe Lombardei machen.
Die Italiener arbeiten billiger
Andere Töne haben indes die Vertreter des Tessiner Baugewerbes angeschlagen. Bei ihnen überwiegt die Skepsis. «Wir können mit den Italienern nicht Schritt halten», klagt Ebgardo Rossi, Präsdent des Tessiner Plattenlegerverbandes. «Die Italiener arbeiten schneller und für weniger Geld».
Bei den Schreinern spricht man gar von «Infiltration aus dem Süden». Es komme immer häufiger vor, dass italienische Firmen von Privaten mit Arbeit beauftragt würden. Das sei der Anfang vom Ende der einheimischen Schreinereien. Gegen die «unfaire» Konkurrenz aus dem Ausland müsse unbedingt etwas unternommen werden, fordern die Gewerbevertreter.
Fremd und weniger fremd
Der Kanton ist derweil damit beschäftigt, sein Personal auf die Änderungen vorzubereiten. Vom Grenzwächter über den Polizisten zum Steuerbeamten: In der Tessiner Verwaltung sind viele davon betroffen.
Die Abteilung der Arbeitsbewilligungen muss vollständig neu organisiert werden. «Der Polizeiaspekt wird zweitrangig», sagt Moreno Capella, Vorsteher des Amtes. «Statt zehn Dokumente verlangen wir von einem EU-Bürger künftig nur noch zwei».
Beim Personal müsse deshalb ein Mentalitätswandel stattfinden. Denn ein EU-Bürger sei künftig weniger fremd als heute. Für die residierenden EU-Bürger dürfte sich der Weg durch den Verwaltungsdschungel etwas lichten. Aus der B-Bewilligung etwa wird eine B-EU, die nicht mehr wie bisher nur ein Jahr gültig ist, sondern fünf Jahre.
«Mir wurde gesagt, alles werde einfacher», sagt ein junger Italiener, der im Tessin arbeitet. «Aber wie das genau läuft mit den Bilateralen, weiss ich auch noch nicht».
swissinfo und Ursina Trautmann, sda
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