Armeechef: «Die Schweiz ist ein Ziel für Moskau»
Im Gespräch erklärt Armeechef Benedikt Roos die Bedrohung durch Russland und warum er manchmal Angst um die Schweiz hat.
Die Sicherheitslage hat sich weltweit verschärft, und auch die Schweiz bleibt davon nicht unberührt. Nach Sabotageakten in Deutschland und zunehmenden Spannungen mit Russland stellt sich die Frage, wie verwundbar die Schweiz ist. Laut Armeechef Benedikt Roos wird die Schweiz täglich angegriffen.
Benedikt Roos ist seit dem 1. Januar 2026 Chef der Schweizer Armee. Ihm unterstehen der Armeestab, das Kommando Operationen, die Logistikbasis der Armee, das Kommando Cyber und das Kommando Ausbildung.
SRF: Haben Sie Angst um die Schweiz?
Benedikt Roos: Ich mache mir Sorgen. Wir müssen davon ausgehen, dass es in der Schweiz Ziele gibt, die ein grosser Player in diesem globalen Machtspiel angreifen könnte.
Der Nachrichtendienst nennt Russland als Hauptaggressor. Ist die Schweiz ein Ziel für Moskau?
Jawohl. Es ist ein Kampf der Systeme: die freiheitlich-demokratische Welt gegen die autokratische. Wir sind mehr als je zuvor Teil der westlichen Welt und damit ein potenzielles Ziel.
Warum sollte Russland die Schweiz angreifen?
Die Schweiz hat kritische Infrastrukturen, die für ganz Europa wichtig sind: Strom- und Gasverteilung, die wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen, grosse Datencenter. Wer Europa destabilisieren will, könnte hier ansetzen.
Hören Sie das ganze SRF-Interview mit Armeechef Benedikt Roos:
In Leipzig wurden Drohnen mit Sprengstoff gefunden. Wie real ist diese Bedrohung hier?
Wir stellen in der Schweiz mehr Tätigkeiten in diesem Bereich fest. Wir haben mehr Drohnenflüge über kritischer Infrastruktur. Zum Glück noch ohne Bomben, aber das könnte auch bei uns passieren.
Über Schweizer Militäranlagen tauchen immer wieder unbekannte Drohnen auf. Wer steckt dahinter?
Bei rund 80 Prozent der Überflüge sind es Touristen oder Private. Aber bei 20 Prozent sind wir nicht sicher und können sie nicht klar zuordnen. Wir verfolgen in Zusammenarbeit mit der Polizei einige Fälle strafrechtlich, aber wir wissen noch nicht, wer dahintersteckt.
Die Gefahr ist real, doch die Armee baut ein Kompetenzzentrum für Drohnen erst jetzt auf. Macht Ihnen dieser Rückstand in der Drohnentechnologie Sorgen?
Das macht mir Sorgen. Aber wir rüsten auf. Die Anzahl kleiner Aufklärungsdrohnen bei den Truppen wurde innerhalb eines Jahres verzehnfacht. Jetzt müssen wir bei der Drohnenabwehr vorwärts machen. Das ist eine der Lücken, die wir dringend schliessen müssen.
Neben Drohnen gibt es auch die Gefahr durch Raketen. Sie sagten zur Luftverteidigung einst: «Wir haben nichts. Null.» Gilt das immer noch?
Ja, das ist so, wenn wir über die Abwehr von Marschflugkörpern oder ballistischen Raketen sprechen. Hier haben wir grosse Lücken. Das neue Patriot-System verzögert sich und wird teurer. Wir prüfen deshalb Alternativen, um diese Lücke schneller schliessen zu können.
Wie schätzen Sie das Bewusstsein der Schweizer Bevölkerung für diese Bedrohungslage ein?
Das ist der entscheidende Punkt. Das Bewusstsein ist noch nicht da. Wir sind keine Insel der Glückseligen mehr. Zum guten Glück haben wir kein Gedächtnis mehr, was Krieg bedeutet. Aber das Bewusstsein, dass die Schweiz in eine Krise geraten könnte, ist noch zu wenig stark ausgeprägt.
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