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25 Jahre nach 9/11: «Ich habe nie darüber geredet, bis jetzt»

Bild der brennenden Twin Towers
Diese Bilder gingen vor 25 Jahren um die Welt - Beat Reinhart hat den Anschlag hautnah miterlebt. Keystone

Am Morgen des 11. September 2001 arbeitete Auslandschweizer Beat Reinhart direkt gegenüber den angegriffenen Twin Towers. Er hat die Anschläge hautnah miterlebt. Ein Protokoll.

«Den Morgen des 11. September halte ich mir immer frei. Es steht nichts in meiner Agenda, seit 25 Jahren.

Ich spreche nie über den 11. September 2001. Es sei denn, ich muss es unbedingt. Ich musste die Dinge für mich selbst ordnen. Es braucht unglaublich viel Zeit, um so ein Trauma zu verarbeiten. Es war ja nicht nur dieser eine Tag, sondern die darauffolgenden Monate, der ständige Brandgeruch, das Arbeiten in einem Keller.

Beat Reinhart am Times Square
Beat Reinhart zVg

Für mich ist der 25. Jahrestag die Gelegenheit, mich endlich zu öffnen – auch meinen Eltern gegenüber, die an diesem Tag in meiner Wohnung in New Jersey auf der Terrasse sassen und die Flugzeuge in die Tower fliegen sahen.

An den Morgen des 11. September erinnere ich mich genau. Ich war wie immer um sieben Uhr morgens im Büro. Um 7:10 Uhr war man am Handelstisch schon spät dran. Ich arbeitete damals für die Commerzbank.

Ich ging in mein Büro und dachte mir – das war, bevor wir Handys hatten: Oh mein Gott, heute wäre der Tag gewesen, an dem man eine Kamera mit ins Büro hätte bringen sollen. Es herrschte kristallklare Sicht, ein echter Bilderbuchtag. Seither war es nie mehr so klar.

Ich arbeitete im 32. Stock, als ich ein Geräusch hörte – so stelle ich mir den Klang einer Rakete vor. Dieses Geräusch, wie ein Triebwerk. Und dann hörte es einfach auf. Wir hörten keine Explosion im klassischen Sinne, eher einen Aufprall, und spürten eine Druckwelle. Dann waren alle unsere Telefone im Handelsraum tot – auch die Broker-Kanäle.

Ich wusste, aus welcher Richtung das Geräusch kam, und ging zur Ostseite, um nach oben zu schauen. Ich war absolut fassungslos. Das zweite Mal. Denn schon 1993 erlebte ich im selben Büro einen Terroranschlag, die Explosion im Parkhaus des World Trade CentersExterner Link. Auch damals blieb ich verschont.

Ich stand mindestens eine Minute am Fenster und beobachtete einen Regen von Papier, der aus dem Gebäude kam. Wie konnte da oben so viel Papier sein? Es kam einfach immer mehr. Das ergab keinen Sinn.

Am 11. September 2001 entführten Terroristen vier Passagierflugzeuge. Zwei davon wurden in die Türme des World Trade Centers in New York gelenkt, ein drittes traf das Pentagon bei Washington. Das vierte Flugzeug stürzte in Pennsylvania ab. Bei den Anschlägen starben fast 3000 Menschen.

Auch die Schweizer Gemeinschaft war betroffen. Zwei Schweizer Staatsangehörige kamen bei den Anschlägen in New York ums Leben. In den Tagen danach versuchte das eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA, den Verbleib von Hunderten Schweizerinnen und Schweizern in den USA zu klären.

Im Grossraum New York, New Jersey und Connecticut lebten damals um 20’000 Schweizerinnen und Schweizer. Heute sind in der Region über 26’000 Staatsangehörige angemeldetExterner Link.

Der zweite Gedanke war: Wir werden für den Rest unseres Lebens nie wieder frei reisen können. Sie haben es wieder getan und unsere Freiheit ist dahin.

Dann schaute ich nach unten – und ich sah eine Person auf dem Mittelstreifen der vier Fahrspuren liegen. Sie bewegte sich nicht. Warum ruft niemand einen Krankenwagen, fragte ich mich.

Ich ging zurück in den Handelsraum. Alle versuchten irgendwie ihre Familienmitglieder zu erreichen. Ich machte mir Sorgen um meine Mutter.

Meine Eltern waren zu Besuch. Sie lebten damals seit fast 20 Jahren wieder in der Schweiz – alle zwei, drei Jahre kamen sie mich besuchen. Meine Mutter hatte am Vorabend gesagt, dass sie am Morgen in die Buchhandlung im World-Trade-Center-Komplex gehen wollte.

Ich konnte sie telefonisch nicht erreichen. Kurz darauf hörten wir eine gewaltige Explosion. Der Boden unter mir schwankte. Das zweite Flugzeug war aus einem anderen Winkel in den Südturm eingeschlagen. Es wurde mucksmäuschenstill. Niemand sagte etwas.

World Trade Center - 9/11 das zweite Flugzeug fliegt auf die Towers zu.
Das zweite Flugzeug (United-Airlines-Flug 175) schlug am 11. September 2001 um 9:03 Uhr Ortszeit (New York) in den Südturm des World Trade Centers ein. Keystone / AP

Ich stand auf und wusste: Wir müssen hier raus. Ich sah die zierliche philippinische Frau im Back-Office, die völlig erstarrt an ihrem Schreibtisch sass. Ich habe sie an der Hand genommen und bin mit ihr aus dem Gebäude geflüchtet. Niemand hat ein Wort gesagt.

Wir liefen die Nottreppe hinunter. Der Notausgang gegenüber dem Nordturm war geschlossen. Lange Zeit waren wir im Dunkeln. Ich erinnere mich an einen langen Korridor, dann kamen wir beim South Tower raus.

Wir waren zuletzt noch eine Gruppe von etwa sieben Leuten, und ich hatte die Verantwortung für zwei junge Praktikantinnen aus Deutschland.

Beat Reinhart (62) lebt seit Jahrzehnten im Grossraum New York. Der schweizerisch-amerikanische Doppelbürger wuchs in den USA und der Schweiz auf. Seine Eltern stammen aus dem Kanton Thurgau und leben heute in Lausanne. Nach Studienaufenthalten in den USA, Deutschland und der Schweiz machte Reinhart Karriere im Finanzsektor und arbeitet heute für ein grosses US-Finanzunternehmen. Seit vielen Jahren engagiert er sich in Schweizer Vereinen in New York. Er lebt auf einer historischen Farm in New Jersey.

Wir entschieden uns zum Fähranleger zu gehen. Unser Glück, die Fähre war in Betrieb. Es war die letzte Fahrt. Ich musste für jede einzelne Person, die ich auf dieses Boot brachte, bezahlen.

Wir gingen aufs Oberdeck. Der Wintergarten zwischen dem World Financial Center und den Zwillingstürmen lag genau im Blickfeld. Dahinter die Türme, brennend, umhüllt von einer riesigen Wolke aus Papier und Rauch.

Ich wollte die Leute, die mit mir waren, in meine Wohnung in Jersey City bringen. Wir gingen die Montgomery Street hinauf, als mich der Chauffeur einer schwarzen Limousine fragte, woher wir kamen. Aus dem Wagen dröhnte laut das Radio, die Nachrichten liefen. Ich antwortete, vom World Trade Center. Und er sagte: ‹Sie greifen alles an.›

Das war für mich der erste Hinweis, dass nicht nur das World Trade Center angegriffen worden war.

Wir gingen zu meiner Wohnung, wo ich meine Eltern erwartet hatte. Ich schloss meine Wohnungstür auf, ging ins Wohnzimmer – niemand da. Mir blieb das Herz stehen. Aber in der Wohnung gab es eine Treppe, die nach oben auf die Dachterrasse führte. Und dort oben standen sie alle, meine Mutter, mein Vater und meine Schwester.

Von dort aus sahen wir die Türme einstürzen.

Der Himmel war leer. Unsere Seelen waren leer. Nichts als blauer Himmel über den verlassenen Strassen.

Später hörte ich, dass der Einsturz der Türme die Fenster der unteren 17 Stockwerke meines Bürogebäudes herausgesprengt hatte.

Skyline 2989 gemalt in Öl
Gemalt im Jahr 1989 zeigt dieses Bild die Sicht aus der Wohnung von Beat Reinhart in Jersey City auf die Twin Towers. zVg

Es hat mehr als zehn Jahre gedauert, bis meine heute 93-jährigen Eltern überhaupt ein Wort über diesen Tag verloren haben. Wir haben nie darüber gesprochen. Erst diese Woche, 25 Jahre danach, führten wir vielleicht das offenste Gespräch, das wir je dazu hatten – und es dauerte nur zwei Minuten.

Sie sassen an diesem Morgen auf meiner Terrasse und frühstückten, als sie das erste Flugzeug direkt vor ihren Augen einfliegen sahen. Nur eine Meile Luftlinie entfernt, mit völlig freier Sicht.

Es dauerte 25 Jahre, bis ich erfuhr, warum meine Mutter an diesem Morgen nicht im World Trade Center war. Meine Schwester hatte im letzten Moment gesagt: ‹Ach komm, lass uns doch lieber hier gemütlich auf der Terrasse frühstücken. Ich laufe runter und hole uns frische Bagels.›

Der Schock in den folgenden Tagen sass tief. Da war noch dieser Geruch. Der Geruch des Feuers. Es roch nicht nach Holz, nicht nach Papier, nicht nach Plastik. Es war ein ganz eigener, beissender Geruch. Bis Weihnachten blies der Wind mehrmals pro Woche den Rauch über den Fluss direkt in meine Wohnung in Jersey City.

Etwa einen Monat nach den Anschlägen wurde ich krank – ich hatte eine schwere Gürtelrose und war zwei Wochen lang arbeitsunfähig. In dieser Zeit gingen meine Kolleginnen und Kollegen täglich an ein, zwei, drei oder mehr Beerdigungen. Wir trauerten um so viele Menschen: Mitglieder der New Yorker Feuerwehr, Angehörige von Kollegen und Menschen, mit denen wir eng zusammengearbeitet hatten.

Meiner Familie und mir ist an diesem Tag nicht das Schlimmste zugestossen, aber um uns herum haben so viele Menschen alles verloren.

In den folgenden Monaten pendelte ich täglich mehrere Stunden zu unserem Notfallstandort in Connecticut, wo wir in einem Kellergeschoss arbeiteten.

One World Trade Center
Beat Reinharts Arbeitsplatz befindet sich heute im One World Trade Center im 39. Stock (Turm in der Mitte). zVg

Heute arbeite ich im 39. Stock des wiederaufgebauten One World Trade Centers – dem sogenannten Freedom Tower. Den Wiederaufbau habe ich aus der Ferne von Anfang an täglich mitverfolgt.

Trotzdem hat es sehr lange gedauert, bis ich nach der Fertigstellung überhaupt wieder einen Fuss in diese Gegend setzen konnte. Dass der Freedom Tower gebaut wurde und das Leben dorthin zurückgekehrt ist, bedeutet mir mehr als jede Gedenkstätte. Es zeigt, dass die Stadt lebt.

Jetzt, wo zum Jahrestag wieder überall darüber berichtet wird, schalte ich Fernseher und Radio aus. Ich kann es nicht hören.

Ich weiss, es ist reines Schicksal, reines Timing – ob dir ein Stück Beton auf den Kopf fällt oder ob jemand sagt: ‹Lass uns erst noch einen Bagel essen.›»

Editiert von Balz Rigendinger

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