Schweizer Proteste gegen Chinas Gewalt in Tibet

Keystone

Vor dem chinesischen Konsulat in Zürich haben am Samstag rund 2000 Personen gegen die Unterdrückung der tibetischen Proteste in Lhasa durch China demonstriert.

Dieser Inhalt wurde am 16. März 2008 - 15:26 publiziert

In der tibetischen Hauptstadt starben rund 80 Demonstranten. Das harte Einschreiten Chinas wurde von zahlreichen Staaten kritisiert, auch von der Schweiz.

Die tibetische Exilregierung in Indien hat die Opferzahl bestätigt. Mindestens 72 Menschen seien verletzt worden.

Chinesische Sicherheitskräfte sind überall in Lhasa präsent, wo das öffentliche Leben still steht. Touristen wurden angewiesen, Tibet zu verlassen.

In seinem indischen Exil in Dharamsala verurteilte der Dalai Lama die chinesische Gewalt. "Ob mit oder ohne Absicht - es findet eine Art kultureller Völkermord statt", sagte das geistige Oberhaupt der Tibeter.

Der Friedensnobelpreisträger von 1989 forderte eine internationale Kommission, welche die Lage in Tibet untersuchen und die Ursache klären solle.

Starker internationaler Protest

In vielen Städten des Westens demonstrierten am Samstag Menschen gegen China. In Zürich gaben gegen 2000 Personen vor dem chinesischen Konsulat ihrer Besorgnis und Wut über die Situation in Tibet Ausdruck. Mit der Aktion wollten sie ein Zeichen setzen gegen die Gewalt.

Viele trugen tibetische Fahnen mit sich. Auf Transparenten und Kartonschildern forderten sie etwa "China raus aus Tibet", "Free Tibet" oder "Aidez le Tibet".

Aufruf an den Bundesrat

Zur Protest- und Solidaritätsaktion aufgerufen hatten unter anderem die Tibeter Gemeinschaft in der Schweiz und Liechtenstein und die Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft.

In kurzen Ansprachen gingen Vertreter der Organisationen auf die prekären Zustände in ihrer Heimat ein. Verschiedene Redner appellierten an die Schweizer Regierung, eine Delegation nach Tibet zu entsenden, welche die Vorfälle untersuchen solle.

Zudem solle sich die Schweizer Regierung für die Freilassung der Gefangenen einsetzen. Die chinesische Regierung forderten sie auf, sofort jegliche Waffengewalt einzustellen. Ein Massaker, wie es auf dem Tienanmen-Platz 1989 stattfand, müsse in Tibet verhindert werden.

Kurzer Zwischenfall

Vom Internationalen Olympische Komitee von China wurde die Einhaltung der Menschenrechte und die Erfüllung anderer Versprechen verlangt.

Als einige Demonstranten auf das chinesische Konsulat losstürmen wollten, setzte die Polizei kurz Tränengas ein. Abgesehen davon verlief die Kundgebung friedlich.

Menschenrechte respektieren

Die Schweiz hat die Gewaltakte gegen Demonstranten in Tibet verurteilt. Die Einhaltung der Menschenrechte sei von zentraler Bedeutung, teilte das Schweizerische Aussenministerium (EDA) mit.

Die Schweiz rufe die chinesischen Behörden auf, von jeglicher unverhältnismässigen Gewaltanwendung abzusehen. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf freie Meinungsäusserung müsse als Menschenrechte respektiert werden.

Alle Inhaftierten müssten im strikten Einklang mit den entsprechenden internationalen Menschenrechtsnormen behandelt werden und jene Personen, die friedlich demonstriert hätten, seien unverzügliche freizulassen.

Kein Nachgeben Chinas

Um die Menschenrechtslage in Tibet zu verbessern und eine nachhaltige und friedliche Lösung der tibetischen Frage zu ermöglichen, ist laut EDA der Dialog mit der tibetischen Gemeinschaft unumgänglich.

Ungeachtet der Appelle aus dem Ausland will China offenbar weiter mit aller Härte auf die Proteste in Tibet reagieren. Gegen die Demonstranten werde barsch vorgegangen, erklärte der von Peking bestellte Vorsitzende der Regierung der autonomen Region Tibet, Champa Phuntsok.

Schild wird aktiv

Der Chef von Swiss Olympic, Jörg Schild, forderte das Internationale Olympische Komitee (IOK) zu einer Intervention in China wegen der Unruhen in Tibet auf.

Für ihn sei "der Rubikon überschritten", sagte der Leiter des Dachverbandes des Schweizer Sports. Zugleich sprach sich Schild aber gegen einen Boykott der Olympischen Sommerspiele in Peking aus.

Einen solchen forderte der US-Schauspieler und Buddhist Richard Gere. IOK-Präsident Jacques Rogge lehnte einen solchen aber kategorisch ab.

swissinfo und Agenturen

Langer Konflikt abseits des Weltinteresses

Peking betrachtet Tibet als Teil Chinas.

1950 marschierte die Volksbefreiungsarmee Maos in Tibet ein.

Der Dalai Lama, das religiöse Oberhaupt der Tibeter, fordert Selbstbestimmung, nicht politische Unabhängigkeit.

1959 schlugen die Chinesen einen Aufstand blutig nieder, der von Mönchen und Nonnen getragen wurde. Es gab Zehntausende von Toten.

Der Dalai Lama flüchtete mit rund 120'000 Tibetern nach Indien, wo bis heute der Sitz der Exilregierung ist.

Zwischen 1966 und 1976 wurden während der Kulturrevolution die meisten der rund 6000 buddhistischen Klöster Tibets zerstört, ebenso buddhistische Kulturschätze und Schriftstücke.

Durch die Ansiedlung von Han-Chinesen sind heute die Tibeter in den grösseren Städten in der Minderheit.

Die Schweiz nahm in den 1950er-Jahren zahlreiche tibetanische Flüchtlinge auf. Heute leben rund 3000 Tibeter in der Schweiz.

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Beziehungen Schweiz/China

Die beiden Länder unterhalten ausgezeichnete Beziehungen.

Die Schweiz war 1950 das erste Land, das die 1949 ausgerufene Volksrepublik China anerkannte.

Peking zeigte sich jedoch wiederholt irritiert, weil Schweizer Regierungmitglieder bei Visiten die Tibetfrage ansprachen.

1999 kam es zu einer ernsten diplomatischen Verstimmung: Bei einem offiziellen Besuch in Bern wurde der chinesische Präsident Jiang Zemin von Demonstranten mit tibetischen Flaggen "begrüsst".

Jiang Zemin sagte darauf wutentbrannt, dass die Schweiz "einen Freund verloren" habe.

Die kleine Krise wurde danach ausgeräumt. Heute ist das boomende China laut Regierungsstrategie einer der bevorzugten Handelspartner der Schweiz.

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