Spanische Stierhatz startet – Tradition oder Tier-Folter?
Wenn am Montag eine kleine Rakete wie an Silvester um Punkt 12.00 Uhr in den Himmel über der nordspanischen Stadt Pamplona zischt, haben Tierschützer mal wieder eine Niederlage erlitten. Der laute Knall ist der Startschuss für das jahrhundertealte San-Fermín-Fest, bei dem an acht Tagen jeden Morgen tausende Läufer mehrere Kampfstiere durch abgesperrte enge Gassen der Altstadt bis zur Stierkampfarena treiben.
(Keystone-SDA) Die Stierhatz wird im spanischen Fernsehen von mehreren Sendern live übertragen. Es geht für die Teilnehmer um Mutproben, Gemeinschaftsgefühl und einen Adrenalinkick wie bei Extremsportarten. Es sind mehrheitlich junge Männer, die unter anderem auch aus dem Ausland anreisen. Sie riskieren freiwillig ihr Leben. Die Tiere sind aber schlimmer dran: In der Stierkampfarena erwartet die Bullen des morgendlichen Laufs jeweils am Abend der Tod.
«Tierfolter im Live-TV»
Tierschützer beklagen «mittelalterliche Tortur». Die Filmregisseurin Eva Güimil sprach von «Tierfolter im Live-TV». Auch dieses Jahr wieder gab es vor dem Spektakel Protestdemonstrationen, bei denen «Fiesta ohne Folter» gefordert wurde. Die Verehrung des katholischen Stadtheiligen San Fermín durch das Vergiessen des Blutes von Gottes Geschöpfen widerspreche den traditionellen christlichen Werten, betonte die Tierschutzorganisation Peta.
Der Party tut das keinen Abbruch. Jedes Jahr im Juli lockt das Spektakel mehr als 400.000 Besucher nach Pamplona. Die ausländischen Besucher kommen vor allem aus Europa sowie aus den USA, Australien und Asien. Nach den Stierrennen am Vormittag gibt es in Pamplona auch Konzerte, Prozessionen und andere Veranstaltungen. Es wird viel getanzt und getrunken.
Die Choreographie der «Corridas»
Und abends sind dann die Stierkämpfe. Nach der strengen Choreographie der «Corridas» rammen zunächst die sogenannten Picadores auf gepanzerten Pferden eine Lanze in den Nacken der Tiere, um sie zu schwächen. Die Banderillos zu Fuss stecken den rund 600 Kilogramm schweren Stieren mit Widerhaken versehene, bunte Holzstäbe in den Nacken, um ihre Angriffslust zu steigern. Am Ende macht der Matador als Hauptdarsteller dem Bullen mit einem gezielten Degenstich ins Herz den Garaus. Maultiere schleifen den toten Bullen aus der Arena, dessen Fleisch man sich später in Restaurants der Stadt servieren lassen kann.
Manchmal wird ein Matador von einem der spitzen Hörner aufgespiesst. Die reale Todesgefahr, der sich Toreros wie früher die Gladiatoren im antiken Rom aussetzen, erzeugt beim Publikum offenbar gewünschten Nervenkitzel.
Die römischen Gladiatorenkämpfe wurden schon Anfang des fünften Jahrhunderts von Kaiser Honorius verboten. Auch gegen die Stierkämpfe, die bis zum 18. Jahrhundert ein Privileg des Adels waren, gibt es schon lange Widerstand. Mal drohte ein Papst vergeblich mit der Exkommunikation, mal verboten Könige die blutigen Spektakel, die nach dem Adel von niederen Schichten übernommen worden waren. Auch in Reiseberichten wie etwa des deutschen Gelehrten Wilhelm von Humboldt findet sich Abscheu über die «barbarischen und grausamen» Stierkämpfe.
Die Argumente der Befürworter
Die Befürworter des Stierkampfs berufen sich vor allem auf die jahrhundertelange Tradition. Aber sie bringen auch ganz praktische und teils überraschende Argumente vor. So heisst es zum Beispiel, mit den Einnahmen aus den Ticketverkäufen werde das grösste Altenheim der Stadt für hunderte einkommensschwache Senioren finanziert.
Zudem wüchsen die Kampfstiere vier bis fünf Jahre frei auf Weiden auf und seien im Vergleich zu Nutztieren in der industriellen Massenfleischhaltung extrem privilegiert. Ohne sie würden alte Kulturlandschaften verloren gehen, heisst es auch.
Und dann gibt es auch noch Lokalpatriotismus. Man wehrt sich gegen eine «Einmischung von aussen», weil auch ausländische Tierschutzorganisationen wie die britische Peta eine Abschaffung der Stierhatzen und -kämpfe fordern. Es gehe um den Schutz der lokalen Kultur gegen ein globalisierte und moralisierende Vereinheitlichung, behaupten die Verteidiger der Stierkämpfe.
Das umstrittene Fest lässt die Kassen klingeln
Die Vizepräsidentin von Peta, Mimi Bekhechi, hält dagegen. «Tradition ist niemals eine Entschuldigung für Grausamkeit», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Traditionen könnten und sollten sich weiterentwickeln, und die spanischen Bürger unterstützten eine Abkehr von der archaischen Praxis des Stierkampfs. Tatsächlich sagen zwar Umfragen zufolge etwa 70 Prozent der Befragten, sie seien nicht für Stierkämpfe. Aber weniger als die Hälfte spricht sich auch für die Abschaffung aus.
Dass in Pamplona der Widerstand relativ klein ist, scheint verständlich: Das Fest, über das unter anderem der US-Schriftsteller Ernest Hemingway in seinem Roman «Fiesta» (1926) schrieb, lässt die Kassen ordentlich klingeln. Nach Angaben der Stadtverwaltung bescherten die Sanfermines Pamplona im vergangenen Jahr einen «finanziellen Gesamteffekt» von knapp 260 Millionen Euro.