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Mundartmusik hat es schwer auf Spotify – nun reagiert die Politik

Das Logo des Musik-Streaming-Unternehmens Spotify
EPA / Ritchie Tongo

Für Bands aus der musikalischen Nische ist es schwierig, sich im Dschungel von Algorithmen und internationalen Playlists durchzusetzen. Darum hat sich jetzt die Schweizer Politik eingeschaltet.

Als Spotify 2008 in der Schweiz verfügbar wurde, habe er sich gefreut, sagt Andreas Christen: «Plötzlich stand eine Türe offen zur grössten Musikbibliothek der Welt.»

Christen ist Musiker und bedient seit 17 Jahren die Regler bei der Mundartpop-Band Dabu Fantastic. Aus der Perspektive des Musikschaffenden habe sich die Freude an Spotify bald einmal in Frust verwandelt, erklärt er.

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So wie Christen geht es vielen anderen Musikern und Musikerinnen aus der Nische. Denn auch wenn Dabu Fantastic im Schweizer Musiktümpel ein grosser Fisch sind, im weltweiten Spotify-Meer sind sie ein Nanofischchen. Der Markt für Mundartmusik ist naturgemäss beschränkt.

Nur 300 Franken im Monat

Das zeigt sich, wenn die monatliche Abrechnung von Spotify ins Haus flattert. Mit 110’000 monatlichen Hörern und Hörerinnen verdienen Dabu Fantastic etwa 300 Franken pro Monat. Sie werden nicht pro Stream bezahlt, die Berechnung erfolgt nach einem komplizierten Pro-Rata-System.

Als Spotify lanciert wurde, warb das Unternehmen damit, die Musikwelt demokratisieren zu wollen. Also Zugang und gleichen Chancen für alle Musiker und Musikerinnen zu schaffen.

Nach mehrjähriger Recherche hat die amerikanische Journalistin Liz Pelly ein Buch geschrieben: «Mood Machine – The Rise of Spotify and the Costs of the Perfect Playlist». Sie zeigt auf, wie sich Spotify von diesem Ideal wegentwickelt hat.

Sie erhebt den Vorwurf, dass auf Spotify Algorithmen massgeschneiderte und AI-generierte Hintergrundmusik favorisierten. «Echtes» Musikschaffen gerate ins Hintertreffen.

Spotify müsste eher als Werbeunternehmen eingestuft werden und nicht auf einer tiefen Wertschätzung für Musik basieren, so Pelly. «Spotify hat Musikschaffende nie als Partner und Partnerinnen gesehen, sondern als Einnahmequellen.» Dies präge die Richtung, in die sich Spotify entwickle.

«Absurde Wettbewerbsverzerrung»

Einen grossen Teil dieser Entwicklung machen Playlists aus: Praktisch die Hälfte des gesamten Traffics wird bei Spotify mittlerweile über Playlists erzeugt. An der Spitze steht «Today’s Top Hits» mit 35 Millionen Followern.

Dass es einer Schweizer Mundartband gelingt, sich hier einen Platz zu ergattern, ist sehr unwahrscheinlich. Realistischerweise interessiert sich ein Grossteil der Welt auch eher nicht für Schweizer Mundartmusik – ausser Hörer und Hörerinnen in der Schweiz.

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Doch auch diesen werden Playlists vorgeschlagen, auf denen mehrheitlich grosse amerikanische Stars vertreten sind. «Das ist eine absurde Wettbewerbsverzerrung», findet Andreas Christen.

Spotify müsse mehr lokale Musik auf denjenigen Playlists einfliessen lassen, welche in den entsprechenden Regionen konsumiert würden. «Stattdessen wird alles über den gleichen globalen Kamm geschert.»

Der Bundesrat setzt sich ein

Christen ist nicht der einzige, der unzufrieden ist mit der aktuellen Situation. Der Bundesrat hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die aktuell die Frage der Vergütung und der Sichtbarmachung von Schweizer Musikschaffenden auf Streaming-Plattformen bearbeitet.

Erstgespräche mit den Big Playern Spotify und Apple Music haben stattgefunden. Gemäss Bundesamt für Kultur (BAK) sei ein Pendant zu «Lex Netflix» im Musikbereich derzeit allerdings kein Thema.

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2022 sagte die Schweizer Bevölkerung «Ja» zur sogenannten Lex Netflix. Dieses Gesetz besagt, dass grosse globale Filmstreaming-Anbieter wie Netflix, Amazon oder Disney 4 Prozent des Umsatzes, den sie in der Schweiz erzielen, wieder in Schweizer Filmschaffen investieren müssen.

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