Pflegepersonal in der Schweiz: gestresste und unterbezahlte Helden

Das Pflegepersonal arbeitet unermüdlich, um die Coronavirus-Pandemie zu bewältigen. Aber auch in Normalzeiten kann die Arbeit im Spital stressig und frustrierend sein. Mit schwerwiegenden Folgen für die Patienten und Patientinnen. Wie steht es um das Pflegepersonal in der Schweiz? 

Die alte Dame ist in der Nacht verstorben. Niemand hat sie jemals besucht. Ein langer Spitalaufenthalt ohne Besuch eines Familienmitglieds oder eines Bekannten. Jennifer S.* war an ihrem Bett. "Ich kann immer noch ihren letzten Atemzug hören. Ich wollte nicht, dass sie allein stirbt." 

Fast ein Jahr nach dem tragischen Ereignis ist die junge Pflegefachfrau, die an einem Kantonsspital in der Zentralschweiz arbeitet, immer noch erschüttert. Es war das erste Mal, dass sie einen Menschen sterben sah. Aber Jennifer S., 21 Jahre alt, weiss, dass die Begleitung von Patienten in den letzten Momenten ihres Lebens ein integraler Bestandteil ihrer Arbeit ist. Das ist auch der Grund, warum sie Pflegefachfrau wurde. "Ich wollte etwas Nützliches für die Gesellschaft, für die Menschen tun." 

Anlässlich des Internationalen Tages der Pflege (12. Mai) sowie des Internationalen Jahres der Pflegenden und Hebammen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sammelte swissinfo.ch Zeugenberichte von Pflegefachpersonen an  verschiedenen öffentlichen Spitälern der Schweiz. Die Umfrage fand in den Monaten vor der Corona-Krise statt.

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Ihr Idealismus wurde jedoch bereits während der Ausbildung getrübt. Jennifer S. erzählt von anstrengenden Schichten, unregelmässigen Arbeitszeiten und ständigen Änderungen in der Planung. Die Hierarchien sind autoritär, und es herrscht Unzufriedenheit und Ernüchterung unter den Mitarbeitenden, sagt sie. Am meisten frustriert die Pflegefachfrau, dass sie immer weniger Zeit hat, die Patienten und Patientinnen in ihrem Heilungsprozess zu begleiten. "Niemand spricht über die Probleme an den Spitälern. Es herrscht Schweigen. Ich würde gerne auf die Strasse gehen und demonstrieren. Aber wer kümmert sich dann um die Patienten und Patientinnen?", sagt sie. 

Auch die 26-jährige Genferin Sylvie F. entschied sich für den Beruf der Pflegefachfrau, weil sie den Kontakt mit Patienten und Patientinnen schätzt. Ein Lächeln oder ein "Danke" eines Patienten oder einer Patientin sei die grösste Genugtuung, sagt sie. Doch bei ihrem ersten Job in einem Spital nach vier Jahren Studium wurde ihr klar, dass dies nicht der Beruf war, den sie sich vorgestellt hatte. "Wenn ich könnte, würde ich den Beruf wechseln", vertraut sie uns an. 

Tagsüber kümmert sie sich um sechs Patienten und Patientinnen, während der Nachtschicht um zwölf. Sie muss das Telefon bedienen, Einweisungen und Austritte organisieren, Formulare ausfüllen und die Situation der Patienten und Patientinnen mit deren Familien besprechen. "Es gibt immer weniger von uns, und die Abwesenheiten werden nicht ersetzt. Es gibt Fälle von Burnout, aber die werden vertuscht", sagt sie. 

Melanie T., eine auf das Wochenbett spezialisierte Pflegefachfrau, erlitt nach 14 Jahren Arbeit in Regionalspitälern im Kanton Zürich ein Burnout. "Es ist eine fantastische Arbeit. Aber wenn man keine intrinsische Motivation hat, wird man krank." Die Pflegefachfrau sagt, dass sie einen Zusammenbruch aufgrund von Mobbing durch ihre Vorgesetzten hatte. "Irgendwann hält man es nicht mehr aus und bricht zusammen, aber dem Arbeitgeber ist das egal." 

Das Legen einer Infusion ist nur eine der vielen Aufgaben einer Pflegefachperson.

Inakzeptable Verstösse 

Jennifer S., Sylvie F. und Melanie T. sind keine Einzelfälle. Pierre-André Wagner, Leiter der Rechtsabteilung des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK), sagt: "Im Pflegesektor kommt es zu Verstössen, die in jedem anderen Berufssektor als inakzeptabel angesehen würden. Das Arbeitsrecht wird systematisch mit Füssen getreten", sagt er. 

In seinem Büro in Bern analysierte Wagner, der sowohl Anwalt als auch diplomierter Pflegefachmann ist, Hunderte von Fällen. Es mangelt nicht an Beispielen für Missbrauch. "Wer aus gesundheitlichen Gründen keine Nachtschichten mehr übernehmen kann, wird entlassen. Wer einen Missbrauch meldet, wird Opfer von Mobbing. Wer sich gegen eine Rationierung wehrt, die der Qualität der Pflege schadet, dem wird mangelnde Loyalität gegenüber dem Institut vorgeworfen", schreibt Wagner in der Monatszeitschrift "Krankenpflege" des Verbandes. 

Eine Verallgemeinerung oder Kritik am gesamten Pflegesektor in der Schweiz – der rund 214'000 Personen beschäftigt – wäre nicht richtig, betont Wagner aber. Es gibt grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Stationen oder Spitälern, und es gibt Einrichtungen, in denen das Personal zufrieden ist und vom Management unterstützt wird. Dennoch sind laut Wagner Frustration und Unzufriedenheit in dem Beruf weit verbreitete Gefühle. 

"Katastrophale Auswirkungen auf die Qualität der Pflege" 

In einer Umfrage der Gewerkschaft Unia aus dem Jahr 2019 gab jede zweite Pflegefachperson an, wegen Stress, einem unausgewogenen Schichtsystem oder als zu niedrig erachteten Löhnen den Beruf schon vor der Pensionierung aufgeben zu wollen. Jedes Jahr verlassen 2400 Pflegefachpersonen den Beruf. 

Eine "alarmierende" Situation, die laut Gewerkschaft durch eine zunehmende Vorherrschaft wirtschaftlicher Überlegungen bei der Organisation der Arbeit des Pflegepersonals verursacht wird. "Im Namen der Rentabilität wird rationalisiert, die Kosten reduziert, Budgets gekürzt und die Augen vor den katastrophalen Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen und die Qualität der Pflege verschlossen", sagt Yvonne Peist-Gaillet von der Unia. 

Laut Wagner vom SBK hat sich die Situation im Jahr 2012 mit der Einführung des Tarifsystems SwissDRG weiter verschlechtert. "Spitäler stehen unter wirtschaftlichem Druck und Budgetrestriktionen, die sie nur durch Einsparungen bei den Personalkosten bewältigen können", meint er. 

Um den Kostenanstieg im Gesundheitswesen einzudämmen und den Wettbewerb zwischen den Spitälern zu fördern, regelt das SwissDRG die Abgeltung aller Spitalleistungen auf der Basis von Fallpauschalen (zuvor auf der Basis von Taggeldern). 

Das gegenwärtige System – das nach Ansicht der Schweizer Regierung den Spitälern einen Anreiz zu einer effizienteren Arbeitsweise gab – ist laut Wagner ein Symptom einer Gesundheitspolitik, die sich der Idee des Service Public entledigt und stattdessen einer kapitalistischen Logik unterworfen hat. Die Krisensituation in den Spitälern wegen des Coronavirus habe "all die schädlichen Auswirkungen der Kommerzialisierung des Gesundheitswesens auf die Solidität des Gesundheitssystems" aufgezeigt, so Wagner. 

Berichte von Pflegefachfrauen: Arbeit und Stress

"Überstunden sind fast die Norm. Die Pausen? Normalerweise sind es 30 Minuten, aber ich bin froh, wenn ich auf 10 Minuten komme." – Sylvie F., Pflegefachperson auf der Geriatrie-Station. 

"Ich hörte oft um 23:15 Uhr auf und begann am nächsten Tag um 6:45 Uhr. Es ist eine Art von institutioneller Gewalt." – Valérie Jung, 36, diplomierte Pflegefachperson mit Spezialisierung auf klinische Psychiatrie und psychische Gesundheit 

"Das Spital war mein zweites Zuhause. Ich habe 25 Jahre lang alles gegeben. Aber dann hat es nicht mehr funktioniert. Die Arbeitsbelastung nahm zu und der Personalbestand ging dramatisch zurück." – Françoise D., 50, arbeitslose Pflegefachperson. 

"Es besteht ein enormer Druck, Geld zu sparen. Ärzte haben auch viel Arbeit, aber zumindest werden sie gut bezahlt." – Melanie T., auf das Wochenbett spezialisierte Pflegefachfrau. 

"Jeden Tag gab es eine Pflegefachperson, die krank war und nicht ersetzt wurde. Ich war bei der Arbeit sehr gestresst. Ich kam nervös nach Hause und liess meinen Frust an meiner Familie aus." – Carole*, 37, Pflegefachfrau mit Bachelor, spezialisiert auf Chirurgie und Intensivpflege. 

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Mehr Investitionen, weniger Tote 

Wagner findet deutliche Worte: "Die Pflege wird von einem Gesundheitssystem zerrissen, das von Macht- und Geldgier beherrscht wird. Der Patient steht nicht mehr im Zentrum." 

Laut Wagner werden in der Schweiz Zehntausende von Patienten und Patientinnen Opfer vermeidbarer Komplikationen, nur weil man Kosten für das Pflegepersonal sparen will. Der SBK-Mitarbeiter bedauert auch die Entscheidung, immer mehr Gesundheitsfachleute mit weniger Fachwissen und geringerer Bezahlung einzustellen, zum Nachteil der diplomierten Pflegefachpersonen. 

Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Kürzungen beim Pflegepersonal, sowohl bei der Ausbildung als auch beim Personalbestand, zu mehr Komplikationen und einer erhöhten Sterblichkeit führten, so Wagner. Eine kürzlich von Professoren der Universitäten Bern und Basel durchgeführte Analyse von Daten kam zum Schluss, dass ein höherer Anteil von diplomierten Pflegefachpersonen im Pflegeteam hunderte von Leben rettet und Millionen von Franken spart. Laut Wagner kann mangelnde Aufmerksamkeit für einen Patienten oder eine Patientin zum Beispiel zu einem Druckgeschwür führen, dessen Behandlung durchschnittlich 50'000 Franken kostet, oder zu Stürzen und Thrombosen. 

Berichte von Pflegefachfrauen: Beziehung zum Patienten

"Ich arbeite nicht mit einer Stoppuhr, aber wenn man sich um zwölf Patienten kümmern muss, bleibt nicht viel Zeit. Bei älteren Patienten reicht es nicht, die Medikamente einfach auf den Tisch zu stellen. Wir müssen sicherstellen, dass sie die Behandlung korrekt einhalten." – Sylvie F. 

"Jede Beziehung zum Patienten ist etwas Besonderes. Das ist das Schöne an unserem Beruf: das Lächeln von jemandem, der zuvor nicht gelächelt hat, oder wenn ein Patient, bei dem keine Hoffnung bestand, doch überlebt." - Valérie Jung. 

"Alle Spitalleistungen sind kodiert, aber nicht berücksichtigt wird die Zeit, die man mit Patienten oder deren weinenden Familien verbringt. Eines Tages erzählte mir ein Patient, dass er sich nicht mehr traute, mich mit dem Klingelknopf zu rufen, weil er sah, dass ich von einem Zimmer ins andere rannte. Das war ein harter Schlag." – Carole R. 

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Pflegefachpersonen, Hebammen und Geburtshelfer, Laboranten und Laborantinnen, Arzthelfer und Arzthelferinnen...: Der gesamte Gesundheitssektor stehe unter Druck, so Wagner. Gegenwärtig werden nur 56% des notwendigen Personals in der Schweiz ausgebildet. Bei den Pflegefachpersonen ist die Situation sogar noch kritischer: Die Abschlüsse decken nur 43% des geschätzten jährlichen Nachwuchsbedarfs. Bis 2030 werden 65'000 diplomierte Pflegefachpersonen benötigt, warnt der SBK, der den Mangel mit einer Volksinitiative abwenden will (Details später). 

Halbgötter in weiss 

Neben dem Personalmangel gibt es das, was Wagner eine Mischung aus "Machismo und Machtgier" nennt. 

Das Modell eines patriarchalischen Arztes, der eine Armee von Krankenschwestern befehligt, existiere nicht mehr, so Wagner. "Es gibt jedoch immer noch eine Generation von Ärzten, die sich selbst für unfehlbar halten und die keine Vorschläge oder Beobachtungen von Pflegefachpersonen akzeptieren. Das heisst, von denen, die dem Patienten oder der Patientin am nächsten stehen." Hierarchien müssen respektiert werden, auf die Gefahr hin, dass "wertvolles Wissen und Können des Pflegepersonals nicht berücksichtigt wird", zum Nachteil der Gesundheit der Patienten und Patientinnen. 

Laut Wagner weiss eine Pflegefachperson gestützt auf ihr Pflichtgefühl, welche Entscheidungen zu treffen wären, kann diese aber aufgrund von Zeitmangel, mangelndem Interesse der Vorgesetzten oder der Politik des Betriebs nicht umsetzen. "Dies führt zu einer moralischen Krux, was Frustration und Burnout erzeugt." 

Berichte von Pflegefachfrauen: Schweigen und Mobbing

"Die Hierarchie setzt uns unter Druck. Die Ärzte hören uns nicht zu, und das hat Auswirkungen auch auf die Patienten." – Sylvie F. 

"Die Ärzte wollten die Kontrolle über alles haben, ohne die Rolle der Pflegefachperson zu respektieren. Ich litt unter Mobbing und psychologischer Gewalt. Wir müssen über eine ganze Reihe von Fähigkeiten verfügen, aber am Ende sind wir auf blosse Vollstrecker reduziert. "Es ist, als würde man den Beruf des Kochs erlernen und dann den ganzen Tag Gerichte in der Mikrowelle aufwärmen." - Valérie Jung 

"In der Schule erzählen sie uns von einer autonomen Rolle als Pflegefachperson, der Beteiligung an Entscheidungen und einer Intellektualisierung des Berufs. Das hat mit der Realität nichts zu tun. Auf dem Feld sind wir Schachfiguren, Roboter." - Albane Widmer, 25, diplomierte Pflegefachfrau. 

"Im Spital wird viel geschwiegen. Niemand wagt es, zu reagieren." – Jennifer S. 

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Belästigungen und Übergriffe 

Ein weiteres Problem, das laut Wagner "sehr weit verbreitet" zu sein scheint, ist sexuelle Belästigung. Seine Broschüre über das Verhalten in Fällen sexueller Belästigung durch Patienten wurde in einer Auflage von 140'000 Exemplaren verteilt. Das Phänomen wurde durch eine 2008 von den Bundesbehörden durchgeführte Studie ans Licht gebracht. Demnach ist das Pflegepersonal einem besonders hohen Risiko sexueller Belästigung und körperlicher Übergriffe ausgesetzt. 

Für die Schweiz gibt es keine Statistik. Doch nach Schätzungen der WHO werden weltweit zwischen 8% und 38% der Beschäftigten im Gesundheitswesen mindestens einmal während ihrer beruflichen Laufbahn Opfer physischer Gewalt. Eine 2019 in Italien von der Gewerkschaft Nursing up durchgeführte Umfrage ergab, dass jede zehnte Pflegefachperson im letzten Jahr körperliche Gewalt am Arbeitsplatz erlitt. Vier Prozent wurden mit Schusswaffen bedroht und die Hälfte wurde verbal angegriffen. 

"Belästigungen treten hauptsächlich in Notaufnahmen, der Psychiatrie, der Gerontopsychiatrie und der häuslichen Pflege auf. Für die Betroffenen entsteht ein doppelter Schaden: Neben dem Unbehagen besteht das moralische Dilemma, von Menschen belästigt zu werden, die man eigentlich behandeln will", sagt Wagner, der bis 2019 auch Vizepräsident der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen war. 

Die Schweiz ist nicht Deutschland 

Trotz der Sorgen von Gewerkschaften und Berufsverbänden ist die Situation des Pflegepersonals in der Schweiz im internationalen Vergleich weniger dramatisch. 

In den in europäischen Ländern durchgeführten Umfragen gehört die Schweiz zu den Ländern mit den höchsten Werten für Arbeitsbedingungen und Mitarbeiterzufriedenheit. Die Schweiz gehört auch zu den Ländern mit der höchsten Zahl von Pflegefachpersonen pro Kopf. Im Durchschnitt betreut eine Pflegefachperson in einem Schweizer Spital fast acht Patienten und Patientinnen, verglichen mit 13 in Deutschland. 

"In Frankreich, Deutschland und vermutlich auch in Italien ist das Bild viel schlechter", räumt Wagner ein. "Das zeigt auch die Tatsache, dass die Schweiz ein Magnet für ausländische Pflegefachpersonen bleibt." Ein Drittel des Pflegepersonals in Spitälern kommt aus dem Ausland, insbesondere aus den Nachbarländern. 

Laut Wagner ist diese Situation gleich in zweifacher Hinsicht problematisch. "Der Brain-Drain in die Schweiz führt andernorts zu Personalmangel. Und weil die ausländischen Pflegefachleute sich hier unter besseren Bedingungen wiederfinden als in ihrem Herkunftsland, sind sie wenig motiviert, sich für Veränderungen in der Schweiz zu engagieren." 

"Die Ressourcen reichen nicht aus, um den Pflegebedarf zu decken und die Ausbildung in der Schweiz zu erhöhen."

Dorit Djelid, Spitalverband H+

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Immer weniger Geld für Spitäler 

Auch der nationale Spitalverband (H+) bestätigt den Personalmangel. Er betont die physische und psychische Belastung, die 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche auf dem Personal lastet. 

Die Ursachen des Personalmangels seien vielfältig, hält Dorit Djelid, Leiterin Geschäftsbereich Kommunikation bei H+, in einer schriftlichen Antwort an swissinfo.ch fest. "Infolge der alternden Patienten und der damit verbundenen Multimorbidität ist der Pflegebedarf stetig gestiegen. Die Schweiz bildet jedoch seit Jahren zu wenig qualifizierte Pflegefachleute aus, und die Rekrutierung im Ausland hat hier Abhilfe geschaffen. Hinzu kommt, dass der Pflegeberuf sehr anspruchsvoll und die Berufsaustrittsquote höher ist als in anderen Berufen, was zum Mangel beiträgt." 

H+ weist jedoch darauf hin, dass das Pflegepersonal in Spitälern und Kliniken zwischen 2011 und 2018 um 14% zugenommen hat, verglichen mit einem Anstieg der Spitaleinweisungen um 7%. "Die Behauptung, dass immer mehr mit immer weniger Personal getan werden muss, ist daher für die meisten Einrichtungen falsch. Die Zahl der Pflegefachpersonen pro Patient wurde beibehalten und in einigen Fällen sogar erhöht. Allerdings haben die Dokumentationsaufgaben durch die Digitalisierung im Pflegebereich zugenommen", sagt Djelid. 

Auch das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) weist darauf hin, dass die Personalindikatoren eine stabile Beschäftigung in den Spitälern seit 2013 zeigen. Clémence Merçay vom Obsan weist jedoch darauf hin, dass "wir nichts darüber wissen, wie sich das Verhältnis zwischen Patientenkontakt und administrativen Aufgaben entwickelt hat." 

Auf den Vorwurf der Gewerkschaften, wirtschaftliche Erwägungen über das Wohlergehen des Personals zu stellen, antwortet H+, dass Spitäler den gleichen wirtschaftlichen Beschränkungen unterliegen müssen wie andere Unternehmen. "Aber anders als die Privatwirtschaft sind Spitäler an Tarife und Leistungen gebunden, was ihnen im Rahmen ihrer knappen finanziellen Ressourcen wenig Spielraum lässt", stellt Djelid fest. Diese Situation betrifft alle Berufsgruppen in Spitälern, nicht nur das Pflegepersonal. 

In einem Punkt scheinen sich beide Seiten einig zu sein: Die politischen Behörden ziehen den Gürtel für Spitäler immer enger. "Die Tarifsenkungen des Bundesrates und die Initiativen, die sich für eine Kostensenkung einsetzen, sind ein Beispiel dafür. Aus der Sicht der Spitäler reichen die Ressourcen sicherlich nicht aus, um den Pflegebedarf zu decken und die Ausbildung in der Schweiz zu erhöhen", sagt Djelid. 

Jede dritte Pflegefachperson stammt aus dem Ausland 

Der Pflegebereich in der Schweiz (Pflegefachpersonen, Pflegehelfer, Assistentinnen Gesundheit und Soziales sowie Hebammen) beschäftigt rund 214'000 Personen; es gibt rund 98'000 diplomierte Pflegefachpersonen. 

Acht von zehn Stellen sind mit Frauen besetzt. 

46% des Pflegepersonals arbeiten an Spitälern und Kliniken, 36% in Alters- und Pflegeheimen und 18% in der häuslichen Hilfe und Pflege. 

In den Spitälern sind 34% des Pflegepersonals ausländische Staatsangehörige

Das Monatsgehalt einer diplomierten Pflegefachperson beträgt zwischen 4500 und 7500 Franken, abhängig von der Berufserfahrung. 

Quellen: Bundesamt für Statistik,  Schweizerisches Gesundheitsobservatorium

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Den Spitälern sind die Hände gebunden 

Für Wagner lässt sich das Heilmittel gegen das Unbehagen der Pflegefachpersonen in einem Satz zusammenfassen: den Beruf attraktiver machen. 

Die schlimmsten Fälle zu melden und sie vor Gericht zu bringen, ist ein Weg der Missbrauchsbekämpfung. Im Jahr 2001 erzielten der Pflegeverband und die Gewerkschaften einen bedeutenden Erfolg, als ein Zürcher Gericht eine Lohndiskriminierung aufgrund des Geschlechts feststellte und entschied, die Lohnsumme für alle Pflegefachpersonen im Kanton um 500 bis 800 Franken zu erhöhen. "Allerdings", bemerkt Anwalt Wagner, "verlagern diese Aktionen das Problem nur woanders hin." 

"Wenn das Spital verpflichtet wird, die Zeit für das Umziehen und den Weg zur Station als Arbeitszeit anzurechnen, wird es versuchen, dies auf andere Weise zu kompensieren. Zum Beispiel durch die Reduzierung von Pausen. Spitälern sind die Hände gebunden: Niemand verstösst aus purem Vergnügen gegen das Arbeitsrecht. Sie können es einfach nicht umsetzen." 

"Wer ein Menschenleben rettet, ist ein Held; wer hundert Leben rettet, ist eine Pflegefachperson, wahrscheinlich gestresst und unterbezahlt."

Margaret Chan, ehemalige Generaldirektorin der WHO

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In die Ausbildung investieren 

Der SBK fordert daher die Politik auf, mehr in Ausbildung und Spitäler zu investieren. "Wir müssen dafür sorgen, dass in der Schweiz eine ausreichende Zahl von Pflegefachpersonen ausgebildet wird, dass sie im Beruf bleiben und dass ihre Fähigkeiten anerkannt und genutzt werden", sagt Roswitha Koch, die am SBK für die Entwicklung der Pflege verantwortlich ist. 

Auch die WHO fordert im Jahr der Pflegenden und Hebammen mehr Investitionen in den Pflegesektor. "Wer ein Menschenleben rettet, ist ein Held; wer hundert Leben rettet, ist eine Pflegefachperson, wahrscheinlich gestresst und unterbezahlt", sagte Margaret Chan, die ehemalige Generaldirektorin der internationalen Organisation, im Jahr 2015. 

Wenn die Schweizer Politik nicht genug tut, wird der Berufsverband der Pflegenden seine Volksinitiative "Für eine starke Pflege" (Pflegeinitiative), die im November 2017 formell zustande kam, zur Abstimmung bringen. Die Pflegeinitiative fordert, die Ausbildung von genügend diplomierten Pflegefachpersonen, und eine Aufwertung des Berufs durch Anpassung der Löhne, Schaffung von Bedingungen für die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie und mehr Kompetenzen für das Pflegefachpersonal. 

Demonstration für die Pflegeinitiative in den Strassen Bellinzonas (Kanton Tessin), am 7. November 2018.

Sowohl die beiden Kammern des Parlaments als auch die Regierung lehnen die Initiative ab. Sie befürworten jedoch einen Gegenvorschlag, der die Ausbildung fördert, um die Abhängigkeit vom Ausland zu verringern, ohne jedoch Massnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und zur Steigerung der Attraktivität des Berufs vorzusehen. Das letzte Wort über die Zukunft eines der besten Gesundheitssysteme der Welt hat das Stimmvolk, das im Jahr 2021 an die Urnen gerufen werden könnte.  

*Alle Identitäten wurden anonymisiert, es sei denn, der Familienname wird ebenfalls angegeben

(Übertragung aus dem Italienischen: Sibilla Bondolfi)

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