Wie gehen wir mit Corona-Müdigkeit um?

© Keystone / Gaetan Bally

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt davor, dass viele Menschen die Corona-Einschränkungen leid sind. Die "Pandemiemüdigkeit" untergräbt die Bemühungen zur Einschränkung des Virus.

Dieser Inhalt wurde am 16. Oktober 2020 - 09:07 publiziert

Gerade als man den Eindruck gewann, dass die Monate der Einschränkungen sich endlich auszahlen würden und sich die Lage nachhaltig entspanne, meldete sich die Pandemie zurück. Quer durch Europa steigen derzeit die Fallzahlen rasant. Doch laut einer WHO-Umfrage sind bis zu 60 Prozent der Europäerinnen und Europäer über staatliche Restriktionen verärgert. Manche setzen die Vorgaben deshalb nicht wie verlangt um.

Die WHO weiss, dass die Leute jetzt neu motiviert werden müssen. Sie hat Ratschläge für Regierungen veröffentlicht, wie man die Corona-Müdigkeit bekämpfen kann: Entscheidend sei, so die WHO, beim Volk "den Puls" zu fühlen. Die Regierungen sollen die Bevölkerung konsultieren, ehe sie neue Massnahmen beschliessen. Dänemark tat genau das, als Studierende mithalfen, Massnahmen zu erarbeiten, unter denen die Universitäten wieder geöffnet werden konnten.

Lösungen statt Verbote

Auch Innovation ist wichtig. Die Festtage stehen vor der Tür, und die Menschen wollen etwas, worauf sie sich freuen können. Die Regierungen sollen deshalb den Menschen nicht das Feiern verbieten, empfiehlt die WHO. Stattdessen müsse man gemeinsam Lösungen finden, damit ein Fest stattfinden könne, ohne dass sich das Virus verbreite.

Was die Corona-Müdigkeit für die Schweiz bedeutet und wie das Land darauf reagieren soll, hat swissinfo.ch mit drei Expertinnen besprochen: Samia Hurst-Majno und Nicola Low, beide in der Covid-19-Taskforce der Schweizer Regierung, und die Gesundheitsexpertin Ilona Kickbusch geben Auskunft, wie Regierungen uns motivieren können, wie die Pandemie uns verändert und was wir diesen Winter erwarten können (hier gehts zum Podcast auf Englisch).

Offen informieren über Wissenslücken

Einige ihrer Antworten versprühen nicht gerade Optimismus. So sind sie sich etwa einig, dass wir noch Monate, vielleicht sogar ein oder zwei Jahre mit dieser Situation werden leben müssen. Einen Impfstoff werde es frühestens Mitte bis Ende 2021 geben – wenn nicht sogar noch später.

Eine Ursache für die Corona-Müdigkeit sind die teils widersprüchlichen Aussagen der Regierungen. Hurst-Majno berät die Taskforce in Fragen des Sozialverhaltens. In ihren Augen lässt es sich nicht vermeiden, dass Regierungen teilweise Widersprüchliches vermeldeten.

"Die Situation wird verwirrend bleiben, weil wir über das Virus vieles vorzu lernen." Die Massnahmen würden laufend an das neue Wissen angepasst. Wichtig sei, dass die Regierungen die Bevölkerung über Wissenslücken offen informierten.

Die Professorin der Universität Genf schlägt zudem vor, die Situation im Sinne eines Risikobudgets zu erklären: Je stärker sich das Virus ausbreitet, desto weniger Risiken können wir eingehen und desto stärker müssen wir uns einschränken. Wenn das Virus dagegen zurückgeht, können wir wieder mehr Risiken eingehen.

Grossveranstaltungen: zu grosses Risiko

Es brauche eine Kombination verschiedenster Massnahmen, um das Virus im Zaum zu halten, sagt Low: Tests, Contact Tracing, Isolation, Masken, Distanzhalten, Händewaschen, Einschränkungen bei Grossveranstaltungen, gute Belüftung von Innenräumen und weiteres. "Ich sehe derzeit keine Möglichkeit, einzelne Massnahmen zu lockern, ohne andere Massnahmen zu verschärfen."

Die Regierungen würden uns einen Bärendienst erweisen, indem sie sagten, die Situation sei besser als sie tatsächlich ist, sagt Low, Epidemiologin an der Universität Bern. Sie beobachtet die steigenden Fallzahlen in der Schweiz mit einiger Sorge. Nicht glücklich ist sie über den Entscheid, seit Anfang Oktober Massenversammlungen von mehr als 1000 Menschen zuzulassen. Das ist, um Hurst-Majnos Analogie zu benutzen, ein Risiko, für das der Schweiz derzeit das Budget fehlt.

Versprechen einhalten

Ilona Kickbusch sagt, dass Regierungen "keine Versprechungen machen dürfen, die sie nicht halten können". Es mache keinen Sinn, meint sie, wenn man der Bevölkerung verspreche, dass es bis Weihnachten einen Impfstoff geben werde.

Hurst-Majno vergleicht die Lage mit einem Langstreckenflug: Der Pilot informiert die Passagiere vor dem Start, dass der Flug acht Stunden dauern und es Turbulenzen geben wird. Damit legt er die Erwartungen fest, und es verärgert niemand, wenn es das Flugzeug zwischendurch schüttelt. Niemand wird nach vier Stunden nervös, weil kein Ende des Fluges in Sicht ist. Zwar wisse niemand genau, wie lange die Pandemie noch daure, räumt Hurst-Majno ein. "Klar ist aber: Es ist nicht nur eine Sache von ein paar Monaten – aber auch nicht von zehn Jahren."

Kein Zurück zum alten Normalzustand

Kickbusch versteht, dass "die Menschen ihr Leben zurückhaben wollen. Das ist eine sehr menschliche Reaktion". Deshalb steht sie voll und ganz hinter der WHO und glaubt, es sei entscheidend, dass neben den Epidemiologen auch Spezialisten für soziales Verhalten die Regierungen beraten.

"Wir müssen einen Weg finden, die nächsten zwei Jahre mit Corona zu leben", sagt die Wissenschaftlerin. Sonst bleibe es ein konstantes, nervenaufreibendes Auf und Ab zwischen Lockerung und Verschärfung der Schutzmassnahmen.

"Wir reden ständig davon, zur Normalität zurückzukehren. Wir müssen mit dieser Art des Denkens aufhören. Unsere Gesellschaften, die Art und Weise, wie wir leben, die Art und Weise, wie unsere Volkswirtschaften strukturiert sind, wo Geld verdient wird, wo Arbeitsplätze geschaffen werden, wird durch dieses Virus verändert, während wir hier sprechen."

(Übertragen aus dem Englischen: Mischa Stünzi)

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