60 Jahre Engagement für den Frieden
Nach dem 2. Weltkrieg vereinten sich 22 pazifistische Gruppen zum Schweizerischen Friedensrat. Ziel: eine friedliche Weltordnung und die Öffnung der Schweiz.
Vieles sei erreicht worden, doch Friedensarbeit brauche es weiterhin, sagt SFR-Präsident Ruedi Tobler gegenüber swissinfo.
In diesem Jahr wird viel von Krieg und Frieden geredet. Grund: Vor 60 Jahren wurden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen, der 2. Weltkrieg ging zu Ende, die UNO und der Schweizerische Friedensrat (SFR) wurden gegründet.
swissinfo: Gibt es, abgesehen vom gemeinsamen Jubiläum, Parallelen zwischen den zwei Organisationen?
Ruedi Tobler: Es gibt einen direkten Zusammenhang: Die Schweiz hatte ja den Einstieg in die Nachkriegswelt verpasst. Die Gründung des Friedensrates war die Antwort darauf. Alle Organisationen, die wollten, dass sich die Schweiz an der Nachkriegsordnung beteiligt, schlossen sich zusammen. Ziel war auch, dass die Schweiz UNO-Mitglied wird.
swissinfo: Welche Ziele hat der SFR nach 60 Jahren erreicht?
R.T.: Wir können zwar keine Siegestrophäen vorweisen, aber unsere Erfolge an den vorgegebenen Zielen messen: Der Beitritt der Schweiz zur UNO ist nach langer, langer Zeit erfüllt.
Die Nord-Süd-Problematik ist nach wie vor ungelöst. Dass die Bekämpfung der Armut in der Welt auch zu den Staatsaufgaben der Schweiz gehört, ist nicht nur unser Verdienst, aber wir waren daran beteiligt.
Das dritte Ziel haben wir ganz klar verfehlt: Das Verbot der Kriegsmaterialausfuhr. Die heutige Regelung befriedigt uns nicht.
Die Schaffung eines Zivildienstes, unser viertes Ziel, haben wir insofern erreicht, als es heute einen Ersatzdienst für Militärdienstverweigerer gibt. Unsere Vision geht allerdings weit darüber hinaus: Alle sollten freiwillig einen Friedensdienst leisten können.
swissinfo: Welche Themen stehen zur Zeit zuoberst auf der Prioritätenliste?
R.T.: In letzter Zeit mussten wir uns aus Ressourcengründen klar fokussieren und haben noch zwei Aufgabengebiete: Grundlagen und Informationen zur Friedensthematik. Dazu geben wir die Zeitschrift für Friedenspolitik FriZ heraus.
Andererseits führen wir seit einigen Jahren die Kampagne gegen Kleinwaffen. Wir verlangen eine wirksamere Waffenkontrolle. Bundesrat Blocher hat auf Ende 05 eine Vorlage zu einer Zusatzrevision versprochen. Die ist aber noch nicht da.
swissinfo: Als pazifistische Organisation ist der SFR gegen Gewalt und für die Abschaffung der Armee, steht aber hinter friedenserhaltenden, bewaffneten Einsätze im Ausland. Ist das nicht ein Widerspruch?
R.T.: In der breiten Öffentlichkeit wird Pazifismus mit Gewaltlosigkeit oder der Abschaffung der Armee gleichgesetzt. Das greift zu kurz. Gemäss dem politischen Pazifismus ist Frieden nicht automatisch gegeben, er muss gemacht werden.
Laut dem Militär braucht es immer Abschreckung durch Waffen. Das klassische Konzept ist, dass die Staaten souverän sind und über Krieg und Frieden entscheiden können.
Mit der Gründung des Völkerbundes nach dem 1. Weltkrieg wurde erstmals das Konzept der kollektiven Sicherheit aufgenommen. Nur die Völkergemeinschaft sollte legitimiert sein, in zwischenstaatlichen Konflikten Gewalt anzuwenden.
Die UNO hat das Verbot der Kriegsführung für einzelne Staaten in ihre Verfassung aufgenommen. Dahinter ist der Friedensrat immer gestanden. Ein Einsatz mit Waffen muss also völkerrechtlich abgestützt sein, eine Koalition der so genannt Willigen darf keinen Krieg beschliessen. Für uns steht zivile Friedensförderung aber selbstverständlich im Vordergrund.
swissinfo: Der Friedensrat vereinigt im Gegensatz zu früher nur noch eine Handvoll Organisationen, Friedensarbeit scheint «out» zu sein. Haben Sie Nachwuchsprobleme?
R.T.: Während meiner 40-jährigen Betätigung in der Friedensbewegung hat es viele Hochs und Tiefs gegeben. Im Moment sind wir tatsächlich in einem starken Tief und haben Nachwuchsprobleme. Dies ist aber die Kehrseite einer erfreulichen Entwicklung.
Im Kalten Krieg war das Militärische für die offizielle Politik etwas Absolutes. Heute wird bei der Armee am meisten gespart. Der Wert des Militärischen ist in den letzten 20 Jahren massiv gesunken, das halte ich für positiv.
Uns geht es aber nicht nur um Abrüstung oder die Abschaffung der Armee, sondern um den Aufbau einer Friedensordnung und die Einhaltung der Menschenrechte.
swissinfo: Inwiefern haben sich die Friedensperspektiven geändert?
R.T.: Der Kalte Krieg war ja der absolut grösste Rüstungswettlauf, den es in der Geschichte der Menschheit je gegeben hat. Dies ist vorbei, aber ein grosser Teil dieser Potentiale ist noch vorhanden.
Früher musste man Angst haben, dass die Arsenale die Welt zerstören, sei das durch Absicht oder eine Panne. Heute ist das Problem, dass ein schöner Teil dieser Potentiale vor sich hinrostet, insbesondere in den Ländern der früheren Sowjetunion.
Heute gibt es einige wenige lokale Kriege in Regionen, die niemanden interessieren. Wirtschaftskreise sind die Motoren der meisten Kriege, es geht um Rohstoffe.
Der Charakter des Krieges hat sich gewandelt, die kleinen, simplen Waffen sind viel wichtiger geworden. Deshalb unsere Konzentration auf die Thematik Kleinwaffen.
swissinfo: Sie sind seit 40 Jahren aktiv. Noch immer gibt es Kriege, Gräueltaten, Armut und Elend. Was motiviert Sie, weiterzumachen?
R.T.: Genau das. Weil es nötig ist. Ich habe in der Friedensarbeit gelernt, dass es nichts gibt, was ein für alle Mal erreicht ist. Frieden wird es nie absolut geben.
swissinfo-Interview, Gaby Ochsenbein
Ruedi Tobler wurde 1947 in Zürich geboren.
Der erste Ostermarsch gegen Atomwaffen 1963 war sein Einstieg in die Friedensarbeit.
Tobler ist seit 40 Jahren im SFR aktiv und dessen Präsident.
1945: 22 pazifistische Gruppen schliessen sich zum Schweizerischen Friedensrat zusammen.
Vier Ziele werden verfolgt: Der UNO-Beitritt der Schweiz, ein Kriegsmaterial-Ausfuhrverbot, die Einführung eines Zivildienstes und die Bekämpfung der Armut.
Heute wird der Friedensrat von gegen 3000 Einzelmitgliedern getragen.
Die Kampagne gegen Kleinwaffen sowie die Herausgabe der Zeitschrift für Friedenspolitik FriZ stehen im Zentrum der Tätigkeiten des SFR.
Thema der Jubiläums-Veranstaltung vom 2. Dezember 05 zum 60-jährigen Bestehen: Von der kollektiven zur menschlichen Sicherheit.
Aussenministerin Micheline Calmy-Rey wird eine Rede zur Reform der UNO halten.
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