Hurrikan: Katastrophenhilfe ist «inakzeptabel»
Der Schweizer Musiker Andi Hoffmann floh kurz vor der Ankunft von "Katrina" aus New Orleans. Er findet, dass die Behörden nicht schnell genug halfen.
Bei der Flucht am Sonntagmorgen konnten er und seine Familie nur einige Kleider und die Gitarre ins Auto packen.
Die Hoffmanns aus Bern leben seit 1993 in New Orleans. Sie flohen zu Freunden nach Lafayette, rund 200 Kilometer westlich des verwüsteten Gebietes. Sie wissen nicht, ob und wann sie wieder in ihr Haus zurückkehren können.
Die Familie Hoffmann gehört zu den rund 600 Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern, welche im betroffenen Gebiet der Staaten Louisiana, Mississippi und Alabama leben.
swissinfo: Andi Hoffmann, was denken Sie über die momentanen Vorkehrungen, um die im Katastrophengebiet verbliebene Bevölkerung aus den zerstörten Gebieten zu holen?
Andi Hoffmann: Ich kann einfach nicht verstehen, warum es fünf Tage dauert, bis die Hilfe die Leute erreicht. Wir haben seit Tagen gewusst, dass eine Katastrophe im Anzug ist. Deshalb ist es für mich unverständlich, warum die Nationalgarde erst jetzt eintrifft.
Täglich sterben Leute. Es ist in unserer Gesellschaft unglaublich, dass wir nicht fähig sein sollen, ihnen zu helfen. Wir können innerhalb von Tagen die grössten Distanzen überwinden. Warum nur soll es nicht möglich sein, innerhalb von einem oder zwei Tagen Hilfe nach New Orleans zu senden?
swissinfo: Es hat Kritik gegenüber Präsident George W. Bush gehagelt. Er habe zu lange gewartet, bevor er die Nationalgarde ins betroffene Gebiet entsandte. Was halten Sie von der Handlungsweise des Präsidenten?
A.H.: Haben wir irgend etwas vom Präsidenten gesehen? Wir haben es nicht, und es war auch keine Überraschung. Ich kann nicht verstehen, dass das Militär auf alle Arten von Situationen ausserhalb des Landes sofort reagieren kann, doch jetzt, wo im eigenen Land eine Katastrophe passiert, kann den Leuten nicht geholfen werden. Ich finde das unannehmbar.
swissinfo: Was denken Sie? Warum konnten so viele Leute die Stadt nicht verlassen?
A.H.: Es hat sehr viele arme Leute in New Orleans. Sie hatten schlicht die Mittel nicht, die Stadt zu verlassen. Sie hatten kein Auto. Wir waren in der glücklichen Lage, ins Auto springen zu können und die Autobahn zu nehmen, die für die Evakuierung freigehalten wurde. Ich bin sicher, viele Menschen in unserer Nachbarschaft konnten das nicht. Es gab keine Busse, um sie wegzubringen. Die Zeit reichte einfach nicht.
swissinfo: Wie beurteilen Sie die Massnahmen zur Evakuation?
A.H.: Verglichen mit früheren Evakuationen war diese hier am besten organisiert. Die Behörden gaben beide Autobahnspuren frei zum Verlassen des Gebietes.
Aber wenn schon ein Befehl zum Verlassen der Stadt gegeben wird, was geschieht dann mit all den Menschen, die nicht die Mittel haben, um einfach wegfahren zu können? Es ist unmöglich, eine Stadt innerhalb eines Tages zu entleeren.
swissinfo: Sind alle ihre Bekannten wohlauf und wissen Sie, wo sie sich befinden?
A.H.: Ich weiss nicht von allen, wo sie sind. Sorge mache ich mir um eine Familie, welche in unserer Nachbarschaft lebte und die zurückblieb. Ich habe vor zwei Tagen mit ihnen gesprochen, das Telefon funktionierte noch, und sie sagten mir, dass sie o.k. wären. Allerdings hatten sie kein Wasser mehr, aber wenigstens noch einige Esswaren. Nun ist die Verbindung abgebrochen, und ich habe seither nichts mehr von ihnen gehört.
swissinfo-interview: Dale Bechtel
(Übertragung aus dem Englischen: Urs Maurer)
Der Schweizer Musiker Andi Hoffmann lebt mit seiner Frau seit 1993 in New Orleans. Das Paar hat zwei Kinder.
Nach der Flucht aus der überfluteten Stadt hat die Familie nun bei Freunden in Lafayette Aufnahme gefunden.
Schweizerinnen und Schweizer, die Hilfe brauchen, können das Schweizer Konsulat in Houston kontaktieren (siehe EDA-Link).
Im südöstlichen Teil der USA, der vom Hurrikan getroffen wurde, leben rund 600 Ausland-Schweizerinnen und Ausland-Schweizer.
Am Freitag hat die Schweiz ihre Hilfe für das betroffene Gebiet angeboten, darunter Wasserpumpen und Hilfe beim Wiederaufbau.
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