Zuviel Feinstaub übers ganze Jahr
Der Feinstaub-Gehalt in der Luft ist in vielen Regionen der Schweiz zu hoch. Und zwar nicht nur zu Spitzenzeiten, sondern während des ganzen Jahres.
Der Alarm kommt diesmal aus dem Bundesamt für Umwelt. Dieses hat am Dienstag in Bern den Stand der Arbeit präsentiert.
Die Umweltbehörden des Bundes erwarten erneut einen massiven Anstieg der Feinstaub-Konzentration im Winter. In einer Standortbestimmung vom Dienstag bekräftigten sie den Kampf gegen den Russ als dringendste Aufgabe.
Inversionslagen im Winter
Sollten die Wintermonate erneut eine andauernde und stabile Inversionslage mit sich bringen, rechnen die Behörden mit ähnlichen Belastungsspitzen wie im Winter 2006.
Eine Inversionslage ist ein Wetterphänomen, bei dem die Temperatur in der Erdatmosphäre bei steigender Höhe nicht ab- sondern zunimmt. Sie ist begleitet von lange anhaltendem Hochnebel, über dem die Sonne scheint, und wenig Luftdurchmischung unter dem Nebel, was die Konzentration von Schadstoffen fördert.
In diesem Fall kommen die von den Kantonen beschlossenen Sofortmassnahmen wie Tempobeschränkungen auf Autobahnen, das Chemineefeuer-Verbot sowie in einer zweiten Phase das Verbot von dieselbetriebenen Maschinen ohne Partikelfilter in der Land- und Forstwirtschaft sowie im Gewerbe zum Zug.
Der Direktor des Bundesamtes für Umwelt (BAFU), Bruno Oberle, räumte ein, dass es eigentlich «keine News» gebe. Er verwies zugleich auf den Aktionsplan des Bundesrats vom Juni 2006, der vor allem auf den primären Feinstaub wie Diesel und Holzruss abziele.
Dazu gehört unter anderem die vorzeitige Einführung der europäischen Abgasnorm EURO 5 für neue leichte Dieselfahrzeuge. Hier will der Bundesrat Anfang 2007 über das weitere Vorgehen entscheiden. Bereits genehmigt ist die differenzierte Rückerstattung der Mineralölsteuer für konzessionierte Transportunternehmen, die ihre Busse mit Partikelfiltern ausstatten.
Änderung der Luftreinhalte-Verordnung
Im Hinblick auf den Holzruss und den Feinstaub ist zurzeit eine öffentliche Anhörung über eine Änderung der Luftreinhalteverordnung (LRV) im Gang, die strengere Grenzwerte für alle Holzfeuerungen einführen will.
Oberle erinnerte daran, dass die Feinstaubbelastung in weiten Teilen der Schweiz während des ganzen Jahres zu hoch ist. Um den Grenzwert für Schwebestaub von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel einhalten zu können, müssen laut Oberle der primäre Feinstaub, aber auch der durch chemische Reaktionen gebildete sekundäre Feinstaub um die Hälfte verringert werden.
Unter der Nebeldecke verteilt sich der Russ
Das BAFU präsentierte die chemische Analyse des Feinstaubs vom Januar und Februar 2006 durch die ETH-Forschungsinstitution für Materialwissenschaften und Technologie (EMPA): Sie zeigte unter anderem, dass unterhalb der Nebeldecke die Belastungen mit dem krebserregenden Russ in den Städten und Agglomerationen wie auch auf dem Land etwa gleich gross waren.
Gründe waren die gute regionale Durchmischung der unteren Luftschicht und die beträchtliche Lebensdauer der Partikel während Inversionslagen.
VCS: «kalter Kaffee»
Der VCS reagierte enttäuscht auf die Ausführungen, wonach die Einführung der EURO-5-Norm nicht im Januar 2007 eingeführt wird: Die Standortbestimmung des BAFU sei ein «kalter Kaffee», das Problem mit den zirkulierenden Dieselfahrzeugen sei ebenso ungelöst wie jenes des Schwerverkehrs.
swissinfo und Agenturen
Die Schweizer Regierung hat im vergangenen Juni einen Aktionsplan zur Reduktion der Feinstaub-Belastung verabschiedet. Er umfasst unter anderem die Partikelfilter-Pflicht für Dieselfahrzeuge.
Im Februar hatten die Kantone Bern, Zürich sowie diejenigen der Zentralschweiz in einer Phase akuten Wintersmogs Tempo 80 auf Autobahnen verfügt. In Folge sanken die Schadstoffgehalte dort um fünf bis zehn Prozent.
Feinstaub setzt sich aus primären Partikeln (die aus Verbrennungs-Prozessen, mechanischem Abrieb von Reifen, Bremsen, Strassenbelag und Aufwirbelungen oder aus natürlichen Quellen stammen) und sekundären Partikeln (welche sich erst in der Luft aus gasförmigen Vorläuferschadstoffen bilden) zusammen.
Die schädlichsten Partikel sind diejenigen, die aus Abgasen von Dieselmotoren stammen, ausserdem solche aus der Landwirtschaft und auf Baustellen.
Wegen ihrer Kleinheit können diese Partikel in die feinsten Verästelungen der Lunge eindringen und schwerwiegende Gesundheitsschäden verursachen.
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