Grösste Rückholaktion in der Schweizer Geschichte

"Als ich das Flugzeug mit dem Edelweiss, dem Blumensymbol der Schweiz, sah, empfand ich starke Gefühle", sagt Mercedes Lamborelle. Mercedes Lamborelle

Auf der ganzen Welt sind auf Grund der Corona-Krise Schweizer Touristen gestrandet. Sie erlebten Tage grosser Unsicherheit. Komme ich überhaupt noch nach Hause? Der Alptraum endete für viele Schweizerinnen und Schweizer nur dank enormer Anstrengungen der Schweizer Diplomatie. Das bezeugen auch zwei aus Südamerika zurückgeholte Schweizer gegenüber swissinfo.ch.

Rund 3000 Schweizer Bürger, die in Asien, Afrika, Lateinamerika und Ozeanien festsassen, konnten zwischen dem 12. März und 8. April in die Schweiz gebracht werden. Das Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) organisierte insgesamt 23 Sonderflüge für die Repatriierung dieser Landsleute.

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Hans-Peter Lenz, Chef des EDA-Krisenmanagementzentrums, sprach von "der grössten Rückholaktion aller Zeiten". Und diese ist noch nicht abgeschlossen. Mittlerweile wurden auch Touristen von den kanarischen Inseln und aus Neuseeland nach Hause gebracht. Sechs weitere Flüge sind heute und in den nächsten Tagen geplant.

Das Aussendepartement hat zudem über 1100 Plätze für Schweizer in Flügen sichern können, welche von anderen Ländern organisiert worden waren. Umgekehrt wurden auf den Schweizer Flügen auch etwa 2000 ausländische Staatsbürger transportiert, darunter viele in der Schweiz niedergelassene Personen.

Im EDA sieht man auf alle Fälle das Ende des Tunnels. Im Ausland halten sich zwar noch einige Tausend Schweizer Bürger auf. Doch sie haben nicht um Hilfe gebeten, um repatriiert zu werden.

Seit Mitte März sind bei der der Helpline des Aussendepartements mehr als 20'000 Anrufe oder E-Mails eingegangen – mit Spitzen von 850 Anrufen und 1000 E-Mails am Tag. Es handelte sich um Personen, die an ihren Ferienorten festsassen und nicht nach Hause konnten, weil ihre Flüge gestrichen worden waren.

Die Rückführungen sind jedoch nicht kostenlos: Der Bund vorfinanziert die Charterflüge, doch wer sie dann effektiv nutzt, muss das Billett "zu Marktpreisen" bezahlen, wie es das EDA formuliert hat. Diese Gebühr wird jedoch nicht alle Kosten decken. Die genaue Höhe wird erst bekannt sein, "wenn die Operation abgeschlossen und berechnet ist", sagte der Leiter der EDA-Konsularabteilung, Johannes Matyassy, gegenüber der Gratiszeitung "20Minuten".

In den Ferien in der Ausgangssperre

Doch was bedeutete diese Situation konkret? Wie kann man sich die Rückholaktion vorstellen? Alles ging sehr schnell, sagen zwei Gesprächspartner von swissinfo.ch. Mercedes Lamborelle besitzt die Schweizer und peruanische Staatsbürgerschaft. Seit fast 30 Jahren lebt sie in der Westschweiz, zuerst in Genf und dann im Kanton Waadt. Jorge Barreto besitzt die doppelte Staatsangehörigkeit der Schweiz und Argentiniens. Seit 15 Jahren lebt er in der italienischen Schweiz, im Tessin.

Nach seiner Rückführung begab sich Jorge Barreto in sein Haus in Bellinzona im Tessin, wo er vorsorglich beschloss, zwei Wochen in Isolation zu bleiben. Er nutzte die Gelegenheit, an diesen sonnigen Frühlingstagen Gartenarbeit zu verrichten. swissinfo.ch

Beide waren in ihre Herkunftsländer gereist, um dort Ferien zu verbringen, so wie sie es jedes Jahr machen. Mercedes Lamborelle war mit ihrem Ehemann Philippe Henri Anfang Februar nach Lima aufgebrochen. Ende Februar war er in die Schweiz zurückgekehrt, während sie aus beruflichen Gründen geblieben war, um sich um ihr Schmucklabel zu kümmern. Am 16. März sollte sie zurückfliegen. Jorge Barreto war am 8. März nach Buenos Aires geflogen und hatte seinen Rückflug für den 2. April gebucht.

Doch dann erreichte die Coronavirus-Pandemie Südamerika. "In Argentinien herrschte zuerst ein grosses Durcheinander; dann verordnete die Regierung eine Quarantäne für die ganze Bevölkerung", erzählt Jorge Barreto. Alle mussten zu Hause bleiben. Ein Ausgang war nur für die nötigsten Aktivitäten des Alltags erlaubt, wie für den Einkauf von Lebensmitteln oder Medikamenten.  Öffentliche Verkehrsmittel und Flugverkehr wurden eingestellt. Polizei und Militär patrouillierten, um die rigorose Einhaltung der Regeln zu garantieren.

Geteiltes Schicksal

In Peru war die Lage nicht viel anders. Mercedes Lamborelle erzählt: "Es war traumatisch. Von heute auf morgen war das ganze Land gelähmt; die Flughäfen geschlossen. Wir hatten alle Angst. Es war, als gäbe es Krieg, einen Krieg gegen einen unsichtbaren Feind: das Virus."

Unterschiedliche Länder, aber fast identische Erfahrungen, die etliche Reisende auf der ganzen Welt machen mussten. Es sind Erfahrungen, die eine tiefe Spur hinterlassen haben. Das machen die Erzählungen unsere beiden Gesprächspartner deutlich. Sie erinnern sich mit hoher Präzision an jedes Datum, jedes Detail dieser Tage, ihre Gefühle, Hoffnungen und ihre Konsternation, die sich mit vielen Landsleuten geteilt haben, bis endlich der "Rettungsanker" kam. Der Bund hatte einen Flug nach Zürich organisiert, mit Abflug von Lima am 25. März und von Buenos Aires am 30. März.

Ein gewaltiges diplomatisches Engagement

Sowohl Mercedes Lamborelle als auch Jorge Barreto befanden sich in einer relativ privilegierten Situation, zumindest verglichen mit der grossen Mehrheit der Schweizer Touristen. Beide wohnten bei Familienmitgliedern und befanden sich relativ nahe am Flughafen. Doch auch sie hätten ohne die Hilfe des EDA und der Schweizer Botschaften nicht zurückkehren können. Die Schweizer Diplomaten  holten die Genehmigung von den argentinischen und peruanischen Behörden für die Landung und den Start von Schweizer Flugzeugen und für den Transport zum Flughafen ein, schickten alle Anweisungen und Passierscheine direkt an die Betroffenen und organisierten natürlich die Flüge.

Wesentlich komplizierter war die Situation für viele Schweizer, die allein an entlegenen Orten gestrandet waren. "Ich denke, die grösste Schwierigkeit für die Schweizer Botschaft war es, diese Menschen nach Buenos Aires zu bringen", meint Jorge Barreto. Für Mercedes Lamborelle ist klar, "dass die Rückführung der Schweizer aus Peru nur dank der ausgezeichneten diplomatischen Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern möglich war."

Jorge Barreto und Mercedes Lamborelle loben die Arbeit der Schweiz und weisen darauf hin, dass die Schweizer Botschaften in ihren jeweiligen Ländern ständig präsent waren, um sie über den Stand der Vorbereitungen für ihre Rückkehr zu informieren, sie zu beraten und zu beruhigen. Und auf Grund von Rückmeldungen von Freunden und anderen Landsleuten sind sie der Ansicht, dass das Bewusstsein für die gewaltige Arbeit der Schweizer Diplomatie und Gefühle der Dankbarkeit unter den repatriierten Bürgern weit verbreitet sind.

Kein Gesundheitscheck

Beide Gesprächspartner waren positiv beeindruckt von der Effizienz der Rückholaktion, waren aber auch sehr erstaunt zu sehen, dass weder vor dem Boarding auf den Flughäfen von Lima und Buenos Aires noch bei der Ankunft in Zürich Gesundheitskontrollen durchgeführt wurden. Natürlich wurden alle gewarnt, dass sie den Flug nur dann antreten konnten, wenn sie keine Symptome von Covid-19 aufwiesen. Sie mussten eine entsprechende Erklärung unterschreiben.

"Aber es gab keine absolute Gewissheit, dass niemand infiziert war. Mir schien dies riskant für eine so lange Reise mit so vielen Menschen an Bord", bemerkt Jorge Barreto. "Sie gaben allen zu Beginn der Reise eine Schutzmaske und Handschuhe, aber im Flugzeug sassen die Passagiere dicht nebeneinander. Wir waren alle erleichtert und glücklich, dass wir zurückkehren konnten, aber gleichzeitig sehr besorgt über die Möglichkeit einer Ansteckung", erzählt ihrerseits Mercedes Lamborelle.

Sie waren auch überrascht, nach ihrer Rückkehr eine eher entspannte Atmosphäre in der Schweiz anzutreffen. Es gibt keine Ausgangssperre. Und die meisten Menschen, die sie treffen, tragen keine Schutzmasken. Jorge Barreto und Mercedes Lamborelle erreichten ihr jeweiliges Domizil im Tessin und im Kanton Waadt mit dem Zug. Beide mussten vorsorglich zu Hause eine Quarantäne antreten.  Es geht ihnen im Moment gut. "Selbst jetzt wundere ich mich noch, wenn ich sehe, dass hier so viele Leute ganz normal herumlaufen und joggen, so als ob nichts passiert wäre", kommentiert Mercedes Lamborelle.

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