Ein Frieden, der die Bedürfnisse der Menschen in Gaza ignoriert, ist nicht nachhaltig
Für einen dauerhaften Frieden in Gaza braucht es mehr als Diskussionsrunden in Davos. Stattdessen muss ein Plan bei den unmittelbaren Bedürfnissen der Bevölkerung vor Ort anfangen, schreibt Hassan Herzallah, palästinensischer Schriftsteller in Gaza.
Am 22. Januar 2026 wurde am Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos, in Anwesenheit von internationalen Vertreter:innen, darunter Staats- und Regierungschefs, der «Friedensplan» unterzeichnet. Präsentiert wurde er als Mechanismus zur Koordinierung des Wiederaufbaus im Gazastreifen, zur Mobilisierung internationaler Finanzmittel und zur Einleitung einer neuen Phase des «Friedens und der Stabilität». Die Formulierungen klangen vielversprechend: dringender Wiederaufbau, humanitäre Hilfe, eine historische Chance.
An diesem Morgen verfolgte ich Davos nicht.
Ich befand mich in einem Zelt im Lager Al Mawasi im Süden des Gazastreifens. In der Nacht hatte ein Sturm getobt, als wir aufwachten, waren unsere Decken feucht. Wir versuchten, unsere Habseligkeiten zu retten. Während in der Schweiz auf grossen Bildschirmen städteplanerische Entwürfe für die Zukunft Gazas gezeigt wurden, breitete ich ein Stück Stoff unter der blassen Sonne aus, in der Hoffnung, dass es trocknen würde.
Ein Freund erzählte mir mit einem Hauch von Ironie von der Ankündigung: «Herzlichen Glückwunsch. Jetzt gibt es einen Friedensrat, der den Gazastreifen wieder aufbauen soll.» Ich schaute mich im Zelt um, für das ich mir nicht einmal einen Ersatz leisten kann. Und fragte mich: Was soll das für ein Wiederaufbau sein, wenn wir nicht einmal ein einfaches Zelt sichern können? Wenn der Wiederaufbau wirklich Priorität hat, warum leben wir dann immer noch unter einem Stück Stoff?
Wenn Wiederaufbau etwas Wert sein soll, muss er beim Wesentlichen anfangen: sichere Unterkünfte, eine zuverlässige Stromversorgung, Zugang zu medizinischer Versorgung, offene Grenzübergänge für Notfälle und direkte Unterstützung für Familien, die ihr Zuhause verloren haben. Ohne diese Grundlagen läuft der Frieden Gefahr, eine weitere leere Ankündigung zu bleiben, statt gelebte Realität zu werden.
Dies wirft eine berechtigte Frage auf: Handelt es sich wirklich um einen Mechanismus zum Schutz der Zivilbevölkerung oder um ein weiteres politisches Diskussionsforum?
Aus der Perspektive der Menschen in Gaza ist dies keine theoretische Debatte. Es ist eine Frage der Zukunft.
Mehr als 80% der Gebäude in GazaExterner Link wurden zerstört oder schwer beschädigt. Ganze Stadtteile sind verschwunden. Hunderttausende leben weiterhin in Zelten, in überfüllten Schulen, die zu Notunterkünften umfunktioniert wurden, oder neben den Trümmern ihrer Häuser. Den dritten Winter in FolgeExterner Link ist das Leben im Zelt zu einer täglichen Überlebensprobe geworden. Wenn es regnet, sickert Wasser an den Rändern herein. Wenn der Wind stärker wird, müssen wir die Stangen mit den Händen festhalten. Nachts bieten die Zeltwände keinen wirklichen Schutz.
Der Grossteil der Bevölkerung Gazas lebt ohne zuverlässige Stromversorgung. Unser Tagesablauf richtet sich nach der SonneExterner Link. Wenn sie lange genug scheint, laden wir mit Solarzellen eine kleine Batterie auf. Wenn nicht, ist der Tag früh zu Ende. Am 22. Januar, als die Friedensplattform angekündigt wurde, suchte ich in verschiedenen Cafés nach Strom und Internet, um meine Vorlesungen von der Universität herunterzuladen. Ich überprüfte den Prozentsatz meines Handyakkus, während auf riesigen Bildschirmen in Davos und in den sozialen Medien Wiederaufbaupläne gezeigt wurden.
Ein Zelt zu besitzen ist zu einem Privileg geworden. Wegen der Beschränkungen für Grundmaterialien kann es rund 500 Dollar kosten. Manche Familien leben unter zerrissenen Laken oder Plastikplanen. Wenn Milliarden für den Wiederaufbau diskutiert werden, während die Menschen immer noch nach einer vorübergehenden Unterkunft suchen, wird die Kluft zwischen politischer Debatte und den täglichen Bedürfnissen der Menschen schmerzlich sichtbar.
Seit der Waffenruhe, die am 11. Oktober 2025 verkündet wurde, sagte man uns, dass eine neue Phase des Krieges begonnen habe. Aber seither wurden etwa 415 Palästinenser:innen getötet und mehr als 1152 verletztExterner Link. Noch immer werden Leichen aus den Trümmern geborgen. Was auf dem Papier eine Waffenruhe ist, hat nicht unbedingt zu Sicherheit vor Ort geführt.
Seit Kriegsbeginn sind offiziell 71’551 MenschenExterner Link getötet worden. Am 30. Januar 2026 räumte die israelische Armee laut einem Bericht des britischen The GuardianExterner Link ein, dass die vom Gesundheitsministerium in Gaza vorgelegten Zahlen, die von rund 70’000 Toten ausgehen, «weitgehend zutreffend» seien.
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Diese Anerkennung markierte eine wichtige Wende, nachdem die Zahlen monatelang in Frage gestellt worden waren. Aber Anerkennung ist nicht gleichbedeutend mit Rechenschaftspflicht.
Anerkennung baut keine Häuser wieder auf und stellt kein ziviles Leben wieder her. Am Tag der Bekanntgabe sprach ich mit einem anderen Freund über den Friedensrat. Er hörte schweigend zu und sagte: «Frieden entsteht nicht durch politische Erklärungen, sondern durch Taten.» Er fügte hinzu: «Die in Davos so theatralisch präsentierten Wiederaufbaupläne dienen lediglich dazu, die Weltöffentlichkeit und ihre Forderungen nach Massnahmen in Gaza zu beschwichtigen.»
Er sagte, dass ein politisch bedingter Wiederaufbau zu einer weiteren Form des Drucks werden könnte, bei der letztendlich die Opfer selbst für das Scheitern verantwortlich gemacht werden.
Die Debatte über den Friedensrat beschränkt sich nicht nur auf Gaza. So berichtete der GuardianExterner Link, dass Israel gegen einige vorgeschlagene Mitglieder Einspruch erhoben habe, mit der Begründung, sie stünden nicht im Einklang mit seiner Politik. Einige Analyst:innen zweifeln, ob der Rat eine glaubwürdige internationale Institution darstellt oder eher ein vager Rahmen mit unklaren Befugnissen ist. In einer Folge des Swissinfo-Podcasts «Inside Geneva» erklärte Richard Gowan von der International Crisis Group unverblümt: «Ich halte dies nicht wirklich für eine glaubwürdige internationale Institution.»
Kritik allein reicht jedoch nicht aus. Wenn der Friedensrat an seiner Wirkung gemessen werden will, gibt es unmittelbare Schritte, die er priorisieren könnte – nicht erst in einigen Jahren, sondern in den kommenden Monaten.
Für mich als Palästinenser, der in Gaza lebt, sind die Prioritäten klar:
Eine sichere Unterkunft, die nicht gleich beim ersten Sturm überflutet wird. Eine zuverlässige Stromversorgung, die es Schülerinnen ermöglicht, zu lernen, und die Familien ein Leben in Würde ermöglicht. Ein funktionierendes Gesundheitssystem, das Patienten ohne aussergewöhnliche Ausnahmen aufnehmen kann. Offene Grenzübergänge für dringende medizinische Fälle. Direkte Entschädigung für Familien, die ihr Zuhause und ihre Lebensgrundlage verloren haben.
Ist das Überleben gesichert, muss es darum gehen, den sozialen Zusammenbruch zu verhindern: Wiedereröffnung von Schulen und Universitäten, Wiederherstellung des Internetzugangs, psychologische Unterstützung für Kinder und Jugendliche und die Schaffung von Arbeitsplätzen, die ein Mindesteinkommen sichern.
Langfristig muss der Wiederaufbau von Häusern und Infrastruktur, Wasserversorgungsnetzen, Stromnetzen, Krankenhäusern und Schulen von Wirtschaftsprogrammen begleitet werden, die es Familien ermöglichen, auf eigenen Beinen zu stehen. All dies bleibt jedoch fragil, solange es keine Garantien gibt, dass sich die Zerstörung nicht wiederholt. Verantwortlichkeit und glaubwürdige Schutzmechanismen sind unerlässlich, um einen weiteren Kreislauf zu verhindern.
Es gibt auch eine Vertrauenskrise. Die Menschen hier fragen nicht mehr, wie viele Zusagen gemacht werden – sondern wann die Zelte verschwinden werden.
Frieden, wie er in Davos diskutiert wird, erscheint als politischer Rahmen.
Frieden, wie wir ihn hier brauchen, ist eine Voraussetzung für das Überleben.
Er beginnt an dem Tag, an dem der Besitz eines Zeltes nicht mehr als Erfolg gilt.
Er beginnt, wenn ein Kind nicht mehr an Kälte stirbt.
Er beginnt, wenn ich studieren und arbeiten kann, ohne mein Leben nach der Sonne ausrichten muss.
Der Friedensrat wird nicht nur in Konferenzsälen auf die Probe gestellt werden, sondern hier, in Al Mawasi, in den Lagern, in Krankenhäusern, in Häusern, die noch wieder aufgebaut werden müssen, und in denen, die über ihren Bewohner:innen zusammengebrochen sind.
Wenn er Versprechen so umsetzen kann, dass sie greifbare Veränderungen für die Menschen bedeuten, könnte er tatsächlich einen Neuanfang bringen. Wenn er jedoch nur ein weiterer politischer Rahmen einer unveränderten Realität bleibt, dann wird Frieden ein schönes Wort bleiben. Eines, das nicht unter einem realen Dach lebt.
Übersetzung aus dem Englischen: Meret Michel
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