Auf den Spuren eines über 200-jährigen Mordes

Rafael Bollag. swissinfo.ch

Rafael Bollag las von einem historischen Mordfall an einem Juden im Jahr 1800 im Toggenburg. Seither sucht er in Archiven, Büchern, Sterberegistern und sogar auf dem Friedhof nach Spuren des Opfers. Die Frage lässt ihn nicht los: Wer war das Mordopfer "Joseph ben Meir"?

Dieser Inhalt wurde am 06. September 2020 - 11:00 publiziert

Um zu erzählen, wie alles begann, muss Rafael Bollag, ein orthodoxer Jude aus Zürich, etwas ausholen: Das Alte Testament – die Thora – enthält 613 Gebote und Verbote, welche die schriftliche Lehre des Judentums darstellen. Seit jeher beantworten Rabbiner konkrete Lebensfragen von den Gemeindemitgliedern, indem sie diese jüdischen Gesetze aufgrund der mündlichen Lehre – Mischna und Talmud – auslegen.

Wenn sie einen Zweifel haben, fragen sie einen anderen, erfahreneren Rabbiner um seine Meinung. So entstehen rege Diskussionen unter Religionsgelehrten. Solche Frage – Antwort – Paare – Responsen genannt – werden seit Jahrhunderten gesammelt und in Buchform publiziert, so dass sie anderen Gelehrten und Interessierten zur Verfügung stehen.

Ein Neffe Bollags lebt in Antwerpen und ist ein Liebhaber alter hebräischer Bücher aus der Rabbinischen Literatur. 2014 stiess er in einem 1807 gedruckten Buch auf eine solche Response eines Rabbiners, die einen Sachverhalt in der Schweiz betraf. Also schickte er seinem Onkel eine Kopie mit der Bemerkung, das könne ihn, der in der Schweiz lebe, sicherlich interessieren.

Was stand in der Anfrage?

Die Frage kam von Rabbiner Samuel Ullmann (1740-1824), zu dieser Zeit amtierender Rabbiner der jüdischen Gemeinde Hohenems im österreichischen Vorarlberg, knapp 2 Kilometer von der Schweizer Grenze bei Diepoldsau entfernt. Er richtete sich an Rabbiner Meschulam Zalman Kohn (1739-1819), Gemeinderabbiner von Fürth und Vorsitzender der dortigen bedeutenden Talmudhochschule (Jeschiwa) sowie Rabbinatsgerichtsvorsitzender. Die Frage lautete: Darf eine Frau, deren Mann auf Reisen in die Schweiz ermordet wurde, wieder heiraten?

Die Sache war kompliziert: Die Frau lebte in Innsbruck und war infolge eines Rechtsstreits verarmt. Der Mann verliess sie und ging nach Hohenems, um dort als Händler Geld zu verdienen - im 18. und 19. Jahrhundert gab es rege grenzüberschreitende Handelsbeziehungen zwischen Vorarlberg und der Ostschweiz.

Das Paar lebte zwar getrennt, liess sich aber nicht scheiden. Bei einer Handelstour in der Schweiz wurde der Ehemann später ermordet. Das Problem: Der verstorbene Ehemann wurde erst am vierten Tag nach seinem Tod identifiziert. Gemäss Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, müsste dies spätestens bis am dritten Tag nach dem Tod geschehen.

Rabbiner Kohn führte in seiner Antwort eine Reihe von Argumenten ins Feld, mit denen er seinen Rabbinats-Entscheid begründete. Ob die Witwe am Ende wieder heiraten durfte oder nicht, darauf kommen wir später zurück. 

Wer war das Mordopfer?

Die Response des Rabbiners aus Österreich löste nach 200 Jahren bei Rafael Bollag in Zürich eine ungeahnte Neugier aus. In ihm wuchs die Frage: Wer war das Mordopfer Joseph ben Meir? Bollag hatte Zweifel an dessen Identität: Sein jüdischer Name war Joseph ben Meir, also: Joseph, der Sohn des Meir. Bollags Zweifel hatten ihren Ursprung in den Erklärungen des Rabbiners. "Die Nichtjuden nannten ihn Joseph Meyer", schrieb Rabbiner Ullmann in seiner Anfrage. "Aufgrund seines Vornamens Joseph und seines Vaters Vornamen Meir."

Jüdische Buben erhalten bei der Beschneidung ihren jüdischen Namen. Lange Zeit hatten die meisten Juden in Europa keine bürgerlichen Namen, sondern hebräische Namen. Diese waren zusammengesetzt aus dem Vornamen und dem Namen des Vaters, verbunden mit einem "ben" für "Sohn des".

Im 19. Jahrhundert verlangten die Behörden in Europa aber von den Juden, sich bürgerliche Familiennamen zuzulegen. Also trugen die Juden zwei Namen: einen hebräischen sowie einen bürgerlichen Familiennamen. Viele Juden und Jüdinnen im süddeutschen Raum übernahmen Ortsnamen als bürgerlichen Familiennamen. Bis heute existiert diese parallele Namensgebung.

"Das Mordopfer hat mit bürgerlichem Namen sicherlich nicht Meyer geheissen", sagt Bollag. "Das Meyer bezieht sich auf den Vornamen des Vaters." Die Christen hätten ihn einfach so genannt, gestützt auf seinen ähnlich klingenden hebräischen Namen.

Die grosse Frage sei also: "Wie hat er mit bürgerlichem Namen wirklich geheissen?"

Oder anders gefragt: Wer war das Mordopfer überhaupt?

Akribische Recherche

Rafael Bollag, ein Familienvater und Grossvater, der in Zürich in einem familieneigenen Textil-Grosshandel für Inneneinrichtungsstoffe tätig ist, machte sich also auf die Suche.

Er las ein Standardwerk über die Geschichte der Hohenemser Juden von Rabbiner Aaron Tänzer, das 1905 erschienen war (unten verlinkt).

Er fragte die Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann im Obertoggenburg (Kanton St. Gallen), auf deren Gebiet der Mord geschah, ob in den Archiven etwas zu dem Fall zu finden sei. Doch die Gemeinden führten erst nach Auflösung der Helvetischen Republik, also ab 1803, eigene Zivilstandsregister. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die Register durch die kirchlichen Behörden geführt. Man verwies ihn deshalb an die Kirchgemeinden und das Staatsarchiv St. Gallen.

Alt-St-Johann im Obertoggenburg. Eth-bibliothek Zürich / Friedrich Gottlieb

Rafael Bollag selbst stammt aus Endingen im Surbtal (Kanton Aargau), für lange Zeit nebst dem benachbarten Lengnau der einzige Ort in der Schweiz, an dem Juden sich niederlassen durften.

Bollags Grosseltern mütterlicherseits lebten in Berlin, flohen in den 1930er-Jahren nach St. Gallen in die Schweiz. Die Region ist Bollag also vertraut.

Rafael Bollag reiste in die Ostschweiz. Ein Historiker des Staatsarchivs St. Gallen fand Akten und transkribierte die in altdeutscher Schrift abgefassten Dokumente.

Im Toggenburg besuchte Bollag das heute noch existierende Gasthaus "zum Schäfli", in dem das Mordopfer auf Handelsreisen jeweils abgestiegen war. Bollag hoffte, im Gästebuch einen Eintrag von Joseph ben Meir zu finden. Vergeblich.

Etliche Male reiste Bollag nach Hohenems und besuchte das Jüdische Museum sowie das Hohenemser Stadtarchiv. Er hatte auch Kontakte zu zwei bedeutenden Hohenemser Historikern. Er besuchte den jüdischen Friedhof und suchte die Grabsteine nach den Namen "Joseph ben Meir" oder "Joseph Meyer" ab. Ohne Erfolg.

Ein Teil des Friedhofes, der an einen Hang gebaut ist, war einst abgerutscht. Zahlreiche Grabsteine sind nicht mehr vorhanden. Möglich also, dass auch Joseph ben Meirs Grabstein verschwunden ist.

Der jüdische Friedhof in Hohenems 2018. Verein zur Erhaltung des Jüdischen Friedhofs in Hohenems

Bollag kontaktierte in Bregenz das Landesarchiv Vorarlberg, um die Geburts- und Sterberegister der jüdischen Gemeinde Hohenems zu durchforsten. Ebenso kontaktierte er das Landesgericht Feldkirch, da es sich ja um einen Mord handelte. Ergebnislos wie alles andere waren auch die Anfragen an das "Tiroler Landesarchiv" in Innsbruck und das österreichische Staatsarchiv in Wien.

In unzähligen Stunden hat Rafael Bollag historische Quellen zusammengesammelt. swissinfo.ch

So geschah der Mord

Und doch kam Bollag in der Sache weiter. Er hatte die wichtigsten Teile aus der Response des Rabbiners Kohn mit Hilfe eines Freundes aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzt. Es gelang ihm, gestützt auf die detaillierte Anfrage von Rabbiner Ullmann an Rabbiner Kohn sowie Briefe, Gerichtsurteile, Sitzungsprotokolle und weitere historische Dokumente die Geschichte zu rekonstruieren.

Der Mord hat sich demnach wie folgt zugetragen: Im Dezember 1800 reiste "Joseph ben Meir" aus Hohenems ins nahe gelegene Schweizerische Toggenburg. Er war Hausierer und wollte in der Schweiz seine Kunden besuchen.

Kai Reusser / swissinfo.ch

Zunächst stieg er in St. Johann im Gasthaus "zum Schäfli" ab. Dort heuerte er einen ihm von früheren Reisen her bekannten Führer an, der ihn über die Berge nach Urnäsch führen sollte, also über die Schwägalp.

Blick auf den Säntis. Eth-bibliothek Zürich / Mittelholzer, Walter

Aber der Bergführer – ein erst 22-jähriger Einheimischer – lockte ihn auf dem Weg in eine Scheune, wo er den Hohenemser erstach und ausraubte. Der flüchtige Mörder wurde gleichentags gefasst und inhaftiert.

So berichteten es jedenfalls die Behörden von St. Johann in einem Brief an die Behörden von Hohenems. In dem Schreiben bitten sie die dortige Regierung, die jüdische Gemeinde zu informieren und zu beauftragen, den Leichnam des Ermordeten abzuholen, um ihn in Hohenems zu beerdigen. "Der Beamte wusste, dass sich die jüdischen Grabriten von den christlichen unterscheiden und traute sich daher eine jüdische Bestattung nicht zu", erzählt Bollag gestützt auf einen Brief.

Im gleichen Sinne informierte der Beamte die Kantonsregierung in Glarus, dem Hauptort des damaligen Kantons Linth.

zvg

Die jüdische Gemeinde schickte drei Männer, um das Opfer abzuholen. Diese identifizierten den Toten als "Joseph ben Meir". Dieser habe einen aussergewöhnlich grossen Bauchnabel gehabt sowie einen Leberfleck, den die Männer wiedererkannten.

Die drei Männer haben ihre Aussage sofort nach ihrer Rückkehr nach Hohenems vor dem Rabbinat beeidet.

Täter wurde hingerichtet

Weil das Toggenburg damals zum Kanton Linth gehörte, machte das Kantonsgericht Linth in Glarus dem Mörder rasch den Prozess. Als die Bestätigung des Urteils vom Helvetischen Gericht in Bern kam, wurde der Täter in Glarus hingerichtet. In einem roten Hemd wurde er auf dem Marktplatz geköpft, heisst es im Gerichtsprotokollbuch, wo die Hinrichtung beschrieben wird.

Bollag hat in den Archiven auch das Todesurteil gefunden. Aus diesem geht hervor, dass der Täter bei den Behörden kein Unbekannter war. Schon zuvor hatte er in einem Toggenburger Kloster, wo er als Hilfskoch arbeitete, Silbersachen geklaut und an Mönche in Feldkirch verhökert.

Bollags Funde gingen weiter: Aus einem anderen Brief geht hervor, dass die Regierung Hohenems den Schweizern schrieb, dass "Joseph Mayer" arm gewesen sei und eine Frau mit Kindern hinterlasse. Im Urteil wird daher festgehalten, das Vermögen des Mörders gehe nach der Hinrichtung – abzüglich der Gerichtskosten – an die Hinterbliebenen des Mordopfers.

Bollag fand in der Kartei einer Pfarrei sogar den Geburtsregister-Eintrag des Mörders: Johann Georg Louis, geboren 17.11.1776 in Schlatt/Neu St. Johann, Sohn des Adam Louis und seiner Frau Barbara Näf.

Bei der Recherche stiess Rafael Bollag auf weitere historisch interessante Aspekte, die nicht direkt mit dem Mordfall zu tun hatten, wie er im Video erzählt. Zum Beispiel fand er Steckbriefe aus jener Zeit, in dem die Behörden nach "Schmutzjuden" von Hohenems suchten – Ausdruck des damals in der Region verbreiteten Antisemitismus.

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"Ich glaube, die Identität des Opfers gelüftet zu haben"

Bollag versuchte, die Existenz eines Joseph ben Meirs in Hohenems zu verifizieren, hauptsächlich in der Genealogie-Datenbank des Jüdischen Museums Hohenems. Es gibt zwar Dutzende von Meyers und Mayers und Meirs, aber die Lebensdaten stimmen nicht überein.

Bollag fand aber einen Maier Uffenheimer, der einen Sohn namens Joseph hatte, also einen Joseph ben Meir. Von den Geburts- und Sterbedaten her könnte es übereinstimmen.

Im "The early Uffenheimer Family"-Stammbaum fand Bollag den Eintrag "Joseph", Sohn des Meir, der verheiratet war mit Sybilla Zihr, geborene Brettauer. Laut Bollag ist diese Sybilla Zihr mit höchster Wahrscheinlichkeit die Witwe, derentwegen die beiden Rabbiner eine Korrespondenz geführt haben.

Der Rabbiner kam übrigens zur Schlussfolgerung, die Witwe dürfe wieder heiraten. Das passt zur Geschichte der Sybilla (Zihr) Uffenheimer, die 1804 wieder geheiratet und weitere Kinder bekommen hat.

"Ich glaube, die Identität des Mordopfers gelüftet zu haben, aber beweisen kann ich es nicht", sagt Bollag. Er macht sich nun daran, die Puzzleteile zu einer Geschichte zusammenzufügen. Es soll eine private Dokumentation entstehen.

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