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Der Iran und die Schweiz: eine spezielle Beziehung

Offizielle Visite von Irans Präsdent Hassan Rohani 2018. Bundespräsident Alain Berset empfängt ihn mit militärischen Ehren.
Offizielle Visite von Irans Präsident Hassan Rohani 2018. Bundespräsident Alain Berset empfängt ihn mit militärischen Ehren. © Keystone / Peter Klaunzer

Der US-israelische Angriff auf den Iran rückt die besondere Rolle der Schweiz in den Fokus. Sie behielt ihren guten Draht zum Mullah-Regime – egal, wie dieses wütete. Doch wirtschaftlich ging das Schweizer Kalkül nicht auf.

Wie auch immer die kommenden Tage in Teheran verlaufen, ein Machtwechsel im Iran wäre «im Interesse der Schweiz». Davon ist Kijan Espahangizi, Historiker an der Uni Zürich, überzeugt. Denn dann böten sich der Schweiz «unglaubliche Möglichkeiten».

Der Weg dazu? Die Schweiz müsste die Islamische Republik als illegitim anerkennen und dann eine internationale Iran-Konferenz organisieren. «Damit wäre der Schweiz morgen ein Premium-Zugang zum iranischen Markt sicher.»

Die Schweizer Ernte blieb aus

Der Markt, das sind 90 Millionen gut ausgebildete Menschen, die zweitgrössten Erdgas-Ressourcen der Welt, und die Staatskassen gefüllt mit Ölgeld.

Als sich die Schweiz nach 1979 aufmachte, um mit den Mullahs in Teheran Abkommen um Abkommen auszuhandeln, war immer diese Hoffnung an Bord, dass die Geschäfte dereinst blühen würden.

Doch die Ernte blieb aus, weil Sanktionen herrschten.

Die Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey (l.) reiste 2008 nach Teheran, um einen Gas-Einkauf in Milliardenhöhe zu besiegeln. Vergeblich: Das Geschäft wurde später aus politischen Gründen storniert.
Die Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey reiste 2008 nach Teheran, um einen Gas-Einkauf in Milliardenhöhe zu besiegeln. Vergeblich: Das Geschäft wurde später aus politischen Gründen storniert. Keystone / Hasan Sarbakhshian

Die Sanktionen kamen zuerst 1995 von den USA, 2006 dann von der UNO, später auch von der EU. Philippe Welti, ehemaliger Botschafter der Schweiz in Teheran bezeichnet die Sanktions-Kaskade als «das dominante Ereignis» in der Beziehungsgeschichte der beiden Länder. Welti ist Präsident der Wirtschaftskammer Schweiz-Iran.  

Woher kam die speziell enge Beziehung der kleinen freiheitsliebenden Schweiz zu diesem Regime, das so andere Werte vertritt als die ihrigen? Als Freiheit, Demokratie und Gleichheit?

Die iranische Theokratie hatte sich nach dem Sturz des Schah von Persien 1979 etabliert. Über den Präsidenten wachte der oberste Religionsführer, der am 28. Februar getötete Oberste Führer Ali Chamenei. Diesem zu Diensten stand der Wächterrat, der das Parlament kontrollierte.

Ein Repressionsapparat sorgte für Ruhe im islamischen Gottesstaat. Revolutionsgarden, Sittenpolizei, und Sicherheitspolizei dämmten bis anfang 2026 alle Ausbrüche des Unmuts im Volk brutal ein.

Iran rangierte 2025 auf dem KorruptionsindexExterner Link von Transparency International auf dem 153. von 180 Plätzen. Auch auf dem DemokratieindexExterner Link figuriert das Land weit hinten: Rang 154 von 167.

Der Iran will Nuklearwaffen bauen. Er will Israel vernichten. Er intervenierte im Irak, im Libanon und in Jemen, befeuerte das Blutvergiessen von Diktator Bashar al Assad in Syrien, das nach UNO-Angaben 500’000 Leben kostete.

Er lieferte Drohnen an Russland, versorgte die Hamas, die das Massaker gegen Israel am 7. Oktober 2023 durchführte, mit 1182 Toten – jene Hamas, welche seit 2025 auch die Schweiz als Terrororganisation bezeichnet. 

Neue Gewalt, neue Sanktionen

Zuletzt ging der Iran auch gegen die eigene Zivilbevölkerung immer brutaler vor. 2022 reagierte es auf Massenproteste mit über 500 Tötungen und über 25’000 Verhaftungen. Festgenommene erlebten Folter, sexuelle Gewalt und Willkür. Im Januar 2026 schlug das Regime eine neue Welle des Aufstands nieder. Ein iranisches Ärztenetzwerk bezifferteExterner Link die Anzahl Todesopfer diesmal auf über 30’000. Darüber herrscht noch immer Unklarheit, unter anderem weil das Regime das Internet streng überwacht.

Die Schweizer Regierung äusserte in einer MitteilungExterner Link «Besorgnis» – und bestellte dazu auch den iranischen Botschafter ein. Verglichen mit anderen Staaten, etwa mit KanadaExterner Link, fiel die Schweiz einmal mehr durch Zurückhaltung auf.

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Der Schweizer Umgang mit dem Iran verlief stets auf zwei Schienen: Handel da, diplomatische Sonderaufgaben und entsprechende Verhaltenheit dort. Handel war stets das Ziel, Diplomatie der Zweck. Aber nur beide Schienen zusammen ermöglichten der Schweiz ein immer engeres Bündnis mit Teheran.

Denn je tiefer sich das Regime international in die Isolation manövrierte, desto wichtiger wurde die Schweiz. Nicht nur für Teheran, sondern auch für den Westen: Dieser wandte sich ab, die Schweiz hielt die Stellung, baute Brücken, wurde Briefträgerin. Die besondere Rolle legitimierte die Freundschaft mit dem Pariastaat, ohne dass international gleich die Ächtung drohte.

Dogma von Wandel durch Handel

Auch nach innen diente die spezielle Rolle der Schweiz zur Rechtfertigung. Wie mit China oder Russland folgte sie im Iran jahrzehntelang dem Dogma von «Wandel durch Handel». Man muss erst reinkommen, um Menschenrechte adressieren zu können. So argumentierte das Schweizer Aussenministerium, wenn im Inland kritische Stimmen laut wurden.

1979 erhielt die Schweiz ein erstes Schutzmachtmandat, sie übernahm die Vertretung iranischer Interessen in Ägypten.

Die Islamische Revolution 1979. Ayatollah Khomeini (Mitte) wird von Anhängern in Teheran gefeiert.
Die Islamische Revolution 1979. Ayatollah Khomeini (Mitte) wird von Anhängern in Teheran gefeiert. Keystone / Str

1980 kamen die USA dazu. Es ist das «Kronjuwel» der Schweizer Schutzmachtmandate, wie es in Diplomatenkreisen heisst. 2017 folgte Saudi-Arabien mit einem Doppelmandat (bis 2023) und 2019 Kanada. So verdankt die Schweiz dem Iran gleich mehrere ihrer Schutzmachtmandate, heute sind es insgesamt sieben.

Diese verbleibenden Mandate sind wichtig, während des Zweiten Weltkriegs waren es 200. «Die Schweiz hat ein grosses Interesse daran, diese Schutzmachtmandate nicht zu verlieren», sagte Philippe Welti 2022 anlässlich der damaligen Proteste.

Schweizer Aussenpolitiker argumentieren heute hingegen, dass spätestens mit dem aktuellen Krieg, das Schutzmachtmandat in Teheran überflüssig geworden sei. «Dieses war Hauptursache für das Leisetreten der Schweiz gegenüber dem brutalen Mullah-Regime», sagt SP-Ständerätin Franziska Roth.

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Profite einer Freundschaft

Dank ihrer Neutralität steht sie seit 150 Jahren jenen Staaten als Briefträgerin zur Verfügung, die wegen Konflikten ihre diplomatischen Beziehungen zu anderen Ländern abgebrochen haben. «Es ist kein Land erfahrener in dieser Materie», sagte Welti, der in seiner Botschafter-Zeit in Teheran das US-Mandat betreute.

Der Gewinn der Schweiz? Schutzmachtmandate verleihen dem kleinen Land privilegierten Zugang zu den Akteuren der Weltgeschichte und auf dem internationalen Parkett Gewicht.

Auch der Iran profitiert. Die Freundschaft mit dem angesehenen Kleinstaat normalisierte die Mullahs auf internationaler Ebene und wurde entsprechend gern zur Schau gestellt.

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Die Schweiz half dem Iran zudem aktiv beim Zugang ins Gefüge der Nationen. So weibelt sie auf Bitten Irans noch immer für dessen Zugang zur Welthandelsorganisation WTO. Denn das rohstoffreiche Land suchte über Jahre verzweifelt den Anschluss an die Weltwirtschaft. Seine Währung ist abgestürzt:  1 Dollar kostet 42 Millionen Rial. Die Inflation beträgt 50%. «Der Iran ist wirtschaftlich ein Zombie», analysiertExterner Link SRF.

Die Schweizer Patenschaft in Sachen WTO ist festgehalten in einer «RoadmapExterner Link zur weiteren Vertiefung der Beziehungen» von 2016. Die Erklärung umfasst 13 Paragrafen, sie reichen von Politik und Wirtschaft über Nuklearsicherheit und Umwelt bis hin zu Landwirtschaft und Recht.

Der Schweizer Wirtschaftsminister wird vom Staatspräsident Hassan Rohani und dem Obersten Führer Ali Chamenei empfangen: Johann Schneider-Ammann in Teheran 2016.
Der Schweizer Wirtschaftsminister wird vom Staatspräsident Hassan Rohani und dem Obersten Führer Ali Chamenei empfangen: Johann Schneider-Ammann in Teheran 2016. Keystone / Supreme Leader Website / Handout

Paragraf 10 gilt den Menschenrechten. Die Passage bleibt vage. «Die Parteien erklären ihre Absicht, einen Dialog über relevante Menschenrechtsfragen wieder aufzunehmen,» steht da, und dass sich Beamte zunächst über die Modalitäten dieses Dialogs unterhalten sollten.

Bekannt ist, dass die Schweiz das Festhalten Irans an der Todesstrafe regelmässig angesprochen hat, insbesondere wenn diese Jugendliche traf. Tatsächlich exekutiert der Iran jährlich hunderte von Bürger:innen, die meisten durch Erhängung, darunter stets auch Minderjährige. 2025 ist die Zahl der Exekutionen laut Human Rights Watch sprunghaft angestiegen, auf 2167 staatlich durchgeführte Tötungen.

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Bereits 2018 verschärfte US-Präsident Donald Trump die Gangart gegenüber Teheran. Er wollte das Mullah-Regime in die Knie zwingen. Er drohte allen iranischen Handelspartnern: Entweder ihr handelt mit dem Iran – oder mit den USA. Das war damals seine Ansage.

Sie wirkte noch schlimmer als Sanktionen – auch für Schweizer Institutionen: Keine Schweizer Bank wagte sich danach noch, auch nur einen Franken in ihren Büchern zu führen, der aus dem Iran kommen könnte. Und die meisten Schweizer Firmen konnten es sich mit den USA nicht verderben.

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Als Reaktion darauf schuf die Schweiz unter Berufung auf ihre humanitäre Tradition ein «Schweizer humanitäres Handelsabkommen». Dieses ermöglicht ab 2020 einen Handel in eingeschränkten Gebieten wie Medizin und Lebensmittel, von den USA erlaubt. Nestlé, Novartis, Roche und Syngenta sind dabei. Aber auch hier folgte die Enttäuschung. Für die Erlaubnis der USA waren Vertragsdetails nach Amerika zu senden. Die wenigsten Unternehmen waren dazu bereit.

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So hatte die Schweiz insgesamt ernüchternd wenig von ihrem zunehmend umstrittenen Iran-Engagement. Der Iran immerhin freute sich aber an der unkomplizierten, wenn auch regelkonformen Visa-Vergabe der Schweiz für iranische Beamte, die nach Genf reisen wollen.

Es sind viele, und es ist wohl der grösste Profit, den der Iran aus dieser speziellen Beziehung zog und «sicher ein sehr positiv aufgenommenes Entgegenkommen, das die Schweiz dem Iran anbietet», sagte Ex-Diplomat Philippe Welti. Genf sei für den Iran stets sehr wertvoll gewesen, ein Tor zur Welt.

«Wie Sauerstoff.»

Wertvoller Zugang zu Genf und WEF in Davos: Irans Präsident Mohammad Khatami mit dem Schweizer Bundespräsident Joseph Deiss in Bern 2004.
Wertvoller Zugang zu Genf und WEF in Davos: Irans Präsident Mohammad Khatami mit dem Schweizer Bundespräsident Joseph Deiss in Bern 2004. Keystone / Lukas Lehmann

Editiert von Marc Leutenegger

Dieser Text ist eine aufdatierte Version eines Artikels, den Swissinfo anlässlich der iranischen Massenproteste im Jahr 2022 veröffentlicht hat.

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