Das Entwicklungsgebiet Wil West steht vor der Schicksalsfrage
Die St. Galler Stimmberechtigten entscheiden am 8. März über das grösste Ostschweizer Entwicklungsprojekt Wil West. Das Vorhaben wuchs aus einer einstigen Forderung nach einem Autobahnanschluss für Wil zu einem neuen Wirtschaftsstandort. Jetzt steht es am Scheideweg.
(Keystone-SDA) Kartoffeln müssen als Symbol im Abstimmungskampf um Wil West herhalten. An der SVP-Delegiertenversammlung in Sargans SG hielt ein Kantonsrat einen Kilosack Kartoffeln in die Höhe. 330’000 Säcke könnten auf dem Gebiet jährlich geerntet werden, rechnete er vor. Dieses Land müsse weiterhin landwirtschaftlich genutzt werden.
Eine Woche später schoben die Befürworter eine Karrette voller Kartoffelsäcke an ihre Medienorientierung. Es werde weiterhin genügend Kartoffeln geben, führten sie ins Feld. Mit Wil West bündle man nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung im Raum Wil, sondern schone auch Böden in anderen Gebieten.
22 St. Galler und Thurgauer Gemeinden der Region gehören dem Vorhaben Wil West an. Sie verzichten auf Einzonungen für neue Firmenansiedlungen, heisst es auf der Website des Projekts. «Das spart Böden und schützt wertvolle Flächen.»
Stimmberechtigte entscheiden über einen Landverkauf
Das Schicksal des Entwicklungsprojekts im Westen der Stadt Wil liegt in den Händen der Stimmberechtigten des Kantons St. Gallen. Nach einem Nein im September 2022 kommt es nun zu einem erneuten Urnengang. Die Abstimmungsfrage hat sich geändert, das Gegenargument des Landverlusts ist geblieben.
Damals erlitt ein Sonderkredit von 35 Millionen Franken für die Arealentwicklung durch den Kanton St. Gallen überraschend Schiffbruch an der Urne. Nun entscheidet sich, ob ein rund 125’000 Quadratmeter grosses Grundstück dem Nachbarkanton verkauft werden soll. Wil West liegt hauptsächlich im Kanton Thurgau, gehörte ursprünglich zum Gutsbetrieb der Klinik Wil und ist deshalb im Besitz des Kantons St. Gallen.
Mit dem Verkauf würde die Federführung des Projekts an den Thurgau übergehen. Auf dem Gebiet soll die wirtschaftliche Entwicklung der Region Wil künftig stattfinden können. Hier soll auch eine Verkehrsentlastung für die Stadt Wil vorgespurt werden.
Vorgesehen sind bis zu 3000 Arbeitsplätze und zwei neue Bahnhaltestellen. Der Thurgau würde jedoch darauf verzichten, für die Erschliessung des Areals aufzukommen. Es soll dereinst an Investoren beziehungsweise Arealentwickler veräussert werden.
Schon bei Jungpolitikerin Karin Keller-Sutter ein Thema
Seit mehr als 40 Jahren hallt der Ruf nach einem neuen Autobahnanschluss durch die Region Wil. 1985 forderte die «Interkantonale Regionalplanungsgruppe Wil» die Thurgauer und St. Galler Regierungen auf, «unverzüglich alle notwendigen Schritte» für die Realisierung eines Autobahnanschlusses mit einer Umfahrungsstrasse an die Hand zu nehmen.
Sinnbildlich dafür steht ein Wahlflyer von Karin Keller-Sutter (FDP). 1992 schaffte sie die Wahl in den Wiler Stadtrat. Als Kandidatin der Jungen FDP setzte sie sich im Wahlkampf unter anderem für «den Bau des Autobahnanschlusses Wil West» ein.
Heute ist Karin Keller-Sutter Bundesrätin. Noch immer bleibt es ihr verwehrt, im Westen ihrer Heimatstadt auf die Autobahn nach Bern einzuspuren.
Ein «Ja, aber» vom Bund
2001 teilte die Thurgauer Regierung dem damaligen Bundesrat Moritz Leuenberger (SP) ihre Besorgnis über die zunehmende Verkehrsbelastung von Wil SG, Münchwilen TG und Sirnach TG mit. Diese könne mit einem Autobahnanschluss und einer neuen Regionalstrasse entlastet werden. Leuenberger lenkte nicht ein.
2013 gaben die Regierungen der Kantone St. Gallen und Thurgau bekannt, das Gebiet Wil West direkt an der Autobahn A1 gemeinsam entwickeln zu wollen. Die IHK sah das Areal als idealen Standort für einen Ausbau der ETH Zürich. Das blieb jedoch ein Wunsch. Grosse Namen als künftige Nutzer des Areals und Anbieter hochqualifizierter Arbeitsplätze sind bis heute keine bekannt.
Trotzdem konnte der Bund so doch noch vom Autobahnanschluss überzeugt werden. Der Bundesrat gab grünes Licht, jedoch unter einer Bedingung: ohne Arealentwicklung kein Autobahnanschluss.
Nach dem Nein von 2022 sind dem Kanton St. Gallen diesbezüglich jedoch die Hände gebunden. Deshalb will er das Land dem Thurgau abtreten, um das Projekt zu retten. An der Abstimmung vom 8. März stehen somit die jahrelang ausgearbeiteten Pläne auf dem Spiel.
Die SVP bleibt bei ihrer Haltung
Im St. Galler Kantonsrat erfuhr das Projekt mehrheitlich Zuspruch. Wie schon beim damaligen 35-Millionen-Kredit zur Entwicklung des Gebiets sagte das Parlament auch zur Verkaufsvorlage an den Thurgau deutlich ja. Doch wiederholt ergriffen die SVP und die Grünen gemeinsam das Ratsreferendum und konnten damit wieder eine Volksabstimmung erwirken.
An der Delegiertenversammlung der SVP wurde wieder der Verlust von Landwirtschaftsland und nun auch der aus ihrer Sicht zu tiefe Verkaufspreis kritisiert.
Nach Abzug für Kompensationen von Fruchtfolgeflächen und Mehrwertabgaben beläuft sich der Preis für den Thurgau auf 10,3 Millionen Franken, teilten die beiden Regierungen mit. Insgesamt wurde ein Landwert von 20,3 Millionen Franken in einem Verfahren ermittelt.
Die Mehrheit der SVP-Delegierten fasste die Nein-Parole und signalisierte, dass sich bei ihnen das Stimmungsbild seit der Abstimmung im Jahr 2022 nicht geändert hat. Damals dürfte die Haltung der SVP massgebend zum Nein beigetragen haben.
Grüne wollen zuerst innere Verdichtung
Auch die Grünen fassten eine deutliche Nein-Parole. Die geplante Gestaltung des Areals könne zwar als ökologisch vorbildlich bezeichnet werden. Das treffe jedoch nicht auf die Verkehrsplanung zu.
Die Grünen verweisen darauf, dass in der Stadt Wil noch grosses Potenzial für Arbeitsplätze innerhalb des Siedlungsgebiets bestehe. Einer grossflächigen Einzonung von Kulturland könne die Partei erst zustimmen, wenn das Verdichtungspotenzial ausgeschöpft sei.
Die anderen Parteien sind dafür
Die Parteien FDP, Mitte, SP, GLP und EVP sehen zusammen mit der St. Galler Regierung im Landverkauf an den Thurgau die Chance, einem vorbildlichen Projekt doch noch eine Zukunft zu ermöglichen. Zum Ja-Lager gesellten IHK, Gewerbeverband, Hauseigentümerverband, TCS und ACS.
«Das überarbeitete Projekt ist ökologisch klar verbessert, stärkt die regionale Wirtschaft, entschärft die Verkehrsproblematik im Raum Wil und hilft, Zersiedelung zu verhindern», schrieb etwa die GLP in einer Mitteilung. Dank der vorgesehenen Kompensation von Fruchtfolgeflächen werde zudem ein zentrales Anliegen der Landwirtschaft ernst genommen.
Diesbezüglich sprach auch eine Vertreterin des Bundesamtes für Raumentwicklung an einer Medienorientierung im Herbst 2024 von einem nachhaltigen und beispielhaften raumpolitischen Vorhaben.
Wiler Politiker treten gegen ihre Mutterparteien an
Der Traum eines Autobahnanschlusses, einer Verkehrsentlastung und eines wirtschaftlichen Entwicklungsgebiets könnte für die am Rande des Kantons St. Gallen angesiedelte Stadt Wil erneut zerplatzen. In der Äbtestadt selber sind sich die Parteien hingegen auffallend einig.
Im Ja-Komitee treten an vorderster Front auch Bäuerinnen der SVP und Politiker der Grünen auf. Sie bieten damit ihren Mutterparteien die Stirn. Doch das «Generationenprojekt, das unsere Region fit für die Zukunft macht», entscheidet sich an den Urnen im ganzen Kanton.