Bargeld für Mäuseschwänze – stirbt diese Schweizer Tradition aus?
Haben Sie auf Ihrem Feld ein Nagetierproblem? Dass Feldmauser mit Pfeifen für ihre Dienste bezahlt werden, ist schon länger aus der Mode gekommen. Trotzdem gibt es in der Schweiz auch heute noch Orte, die Mäusejäger:innen – meist Kindern – eine kleine Prämie pro abgelieferten Mäuseschwanz bezahlen.
«Mäuse fangen lohnt sich!», war vor Kurzem im Amtsanzeiger von Tübach am Bodensee zu lesen. «Wer in Tübach eine Maus fängt, kann den Mausschwanz als Beweis beim Werkhof vorbeibringen – dafür gibt’s CHF 1.– pro Stück.»
Die Aktion habe aber noch einen anderen Grund, erklärt Gemeindepräsident Michael Götte Anfang Januar gegenüber dem St. Galler TagblattExterner Link: «Wir richten seit ewigen Zeiten Fangprämien aus. Doch im Herbst ist uns aufgefallen, dass in diesem Jahr noch kein einziger Franken ausbezahlt wurde. Wir wollten die Leute an die Mäuseprämie erinnern.»
Wird die Zahl der Mäuse oder Wühlmäuse nicht reguliert, kann dies für Bäuerinnen innen und Bauern ernsthafte Probleme mit sich bringen. Unter den Säugetieren vermehrt sich kaum eine Art schneller als Wühlmäuse: Ein Paar kann über einen Sommer mehr als 100 Nachkommen zeugen. Alle paar Jahre kommt es gemäss St. Galler Tagblatt wieder zu einer «Mäuseplage».
«Die Alternative wäre Gift»
«Die Mäusejagd ist bei uns Tradition. Das wird schon ewig so gehandhabt und hat sich bewährt», sagte Peter KindlerExterner Link, damaliger Gemeindepräsident von Sennwald an der Schweizer Grenze zu Liechtenstein, 2017 gegenüber 20 Minuten. Im Vorjahr seien 10’000 Schwänze abgegeben worden, die Fangprämie pro Schwanz betrug 1,50 Franken.
«Die Alternative wäre Gift, das wäre aber auch für Vögel und andere Tiere schädlich. Deshalb ist die Jagd die natürlichste Art, die Mäuse loszuwerden.»
Mäuse sind nicht die einzigen Tiere, auf die Schweizer Behörden Fangprämien ausgesetzt haben: Auch für gefangene Maulwürfe gibt es ein Schwanzgeld.
In diesem Video (Franz.) des Westschweizer Fernsehens RTS von 2022Externer Link erklärt einer der letzten Maulwurfjäger der Romandie, wie er seit 50 Jahren Maulwürfe fängt.
Und dann ist da noch das unangenehme Schicksal des Maikäfers oder Junikäfers: «Der Maikäfer galt als schädlich für die Land- und Forstwirtschaft», ist auf der Website des Kantons Genf zu lesenExterner Link.
«In ländlichen Gemeinden wie Meyrin wurden bis in die 1950er Jahre Sammelaktionen organisiert. An diesen ‹Jagden› beteiligten sich hauptsächlich Kinder, die pro gesammeltes Kilo Käfer ein paar Rappen erhielten.» Anschliessend seien die Käfer von Gemeindeangestellten verbrannt oder in eine Grube geschüttet und mit Kalk bedeckt worden.
Fredy Schöb, ehemaliger Gemeindepräsident des Nachbardorfs Gams, ist gleicher Meinung. Diese Bekämpfungsmethode sei nicht nur ökologisch, sondern auch verhältnismässig human. 2016 hatte Gams 4000 Franken für die Bekämpfung der Nager budgetiert, doch das reichte nicht aus.
Zehn Jahre später beträgt das Mausgeldbudget nun 6000 Franken. «Es werden jedoch alle bezahlt, auch wenn das Budget überschritten wird.», so der aktuelle Gemeindepräsident Manuel Schöb gegenüber Swissinfo. Letztes Jahr wurden 6499 Mäuseschwänze abgegeben, die Prämie beträgt unverändert 1,50 Franken pro Stück.
«Wir wollten sie einst abschaffen, aber der Widerstand in der Bevölkerung war zu gross», so Fredy Schöb gegenüber 20 Minuten. Es sei eben eine Tradition und für Kinder eine Möglichkeit, ihr Sackgeld aufzubessern.
«Mausen hält fit»
Und nicht nur für Kinder: Andreas Schären aus Remetschwil im Kanton Aargau machte 2021 Schlagzeilen, weil er im Sammeln von Mäuseschwänzen zu erfolgreich war.
Bis zu 500 Stück pro Monat lieferte der 67-jährige Rentner ab. Eigenen Aussagen zufolge habe er «wohl das Budget der Gemeinde gesprengt». Ende 2021 stellte Remetschwil die Zahlung einer Fangprämie von einem Franken ein.
«Die Zahl der abgegebenen Schwänze ist plötzlich explodiert», erklärte Gemeindeschreiber Roland Mürset gegenüber BlickExterner Link. Früher seien jährlich rund 200 Schwänze abgegeben worden, dann waren es plötzlich mehr als doppelt so viele – und das pro Monat. So fand die 100-jährige Tradition ein Ende, zumindest in Remetschwil.
«Ich finde es sehr schade», sagt Schären. «Das Mäusejagen ist eine Beschäftigung in der Natur, die einen fit hält.» Schären erzählte, wie er als kleiner Junge auf dem Hof der Familie auf Mäusejagd ging und jeweils 50 Rappen pro Schwanz bekam.
Als er pensioniert worden sei, habe er wieder damit angefangen. «Mein Rekord an einem Tag liegt bei 128. Insgesamt habe ich in den zwei Jahren über 6000 Mäuse gefangen.»
Variable Prämien
Zurück in Tübach: Auf den Feldern von Landwirt Thomas Fuchs stecken mehrere Markierstäbe im Boden. «Mein Bruder und ich haben jeweils unseren Grossvater beim Mausen begleitet und uns alles abgeschaut», erzählt Fuchs dem St. Galler Tagblatt.
Als Falle verwendet Fuchs einen Metallzylinder mit Federspannung, der senkrecht in den Mäusegang eingebracht wird. Läuft eine Maus unter dem gespannten Zylinder durch, schnappt die Falle zu – die Maus ist sofort tot.
Laut Fuchs sind diese Fallen sehr zuverlässig, aber auch relativ teuer. «Wenn ein Fuchs eine verschleppt, weil er die darin gefangene Maus fressen will, ist das Geld meist verloren.» Deshalb stellt Bauer Fuchs die Fallen nur tagsüber auf.
Fuchs schreitet über die Wiese und schaut in den Fallen nach. Bei den ersten beiden wurde der Mechanismus zwar ausgelöst, doch die Maus hatte Glück. In der dritten wird er jedoch fündig und zieht eine tote Wühlmaus aus dem Erdloch.
Er trägt sie zum Waldrand, wo sich ein anderer Fuchs – einer mit vier Beinen – ihrer annehmen wird. «Wenn ich eine grosse Menge hätte, müsste ich sie in die Kadaversammelstelle bringen», sagt Thomas Fuchs. Er schneidet die Schwänze ab und bringt sie zum städtischen Werkhof, um seine Prämie abzuholen.
Reich wird man mit der Mäusejagd nicht – aber einige Orte zahlen besser als andere. Der Steuer- und Gebührenordnung 2026 von Ziefen (Kanton Basel-Landschaft)Externer Link ist zu entnehmen, dass die Gemeinde eine Prämie von 50 Rappen pro abgegebenen Mausschwanz ausrichtet. Gams bezahlt wie erwähnt 1,50 Franken pro Schwanz.
Lauenen, eine idyllische Gemeinde bei Gstaad im Berner Oberland, verdoppelte vor einigen Jahren die Mäuseschwanzprämie von 50 Rappen auf einen Franken, unter anderem deshalb, weil das benachbarte Saanen angekündigt hatte, seinen Tarif zu erhöhen.
Lauenen musste handeln: «Es hätte sonst womöglich einen Mäuseschwanztourismus nach Saanen gegeben», wie Gemeindeschreiber Andreas Kappeler dem deutschen Magazin Spiegel erklärtExterner Link. «Dem mussten wir zuvorkommen.»
Mäuseschwanztourismus
Von «Mäuseschwanztourismus» hatte Franz Firla aus Mülheim im Nordwesten Deutschlands zwar noch nie etwas gehört, in einer Kolumne für die Mülheimer WocheExterner Link aber hatte er von der Situation in Saanen gelesen und an die dortige Gemeindeverwaltung geschrieben.
«Meine Frau und ich planen einen Urlaubsaufenthalt in Saanen und möchten anfragen, ob auch Touristen in den Genuss des Mausfanggeldes kommen können, und wenn ja, welches die günstigsten Monate dafür wären.»
Schon nach einer Stunde landete eine Antwort in seiner Inbox: «Sehr geehrter Herr Firla, zum Mäusefangen wäre im Prinzip jetzt [im Mai] eine gute Zeit, wo der Schnee in tiefen und mittleren Lagen weg ist und das Gras noch nicht hochgewachsen. Die Entschädigung ist grundsätzlich für Ortsansässige gedacht, wir könnten eine Ausnahme machen unter folgenden Bedingungen: Die Mäuse müssen hier gefangen werden, der Landwirt und Landeigentümer muss einverstanden sein und mit Ihnen zur Abgabestelle gehen zur Auszahlung des Mäusefanggeldes. Dann ist das möglich, sonst nicht.»
Einen romantischen Urlaub stelle ich mir zwar anders vor – aber damit bekommt das Wort «Touristenfalle» nochmal eine ganz andere Bedeutung…
Editiert von Samuel Jaberg/gw, Übertragung aus dem Englischen: Lorenz Mohler
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