Cooler Schutz für kluge Köpfe
Statistiken zeigen, dass sich jährlich über 70'000 Schweizer auf unseren Pisten verletzen, davon 15% an Kopf und Hals. Drei Viertel dieser Verletzungen könnte ein Helm verhindern. Dennoch tragen immer noch nicht alle Skifahrer Helme. Braucht es ein Obligatorium?
«Früher erkannte man schlechte Skifahrer an einem Helm, heute die guten», sagen viele Skilehrer. Während fast alle Kinder und Jugendlichen (97%) bereits einen Helm tragen, zieren sich die Erwachsenen noch. Aber immerhin: Während 2004 nur 16% einen Helm trugen, sind es heute über die Hälfte (63%).
Dieser Mehrheitstrend zum Helm ist vor allem dem Lifestyle der Snowboarder zu verdanken. Die jungen Leute waren als erste mit Helm auf der Piste unterwegs und zeigten, dass Helmtragen cool ist. Die jungen Snowboarder machten aus dem früher belächelten Kopfschutz ein cooles Accessoire.
Mehrheit für Helmobligatorium
Bei einer Umfrage in der Wintersaison 2008/2009 sprach sich eine grosse Mehrheit (74%) für ein Skihelm-Obligatorium aus. Eine allgemeine Helmtragpflicht gilt bisher nur in einem einzigen Wintersport-Nachbarland der Schweiz: Italien. Dort sind auf gesetzlicher Ebene Sicherheitsmassnahmen auf den Pisten festgelegt, die von einer Pistenpolizei kontrolliert werden.
In Frankreich, Deutschland und Österreich ist es wie in der Schweiz: keine gesetzlichen Massnahmen, keine Pistenpolizei, Verantwortung bei den Seilbahnen. Lediglich im österreichischen Vorarlberg gibt es eine Art Pistenwacht: Das sind aufgrund des Sportgesetzes vereidigte Amtspersonen, die Bussen erteilen und Abonnemente entziehen können.
Boom in Österreich
In Österreich dürfen allerdings ab dieser Wintersaison Kinder nur noch mit Helm auf die Skipiste. Alle Bundesländer haben sich auf eine entsprechende Regelung geeinigt.
Skihelme lägen derzeit in Österreich voll im Trend. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen bis 15 Jahren sei die schützende Kopfbedeckung äusserst beliebt, berichtete die Zeitung Kurier jüngst.
«Einen Skihelm zu tragen, ist jetzt cool», sagte der Präsident des Österreichischen Skiverbandes Peter Schröcksnadel. In der diesjährigen Saison würden wohl 63% aller Wintersportler auf Helme zurückgreifen. Grund für den Boom sei der schwere Skiunfall des thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus am Neujahrstag 2009, bei dem eine Skiläuferin ums Leben gekommen war.
BfU gegen eine Reglementierung
Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) lancierte 2007/2008 eine neue Sicherheitskampagne «Schütze dich mit einem Helm». Dieses Accessoire vermindert das Risiko von Kopfverletzungen um 75%.
«Diese Kampagne hatte Erfolg, wir sind jetzt bei einer Helmtragquote von 63% beim Skifahren», sagt Frank Hofer, Leiter der Abteilung Sport in der BfU, gegenüber swissinfo.ch. «Wir fahren diesen Winter unsere Helmkampagne zum letzten Mal. Diesmal legen wir den Hauptfokus auf die Romandie, weil in der Westschweiz weniger Helme getragen werden als in der Deutschschweiz.»
Trotzdem wäre für die BfU eine obligatorische Helmpflicht «kontraproduktiv». Helmtragen sei bei den Jungen cool geworden, das bleibe aber nur so, solange es freiwillig sei. Hofer ist überzeugt, dass in der Schweiz keine Helmpflicht notwendig ist. «Bei den Kindern bis 12 Jahren liegt die Helmtragquote praktisch bei 100%, bei jenen bis 17 sind es 90%, eine unglaublich hohe Quote.»
Erwachsene: Appell an Eigenverantwortung
Die Köpfe der Kinder seien also geschützt, sagt Hofer. «Bei den Erwachsenen appellieren wir an die Eigenverantwortung. Auch hier ist die Entwicklung der Helmtragquote sehr zufriedenstellend. Wir sehen keinen Handlungsbedarf in Richtung repressiver Gesetzgebung.»
Italien ist also kein Vorbild? Dazu Hofer: «Nein, wir haben eine andere Taktik, bei uns stellt sich die Tragquote ganz anders dar. Wir haben eine 100%-Tragquote bei Kindern. Und da sind die Italiener trotz Obligatorium nach wie vor weit davon entfernt.»
Überall in den Alpenländern werde diskutiert über Teil- oder Gesamtobligatorien, aber entschieden sei bis jetzt nichts. «So wie ich die Situation einschätze, wird sich das in der nächsten Zeit in Frankreich, Deutschland und Österreich nicht gravierend verändern.»
Verantwortung auf der Piste
Die definitive Verantwortung für die Sicherheit auf den Pisten ist laut Hofer relativ klar aufgeteilt. Für Zustand, Wartung und Markierung der Pisten und die Anlagen sind die Seilbahnbetriebe verantwortlich.
«Wenn es ums Verhalten auf der Piste geht, steht die Eigenverantwortung der Skifahrer und Snowboarder zuoberst. Da sind die zehn Regeln des Internationalen Skiverbandes (FIS) massgebend, an die muss man sich halten. Dann ist man auf der guten und sicheren Seite.»
Jean-Michel Berthoud, swissinfo.ch
Ein Skihelm sollte keine Druckstellen verursachen, aber trotzdem fest am Kopf anliegen und nicht zu weit sein. Er muss sich beim Drehen des Kopfes mitdrehen und darf nicht wackeln. Auch Kinderskihelme sollten passend gekauft werden.
Verschliessbare Lüftungsschlitze und mit Handschuhen bedienbare Schnallen erhöhen den Tragkomfort. Wichtig ist, dass der Skihelm der EN (Europäische Norm) 1077 entspricht. Diese Helme gewähren für Skifahrer und Snowboarder ausreichenden Schutz.
Neben Helm, Handgelenkschoner und Rückenpanzer bieten gegenseitige Toleranz und Rücksicht auf den Skipisten den besten Schutz. Viele Unfälle können verhindert werden, wenn sich die Skisportler richtig einschätzen.
«Jeder muss sich so verhalten, dass er keinen anderen gefährdet oder schädigt», heisst es in den zehn Pistenregeln des Internationalen Skiverbands (FIS), die bei Unfällen auch von Richtern als Grundlage herangezogen werden.
Skihelm und Privathaftpflicht sind nicht vorgeschrieben, aber doch ein Muss. Sollte es trotz aller Vorsicht zu einem Zusammenstoss kommen, kann der Unfallverursacher zur Kasse gebeten werden.
Ist die andere Person dauernd erwerbsunfähig, können die Kosten schnell auf mehrere hunderttausend Franken ansteigen. Die Privat-Haftpflichtversicherung übernimmt die finanziellen Folgen solcher Ansprüche.
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