Sportler mit Eidgenössischem Fähigkeitsausweis
Immer wieder müssen Sportlerinnen und Sportler in der Schweiz zwischen Beruf und Sport wählen; meist entscheiden sie sich für den Beruf. Schweizer Sportler geraten auch deswegen, heisst es, weltweit ins Hintertreffen. Jetzt gibt es "Sportler" als eidgenössische Berufslehre. Rund 40 "Stifte" beginnen im Herbst.
Die Schweiz steht (fast) einzigartig da in der Welt mit ihrer Berufsausbildung, bei der man nach erfolgreich abgeschlossener Berufslehre den eidgenössischen Fähigkeitsausweis erhält. Eine Berufslehre dauert in der Regel drei oder vier Jahre.
An zwei Tagen besucht der Lehrling oder die Lehrtochter eine Berufsschule (Gewerbeschule). Die andere Zeit arbeitet er/sie im Lehrbetrieb und erhält dort die handwerkliche Ausbildung. Das ist zum Beispiel bei einer Bäckerlehre kein Problem. Lehre beim Bäckermeister, Theorie in der Gewerbeschule. Wie aber geht das bei einem Fussball-, Eishockey- oder Skisprung-Lehrling?
«Genau gleich», legt Hans Kelterborn gegenüber swissinfo dar. Kelterborn wurde vom Schweizerischen Olympischen Verband beauftragt, das Projekt «Sportlehre» zu leiten. «Die für die Schweiz typische duale Berufsausbildung gibt es auch beim Sportlehrling.» Die Theorie erhalte der Lehrling an der Gewerbeschule, die Praxis im Lehrbetrieb, wo zusätzlich noch Theorie gebüffelt werde.
Arbeitsort FC St. Gallen
Der Lehrling erhält also einen Lehrvertrag bei einem Sportverein. Lehrbetriebe sind Fussballvereine wie z.B. der FC Luzern, der FC Basel oder der FC St. Gallen, unter Umständen Eishockey-Vereine oder der Schweizerische Skiverband. Die Berufslehre dauert vier Jahre, dann – nach einer erfolgreichen Abschlussprüfung – erhält der Sportlehrling den Eidgenössischen Fähigkeits-Ausweis.
«Die theoretische Abschlussprüfung ist gleich wie die eines Bäckers oder Automechanikers auch», erklärt Hans Kelterborn. «Die praktische Abschlussprüfung allerdings unterscheidet sich von derjenigen der andern Berufe. «So muss der Fussballer nicht auf eine Torwand schiessen oder Eckbälle treten, der Eishockeylehrling nicht zeigen, wie schnell er die Eisbahn umrunden kann, der Skispringer keinen Prüfungs-Weitensprung hinlegen.
Die Praxisprüfung erfolgt nicht an einem Tag, sondern setzt sich aus Beobachtungen zusammen. So wird beispielsweise ein Fussballer danach beurteilt, wie er sich in verschiedenen Spielen bewährt.
Berufslehre geht auf Adolf Ogi zurück
Noch gibt es keine Erfahrung mit der Sport-Berufslehre. Die ersten rund 40 Lehrlinge (Frauen sind noch keine dabei) beginnen ihre Berufslehre – wie die andern Berufe auch – im Frühherbst.
Drei Hauptgründe führten zur Berufslehre für Sportler: Erstens können sich jetzt auch Leute ohne Matur (Mittlere Reife) in Sport ausbilden lassen. Bisher war das nur in Sportgymnasien oder an Hochschulen möglich.
Dann soll mit der Sport-Berufslehre das Niveau im Schweizer Sport gehoben werden. Ein Anliegen, das dem früheren Sportminister, Alt-Bundesrat Ogi, am Herzen lag. Er hat sich stark für die Sport-Berufslehre eingesetzt.
Hauptgrund drei: Lehrlinge, die Sport treiben und Richtung Spitzensport tendieren, traten schon jetzt oft eine Berufslehre an. Als Schreiner zum Beispiel. Aber im Grunde genommen war ihr Beruf Fussballspieler. Probleme mit dem Lehrbetrieb waren programmiert.
Der Schreinerlehrling, der eigentlich Fussballer ist, muss trainieren. Er ist ständig weg und das ärgerte den Lehrmeister. Es lag also nahe, dort die Ausbildung zu erhalten, wo man auch «arbeitet», nämlich im Fussballverein, im Eishockeyclub oder beim Schweizer Skiverband. Andere Sportarten sollen folgen.
Ausbildung auch für die «Zeit danach»
In vier Jahren liegen die ersten Resultate vor. Dann werden die ersten Sportlehrlinge ihre Ausbildung abgeschlossen haben und viel wissen über ihren Sport und über Sport im Allgemeinen. Sie werden gelernt haben, mit dem Körper umzugehen, sie werden Physiologie beherrschen und Kurse über Ernährungslehre besucht haben.
Auch über Sportverletzungen und vor allem Verletzungs-Prävention werden die Sportlehrlinge sehr viel lernen.
«So wird der Sportlehrling zum guten Berufsmann», meint Hans Kelterborn, «und wenn die aktive Berufskarriere als Sportler zu Ende geht, besitzt der Berufsmann seinen Ausweis, einen nach Schweizer Recht anerkannten Beruf.» Darauf lasse sich eine Karriere nach der Karriere aufbauen.
Urs Maurer
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