Die Klimajugend ist wieder da – auf dem Bundesplatz und im Film

Heute morgen vor dem Bundeshaus: Junge Klimaaktivistinnen und -aktivisten bauen vor dem Sitz von Regierung und Parlament ein Protestcamp auf. Die Aktion soll eine Woche dauern. Delikat: Die Herbstsession läuft noch, und da sind politische Aktionen auf dem Bundesplatz nicht erlaubt. Keystone / Peter Schneider

Nach einer "Corona-Pause" halten junge Aktivistinnen und Aktivisten seit Montagmorgen in Bern mit einem Zelt-Camp den Bundesplatz besetzt. Gleichzeitig wirft ein neuer ein Schlaglicht auf die Bewegung. In "Plus chauds que le climat" (Wärmer als das Klima) nehmen die Autoren Adrien Bordone und Bastien Bösiger fünf jungen Engagierten den Puls.

Dieser Inhalt wurde am 21. September 2020 - 14:47 publiziert

"Ich frage mich bei all meinen Handlungen, was das Beste für das Klima ist, weil diese Angst in mir steckt, unseren Planeten zu schädigen." Die 17-jährige Jeanne spricht offen über die Sorgen und gar Qualen, die sie plagen. Es ist eine Angst, die sie aber nicht lähmt. Im Gegenteil: Sie weckt die Kräfte der jungen Frau und verstärkt diese um ein Vielfaches.

In ihrem Film fangen die beiden Schweizer Adrien Bordone und Bastien die Energie ein, die Tausende von Teenagern auf der ganzen Welt dazu gebracht hat, dem Beispiel der jungen schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg zu folgen, und für das Klima zu streiken.

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Auf der Sprachgrenze

Im knapp einstündigen Dokumentarfilm "Plus chauds que le climat" (Wärmer als das Klima), der soeben am Festival du Film Français d'Helvetie in Biel Premiere hatte, wird dieser globale Kampf, der das Jahr 2019 prägte, von Jeanne, Mark, Nina, Léa und Fabio verkörpert.

Die Kamera folgt den fünf Jugendlichen, die sich in Biel, der zweisprachigen Stadt an der Grenze zwischen der Deutsch- und der Westschweiz, für die Bewegung einsetzen. Wir treten in ihre Welt ein, teilen ihre Hoffnungen und Zweifel und entdecken ihre tiefsten Beweggründe.

Nach einem eher zufälligen Treffen mit Jeanne nehmen die Ko-Regisseure an einer Sitzung der Bewegung teil. "Wir waren überrascht und berührt von der Ernsthaftigkeit und Überzeugung, mit der sich diese jungen Menschen engagierten. Vor allem, weil wir selber mit 17 Jahren überhaupt nicht so gewesen waren", sagt Adrien Bordone.

Jeanne, eine der im Film porträtierten Klimabewegten aus der Uhrenstadt Biel. ldd

Die Filmemacher beschlossen, diesen Einsatz für das Klima auf die Leinwand zu bringen, und begleiteten fortan die jungen Menschen. Es ist auch die Geschichte von aufstrebenden Aktivistinnen und Aktivisten, die den Freiraum der Demokratie entdecken und sich diesen aneignen, um auf ihre Ziele aufmerksam zu machen.

"Sie bringen tatsächlich Opfer"

Kritiker werfen der "Generation Greta" mangelnde Kohärenz und auch Diskrepanz zwischen ihren Forderungen und ihrer Lebensweise vor. Doch die Regisseure hatten andere Eindrücke. Adrien Bordone sagt, er sei beeindruckt von der Standhaftigkeit und der Konsequenz der Streikenden: "Sie bringen wirklich Opfer. Eines Tages ging ich mit einer der Aktivistinnen in der Schulkantine essen. Da sie nichts fand, was ihren ökologischen Standards entsprach, hat sie nur Brot gegessen."

Für ein Wochenende nach Barcelona zu fliegen oder in Fast-Food-Restaurants rumzuhängen, kommt für die Klimastreikenden nicht in Frage. Einige entscheiden sich auch für eine vegetarische oder vegane Ernährung.

Sehr bewusster Konsum

Sie versuchen, ihren Konsum so weit wie möglich einzuschränken, zum Beispiel durch den Kauf von Secondhand-Kleidern. "Ich habe mit ihnen die Flohmärkte entdeckt und mir wurde klar, wie absurd es ist, stets wieder neue Kleider zu kaufen", räumt der Regisseur ein.

Viele Klimajugendliche sind zwar Studenten und Studentinnen, die wenig finanzielle Mittel haben und sich auch finanziell einschränken müssen. "Aber sie denken wirklich darüber nach, wie sie das wenige Geld, das sie haben, ausgeben", sagt Bordone.

"Wenn sich alle Menschen wirklich bewusst wären, was mit uns passiert, hätten wir kein Problem. Alle wären wie ich von Angst und Sorge geplagt und würden dementsprechend handeln. Es ist nicht möglich, dass man die Bedrohung real wahrnimmt und dann sagt, die Lage sei nicht ernst", sagt Jeanne.

Können die Klimastreikenden die Politik zu einem raschnen Umdenken in Sachen CO2-Ausstoss bewegen? Dieser Frage gehen Adrien Bordone und Bastien Bösinger in ihrem Dokumentarfilm nach. ldd

Der Wahrheit ins Auge blicken

Die jungen Aktivist*innen sind sich über die Dringlichkeit einer Verlangsamung der globalen Erwärmung im Klaren, während viele Ältere ihre Augen vor den Tatsachen verschliessen. "Sie haben noch diese Hoffnung, etwas verändern zu können, eine Hoffnung, die man mit zunehmendem Alter sehr schnell verliert", sagt der Regisseur.

Nicht alle mögen die Forderungen dieser jungen Menschen. Gewisse Leute nerven sich auch arg darüber. "Es sind 17-Jährige, die uns die Wahrheit sagen. Vielen Erwachsenen fällt es schwer, dies zu ertragen, deshalb stehen sie diesen Jungen kritisch gegenüber", sagt Bordone.

Abflauen und Lockdown

Egal ob in den Strassen von Paris, Stockholm, Genf, Lausanne, Bern, Zürich oder Biel – das Ziel dieser engagierten jungen Menschen ist überall das gleiche: Die Netto-Treibhausgasemissionen bis ins Jahr 2030 auf null zu reduzieren. Zehntausende von Jugendlichen ziehen durch die Stadtzentren, skandieren eingängige Parolen, Schulter an Schulter, ohne Masken, ohne soziale Distanzierung. Es sind Bilder, die vor einem Jahr durch die Medien gingen. Heute aber scheinen sie einer vergangenen Epoche zu entstammen.

Nach dem Herbst 2019 verlor die Bewegung etwas Schwung. Dennoch konnte sie einen grossen Erfolg verzeichnen: Im Oktober brachten die Schweizer Wahlen deutlich mehr ökologisch ausgerichtete Abgeordnete ins Parlament. Analysten und Kommentatoren sprachen von der Klimawahl 2019. Mehrere Städte, darunter Biel, riefen den Klima-Notstand aus.

"Wir dürfen uns aber nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Wir haben die Welt nicht verändert. Wir haben nicht einmal die Schweiz verändert. Es muss weitergehen", sagt Fabio, einer der jungen Aktivisten aus Biel.

"Am Anfang einer Bewegung steht die Spontaneität, der Wunsch, auf die Strasse zu gehen. Später braucht man eine Struktur, um die anfängliche Energie in etwas Stabileres umzuwandeln", sagt Adrien Bordone.

Der Corona-Schock

Doch im Frühjahr 2020 rückt mit dem Coronavirus plötzlich eine ganz andere Krise in den Vordergrund – alles andere ist mit einem Schlag aus der Öffentlichkeit weggefegt. Praktisch über Nacht steht alles still. Keine Autos mehr auf den Strassen, keine Flugzeuge mehr am Himmel, keine Schule und vor allem keine Demonstrationen mehr in den Strassen.

Nun müssen die jungen Bewegten für ihren Kampf neue Kanäle suchen. In ihren Zimmern eingesperrt, träumen sie davon, dass die Gesundheitskrise schlussendlich auch zu einem neuem Bewusstsein führen wird. Wenn das Leben ohne Vorwarnung heruntergefahren und unter Quarantäne gestellt werden kann, um sich vor dem Virus und der Covid-19-Pandemie zu schützen, warum sollten wir nicht auch unser Verhalten ändern können, um unsere Erde etwas besser zu bewahren?

Doch wieder einmal hält Ernüchterung Einzug. "Es passiert nichts. Die Menschen wollen zu dem zurückkehren, das sie vorher hatten, obschon wir wissen, dass es nicht funktioniert", klagt Jeanne.

"Der Lockdown hat den Demonstrationen zweifelsohne einen Riegel vorgeschoben. Aber der Wunsch nach Veränderung, die Ideen und die Energie sind bei diesen jungen Leuten immer noch sehr wach", beobachtet Bordone. Viele der Aktivist*innen entschieden sich jetzt für ein politisches Engagement, um ihre Anliegen voranzubringen.

"Sie sind sich bewusst geworden, dass sie die Macht haben, die Dinge auf dieser Ebene zu verändern", sagt er. Einige sind auch versucht, sich etwas radikaleren Bewegungen zuzuwenden. Wie z.B. Extinction Rebellion, einer internationalen Organisation, die auf Aktionen des gewaltlosen zivilen Ungehorsams setzt, um Regierungen zum Handeln zu bewegen.

Die verschiedenen Schweizer Klimabewegungen sind sich einig, dass Streiks nicht mehr ausreichen. Vom 20. bis 25. September organisieren sie daher eine Woche des "massiven gewaltlosen zivilen Ungehorsams", bei dem sie die nächsten Schritte in ihrem Kampf ausloten wollen.

"Ich habe den Eindruck, dass zwar die Alarmglocke geläutet wurde, dass aber noch immer zu wenig Menschen wirklich aufgewacht sind", lautet das Fazit von Nina.

(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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