Der US-Künstler, der seine Karriere einer frei erfundenen Schweizer Kunstschule widmet
Dan Levenson ist Künstler in Los Angeles. Und er hat eine Schweizer Kunstakademie erfunden, die es nie gab. Samt Lehrplan, Mobiliar und Zehntausenden von Studierenden. Was ist sein Antrieb?
«Es gefällt mir, Kunst in einer Sprache zu machen, die mir fremd ist», sagt Dan Levenson. Levenson arbeitet als Künstler in Los Angeles, in maximaler Zeitzonendifferenz zur Schweiz. Doch sein Werk dreht sich seit vielen Jahren um die «Staatliche Kunstakademie Zürich» (SKZ).
Nur: Die SKZ gab es nie.
Levenson hat sie erfunden. Daraus einen Hehl gemacht hat er nie.
In seinen Ausstellungen zeigt er Übungsarbeiten, die sich an Farbskalen abarbeiten, und Malereien, die mit Grundformen operieren. Oft wirken sie bereits stark gealtert. Seine Performances reinszenieren Kurse der Kunstschule, manchmal zeigt er Malschürzen, die aussehen, als wären sie jahrelang benutzt worden.
Die Künstlerinnen und Künstler, deren Namen unter den Gemälden stehen – Hanneli Frick, Ramona Gutknecht oder Christoph Randegger – haben nie existiert. Ein Computerprogramm hat ihre Namen 2004 aus Nachnamen des Zürcher Telefonbuchs und gängigen Schweizer Vornamen generiert, 135’000 davon hat Levenson in einem Buch gebündelt und publiziert. Aus diesem Namenspool zieht er seither seine Bildtitel, in zufälliger Reihenfolge. Kein Name wiederholt sich.
Gewisse Möbel tragen Spuren von echter Atelier-Arbeit. Andere Objekte und Bilder unterzieht Levenson Verfahren, die ihren Zerfall beschleunigen – sie werden geschliffen, mit Wasser eingeweicht und dann manchmal jahrelang dem Wetter ausgesetzt. Übrig bleiben Haarrisse, Abrieb und Flecken – wie nach einem halben Jahrhundert der Lagerung.
Die SKZ ist das Zentrum eines ganzen Paralleluniversums, das Levenson in den letzten Jahren ersponnen hat. Ihre imaginären Abgänger:innen verkaufen ihre Werke in der Galerie «Little Switzerland», die – nach Levensons Erzählung – Mitte der 1990er-Jahre eine idealistische Gruppe frisch diplomierter SKZ-Absolventen gegründet haben soll.
Ihre Kunst verschicken sie in den soliden Holzkisten der imaginierten Firma «Tsüri Logistik». Wenn sie warten, bis die Farbe trocknet, rauchen sie die imaginierte Tabakmarke «Letzte» oder hängen im ebenso erfundenen Restaurant «Rösti-Wirt» rum.
Warum Zürich?
Levenson hat lange darüber nachgedacht, wo seine erfundene Kunstakademie ihren Sitz haben soll. New York war keine Option – dort lebte er am Anfang der 2000er-Jahre selbst, es wäre zu autobiografisch geworden. «Bei Berlin und Paris waren mir die Assoziationen zu stark», sagt Levenson. Die Wahl fiel auf Zürich.
Ein Faktor war die Sprache: In seinem Werk taucht immer wieder Schweizerdeutsch auf – das er weder spricht noch versteht. So enthält seine «Sozialgeschichte der SKZ»Externer Link fingierte Erfahrungsberichte von Studentinnen, die ganz auf Schweizerdeutsch gehalten sind, für die Aufnahmen hat er professionelle Dialektsprecherinnen und Übersetzer engagiert.
«Auch Deutsche verstehen diese Sprache oft nicht, und ich mag, dass sie keine standardisierte Rechtschreibung hat», sagt Levenson. So wie er sein Projekt geografisch in der Ferne platzierte, verschob er es in eine ihm fremde Sprache. «Sie ist doppelt weit weg von mir.»
Zur Wahl von Zürich habe auch beigetragen, dass die Schweiz den Ruf habe, «eher etwas harmlos zu sein». Zugleich spielt sie aber eine unerwartet grosse Rolle in der Kunstwelt und ist stark mit der Geschichte der Avantgarde des 20. Jahrhunderts verknüpft.
In der Arbeit «Zuefallsoperatione» («Zufallsoperationen»), einem Kinder-Kunst-Spiel, in dem sich Formen beliebig immer neu zusammenstellen lassen, macht Levenson einen deutlichen Wink an die Zufallsspiele der Dadaisten, die Wörter und Formen immer wieder neu collagierten. Die Dadaisten fanden sich 1916 in Zürich zusammen.
Moderne als Geisterhaus
Die Formübungen, die Levenson unter dem Namen inexistenter Schweizer malt, sind im Stil der klassischen Moderne der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehalten. In diesem Stil war die gute Form nicht nur eine Frage der Schönheit, sondern immer auch mit der Hoffnung auf eine bessere Welt verknüpft.
Doch die immer wieder in Übungs-Anordnungen nachexerzierte Moderne erscheint bei Levenson auch wie ein Geisterhaus. «Seit den 1960er- oder 1970er-Jahren hat sich die Kunstausbildung von der Idee der Grundlagen verabschiedet, von Formalismus, Komposition, Farbenlehre», sagt Levenson. «Aber die Künster:innen der frühen Moderne blieben eine Art Gegenspieler. Diese Art zu malen suchte meine Generation von Künstler:innen immer wieder heim.»
Viele seiner Ausstellungsobjekte wirken in ihrer musealen Angestaubtheit wie Überbleibsel eines gefallenen Regimes. Levensons erste Arbeiten, die sich der Schweiz annäherten, interessierten sich für die Ästhetik der Bürokratie, für Aktenordner, für kollektive Format-Vorgaben wie DIN A4, die aus amerikanischer Perspektive exotisch wirken.
Durch den deutlichen Zürich-Bezug drängt es sich auf, in den strengen Geometrien seiner Bilder auch ein Echo der Zürcher Konkreten zu sehen. Die Zürcher Konkreten waren eine Bewegung um Künstler wie Max Bill, angetreten mit dem Anspruch, die ganze Umwelt zum Besseren zu formen, «vom Löffel bis zur Stadt». International erfolgreich wurden sie später insbesondere durch sorgfältige Typografie und ausgeklügelte Corporate Designs für Konzerne.
In den 1960er-Jahren erfuhr die Formbegeisterung der Moderne eine harsche Absage, junge Künstler:innen verspotteten sie. Auch wenn seine Bilder anderes vermuten lassen: Falls in Levensons Werk Nostalgie aufblitzt, gilt sie weniger der frühen Moderne als der kreativen Wucht der 1960er-Jahre.
Er sieht sich in der Tradition der künstlerischen Institutions-Kritik, wie sie Marcel Broodthaers betrieb. Der belgische Künstler ernannte sich 1968 kurzerhand zum Direktor seines eigenen «Musée d’Art Moderne, Département des Aigles». Dessen erste Abteilung eröffnete er in seiner Brüsseler Wohnung.
«Als Kind der 1980er-Jahre, mit Eltern, die die 1960er erlebt hatten, hörte ich ständig von dieser magischen, aber auch verstörenden Zeit, die kurz vor meiner Geburt stattgefunden hatte. Ich glaube, ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, post festum geboren zu sein, nach der Party», so Levenson.
Während seiner Ausbildung am Royal College of Art im London in den 1990er-Jahren war er «konstant wütend». Nach dem Kalten Krieg begannen sich auch Kunstschulen stärker am Markt auszurichten. Doch Levenson mochte keine Porträts für Gönner malen und tat sich auch mit der geforderten Spezialisierung schwer. Er wollte zwischen Stilen wechseln, zwischen Malerei, Installation und Performances.
«Etwas am Kunststudenten-Dasein ist reiner oder authentischer als an der Existenz professioneller Künstler. Das Kunststudium sollte einem Jahre schenken, in denen man vor dem Markt geschützt ist. Es sollte wirklich nur um Kreativität, Wachstum, Erkundung und Gemeinschaft gehen», sagt Levenson.
Deshalb haben seine erfundenen Schweizer Künstler:innen auch keine Biografien. Früher habe er welche erfunden, das sei unbefriedigend gewesen. «Ich spiele ihre Individualität bewusst herunter. Wichtig ist, dass sie gemeinsam an einem Problem arbeiten.» Dafür stehe auch seine erfundene Schweiz: Sie sei ein «idealisiertes Bild einer wirklichen Gemeinschaft, in der Menschen durch eine Sprache, ein Forschungsprogramm und kreative Erkundung zusammengehalten werden».
Für Levenson ist die SKZ auch eine Art zweite Jugend: «Ich sehe den Sinn meiner Arbeit darin, auch mich selbst wieder in die Schule zu schicken».
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Editiert von Benjamin von Wyl
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