The Swiss voice in the world since 1935

Wie eine Schweizer Hilfsaktion ehemalige SS-Mitglieder nach Brasilien brachte

Menschen auf Schwarzweissfoto vor einem Zug
Donauschwaben warten im Mai 1951 in Linz auf die Abreise nach Brasilien. Margrit Bäumlin / Keystone

Neue Forschung zeigt, wie eines der grössten humanitären Hilfsprojekte der Schweiz dabei half, ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS nach Ende des zweiten Weltkriegs die Flucht nach Brasilien zu ermöglichen.

Die Reise nach Brasilien, 10’000 Kilometer über den Atlantik, war langwierig, kostspielig und beschwerlich. Doch für etwa 2500 Donauschwab:innen bot sie die Chance auf einen Neuanfang. Die deutsche Minderheit hatte über Generationen hinweg im ehemaligen Jugoslawien gelebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber litten sie unter Repression, Enteignungen und Vertreibungen – denn ein Teil der Gemeinschaft hatte mit dem NS-Regime kollaboriert.

Unter denjenigen, die sich entschieden, Europa in Richtung Brasilien zu verlassen, befanden sich mindestens 16 ehemalige Mitglieder der Waffen-SS – jener Kampftruppe der NSDAP, deren Einheiten an zahlreichen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt waren.

Diese Männer kamen nicht auf eigene Faust nach Brasilien. Sie reisten im Rahmen einer humanitären Aktion aus der Schweiz ein, bei der die katholische Kirche, Nichtregierungsorganisationen und der Schweizer Staat gemeinsam Mittel bereitstellten, um im südbrasilianischen Bundesstaat Paraná eine neue Siedlung zu gründen.

«Es war bekannt, dass NS-Kriegsverbrecher Europa über die sogenannten ‹Rattenlinien› verliessen, und es war offensichtlich, dass es sich bei manchen Männern [die im Rahmen des Projekts ausreisten] um Nazis und SS-Mitglieder handelte. Dennoch stellte niemand Fragen», sagt Peter Hug, ein Historiker, der auf die Beziehungen der Schweiz zum NS-Regime spezialisiert ist. Im Mai 2026 erschien sein Buch «Humanitäre Hilfe der Schweiz für SS-Kriegsverbrecher», das diese Geschichte aufdeckt.

Schwarzweissfoto mit Menschen die in einer Strasse stehen und warten
Donauschwab:innen warten im Mai 1951 in Genua darauf, ihre Reise nach Brasilien fortzusetzen. Margrit Bäumlin / Keystone

Seine Forschungsergebnisse belegen die Anwesenheit von mindestens 16 ehemaligen Waffen-SS-Angehörigen unter den Siedler:innen, die nach Brasilien entsandt wurden. Sie zeigen auf, wie humanitäre Organisationen und die Schweizer Behörden deren Umsiedlung ermöglichten.

«Für die Schweiz und den Vatikan bot diese Gruppe die Gelegenheit, sich als Beschützer von Flüchtlingen zu inszenieren – nachdem die Schweiz dem deutschen Regime sehr nahegestanden hatte und die Kirche niemals formell gegen die NS-Verbrechen protestiert hatte», sagt Hug. «Dass sich unter ihnen auch Kriminelle befanden, hat man letztlich als weniger wichtig erachtet.»

Die Gründung der Siedlung namens Entre Rios hatte auch Auswirkungen auf die Menschen, die auf den Ländereien lebten und arbeiteten, die den Europäer:innen zugewiesen wurden. In der neuen Sozialstruktur wurden sie an den Rand gedrängt, während die Führung der Siedlung versuchte, eine vermeintliche deutsche kulturelle Überlegenheit zu bewahren.

Ein Unterfangen mit mehreren Akteuren

Die Operation, die ehemalige Mitglieder der Waffen-SS nach Brasilien brachte, nahm in den Jahren unmittelbar nach Kriegsende Gestalt an. Sie entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen Vertreter:innen der katholischen Kirche in Österreich und des Vatikans sowie einer Gruppe von Donauschwab:innen, die Verbindungen zum ehemaligen kroatischen Ustascha-Staat unterhielten – einem faschistischen Marionettenstaat, der von 1941 bis 1945 bestand.

«Die Idee stammte von kroatischen Priestern, die den Deutschen nahestanden, sowie von Andreas Rohracher», sagt Hug. Der damalige Erzbischof von Salzburg war eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der österreichischen katholischen Kirche. Laut Hug stand er dem Austrofaschismus nahe – jenem autoritären, katholisch-konservativen Regime, das Österreich von 1934 bis 1938 regierte.

«Ab 1945 wollte man geschlossene Siedlungen für die Donauschwab:innen schaffen, in denen die Vorstellung einer deutschen kulturellen Überlegenheit auch nach der Kriegsniederlage bewahrt werden konnte», so Hug.

Durch die Beteiligung der katholischen Hilfsorganisation Caritas in Luzern gewann das Projekt an Dynamik. Die Organisation verfügte über einen entscheidenden Vorteil: Sie war Teil eines weltweiten katholischen Netzwerks, das in verschiedenen Ländern Türen öffnen konnte. «Es war ein gewaltiges Unterfangen, das auf zwei Kontinenten koordiniert werden musste», sagt Hug.

Doch der Umfang des Vorhabens überstieg die Kapazitäten der Caritas. Ab 1950 ging das Projekt in die Hände der «Schweizer Europahilfe» über, der Vorgängerorganisation der heutigen Swissaid, die damals der Landesregierung nahestand. Damit kamen auch die offizielle Schweizer Diplomatie und staatliche Gelder ins Spiel: Schweizer Behörden beteiligten sich direkt am Vorhaben, das auf den Aufbau einer neuen Siedlung im Landesinneren des brasilianischen Bundesstaats Paraná zielte.

Schwarzweissfoto zeigt zwei Männer, die Waren in einen Lastwagen einladen
Die Anfänge der internationalen Hilfe: Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützte Caritas Schweiz Menschen in Kriegsgebieten mit Lebensmittel- und Kleiderpaketen. Keystone / Caritas Schweiz

Der Wandel war nicht nur administrativer Natur. Nach Einschätzung von Hug entwickelte sich das Projekt zu einer Unternehmung, die die humanitären, diplomatischen und wirtschaftlichen Interessen der Schweiz vereinte. «Das Projekt nahm seinen Anfang innerhalb der katholischen Kirche. Doch sie hatten grosse Schwierigkeiten, und schliesslich übernahmen der Bundesrat zusammen mit den ihm nahestehenden NGOs das Vorhaben», so Hug.

Im Mittelpunkt stand die Genossenschaft Agrária, die 1951 zur Organisation der neuen Siedlung gegründet worden war. Ihr erster Präsident, Michael Moor, hatte zuvor Führungspositionen in Wirtschaftsorganisationen der deutschen Volksgruppe im Ustascha-Staat Kroatien – einem Verbündeten der Nationalsozialisten – innegehabt; er nahm Einfluss auf die Auswahl des Siedlungsgebiets sowie auf die Zusammensetzung der ersten Gruppen, die nach Brasilien entsandt wurden.

Die Kolonie und ihr kollektives Gedächtnis

«Nachdem sie an der Seite der Deutschen aktiv am Zweiten Weltkrieg teilnahmen, lebten diese Familien als Flüchtlinge und Staatenlose in Europa», sagt Méri Frotscher, Geschichtsprofessorin an der staatlichen Universität von West-Paraná und Expertin für deutsche Einwanderung. «Der entscheidende Unterschied aber ist, dass einige der erwachsenen Männer, die mit ihren Familien nach Entre Rios kamen, während des Krieges in der Waffen-SS gedient hatten. Dies hinderte sie jedoch nicht an der Einreise nach Brasilien.»

In Brasilien trafen die Schwab:innen zu einer Zeit ein, in der sich das Land wieder für die europäische Einwanderung öffnete; sie wurden den Behörden als Flüchtlinge und qualifizierte Landwirte vorgestellt – ein Profil, das der Kolonisierungspolitik des Landes gelegen kam.

Eine Vergangenheit, die die Schweizer Neutralität infrage stellt

Für Hug geht der Fall Entre Rios weiter als die Aufdeckung von Versäumnissen bei einer spezifischen humanitären Aktion: Er stellt die Art und Weise infrage, wie die Schweiz ihr eigenes Gedächtnis an den Zweiten Weltkrieg konstruiert und bewahrt hat.

«Wir sind neutral. Wir sind humanitär. Und wir sind die Besten der Welt», kommentiert Hug ironisch dieses Narrativ. «Die Insel des Friedens in einer Welt des Chaos. Und das ist falsch.»

Mehr als sieben Jahrzehnte später beginnt diese Neubewertung auch die an der Aktion beteiligten Schweizer Organisationen zu erreichen – ebenso wie die Erkenntnis über die Auswirkungen, die Initiativen wie die Gründung der Kolonie Entre Rios sowohl in der Schweiz wie auch auf die lokale Bevölkerung hatten.

Swissaid räumt ein, dass die Perspektive der lokalen Bevölkerung weitgehend unerforscht geblieben ist, und erklärt, man suche nach Nachkommen der damals betroffenen Gemeinschaften, um mehr über die Erfahrungen und Sichtweisen dieser Gemeinschaften zu erfahren. «Wir sind derzeit dabei, Kontakt zu den Nachkommen der damals betroffenen Gemeinschaften aufzunehmen», so die Organisation.

Laut Swissaid sollte sich diese historische Aufarbeitung nicht auf humanitäre Organisationen beschränken. «Es bleibt abzuwarten, wie die Geschichte aus der Perspektive des Globalen Südens erzählt werden kann. Vielleicht – und hoffentlich – wird sich auch der [Bundesrat] für die Aufarbeitung dieses Teils der Geschichte interessieren.»

Am 4. April 1964 versammelten sich Soldaten auf einem Platz in Brasília und warteten darauf, vor dem Nationalkongress Wache zu stehen.
Am 4. April 1964 versammelten sich Soldaten auf einem Platz in Brasília und warteten darauf, vor dem Nationalkongress Wache zu stehen. Public domain / Arquivo Nacional Collection

Auch Caritas Schweiz räumt inzwischen schwerwiegende Versäumnisse bei der Aktion ein. Die Organisation erklärt, es habe keine individuelle Überprüfung der Hintergründe der ausgewählten Siedler:innen gegeben, und zeigt Bedauern über die Verfehlungen: «Wir bedauern zutiefst, dass durch dieses Projekt Gelder, die für humanitäre Zwecke bestimmt waren, Personen zugutekamen, die Mitglieder der Waffen-SS waren.»

Caritas blickt inzwischen auch kritisch auf die Auswirkungen, die das Projekt auf die bereits in der Region ansässige Bevölkerung hatte; deren Rechte und Bedürfnisse seien bei der Planung nicht berücksichtigt worden. Für Caritas folgte die Schaffung einer abgeschotteten europäischen Siedlerkolonie einer kolonialen Logik. Heute diene das Projekt als Beispiel dafür, wie humanitäre Hilfe das Gegenteil ihrer beabsichtigten Wirkung erzielen könne.

«Die gewählte Vorgehensweise und die Gründung einer abgeschotteten Siedlerkolonie in Brasilien nach dem Zweiten Weltkrieg können heute als Warnung davor dienen, wie Hilfe in ihr Gegenteil umschlagen kann», so die Organisation in einer Stellungnahme.

Die Genossenschaft Agrária reagierte nicht auf die Anfrage um eine Stellungnahme.

Editiert vonVirginie Mangin/ts, Übertragung aus dem Englischen: Meret Michel/jg

Mehr
Newsletter sobre a política externa

Mehr

Aussenpolitik

Unser Newsletter zur Aussenpolitik

Die Schweiz in einer Welt, die sich bewegt. Beobachten Sie mit uns die Schweizer Aussenpolitik und ihre Entwicklungen – wir liefern die Vertiefung dazu.

Mehr Unser Newsletter zur Aussenpolitik

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft