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Für Zsuzsanna Gahse ist es eine Lebensaufgabe, Sprache zu gestalten

Keystone-SDA

Zsuzsanna Gahse ist in der literarischen Welt hochgeschätzt. Einem breiten Publikum ist die Schweizer Autorin ungarischer Herkunft wenig bekannt. Das hat mit ihrer Experimentierlust zu tun. Am (heutigen) Samstag wird sie 80 Jahre alt.

(Keystone-SDA) Als Zsuzsanna Gahse 2019 vom Bundesamt für Kultur mit dem Grand Prix Literatur für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, hatte sie über dreissig Bücher publiziert. Seither sind noch mehr Titel dazugekommen. Schreiben ist für diese Autorin Leben.

Alltägliches Leben fein beobachtet

Aus den feinen Beobachtungen alltäglichen Lebens in ihrer unmittelbaren Umgebung schafft sie poetische Prosa. Ein gutes Beispiel dafür ist «Zeilenweise Frauenfeld» (2023), ein Reigen locker verknüpfter Porträts historischer und gegenwärtiger Frauenfiguren der thurgauischen Region, in der sie seit 1998 lebt.

Scheinbar frei und wild mäandern Zsuzsanna Gahses Texte ins Offene, wo die Lesenden mit eigenen Assoziationen anknüpfen können. Gleichzeitig folgen sie oft strengen strukturellen Vorgaben, wie etwa im Fall von «Donauwürfel» (2010): Zehn Silben mal zehn Zeilen bilden ein Quadrat, zehn Quadrate einen Würfel und 27 Würfel die Hommage an den Fluss ihrer Herkunftsstadt Budapest. 1946 dort geboren, floh die zehnjährige Zsuzsanna 1956 mit ihren Eltern nach Wien. Später zog die Familie nach Kassel.

Schon ihren ersten und bisher einzigen Roman «Zero» (1983) schrieb Gahse auf Deutsch. «Deutsch ist quasi meine Muttersprache und meine Literatursprache», sagte sie einmal im Gespräch mit Keystone-SDA. Sie wehrte sich vehement gegen die Frage, wie es denn sei, in einer fremden Sprache zu schreiben. «Echte Autorinnen und Autoren aus der Sicht der Migrationsliteratur zu betrachten, ist eine Art Rassismus. Ich bin der Ansicht, dass ich die deutschsprachige Gegenwartsliteratur mitgestalte. Stilistisch und sprachlich.»

Vom Eintauchen in eine Wolke

In einem anderen Interview beschrieb Gahse ihre Aneignung der deutschen Sprache folgendermassen: «Wie in eine Wolke ging ich in die Sprache hinein, und diese Wolke riss immer mehr auf, und dann konnte ich in der neuen Sprache frei herumspazieren. Unvergesslich ist das Gefühl dieser Unabhängigkeit nach etwa einem halben Jahr. Aber das Aufreissen der Wolken hört nie auf. Ganz gleich, wie gut man eine Sprache kennt.»

Neben dem Schreiben eigener Bücher hat Zsuzsanna Gahse gut ein Dutzend Werke ungarischer Autoren wie Péter Nádas, Péter Esterházy und andere ins Deutsche übertragen. Unter ihren zahlreichen Auszeichnungen sind auch solche, die sie als Übersetzerin ehren. Zudem arbeitete sie als Lehrbeauftragte an der Universität Tübingen und hielt Poetikvorlesungen an der Universität Bamberg.

Als sie 2025 den Text «Spielbeginn. Verrutschungen» veröffentlichte, liess sie dazu verlauten: «Vielleicht ist das jetzt mein letztes Buch.» Protagonistin in diesem verspielt experimentellen Text ist die Sprache selber: Theatersprache ohne geschlechtliche Zuordnungen, die Dialekte rund um den Bodensee, die Sprachen von Touristen, Reisenden, Migrantinnen und Migranten.*

*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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