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Francesco Micieli erzählt die Geschichte eines Migrantenkindes

Keystone-SDA

Francesco Micieli ist in der Schweiz ein Pionier der Migrationsliteratur. 1986 beschrieb er die Nöte eines Kindes von italienischen Migranten. Vierzig Jahre später erinnert er sich in "Über das Gras gehen" an diese Reise des Buben aus dem Süden über die grossen Berge.

(Keystone-SDA) «Ich weiss nur, dass mein Vater grosse Hände hat» hiess 1986 Micielis literarisches Debüt. In einer ausgesprochen poetischen Prosa erzählt er darin von der Sehnsucht eines Kindes, dessen Eltern weit weg «hinter den grossen Bergen» arbeiten und leben.

Indem Micieli in seinem neuen Buch den kindlichen Bericht, der mit einer Reise «durch ein langes Loch» endet, nochmals aufgreift, ruft er eine schmerzhafte Zeit ins Gedächtnis zurück. «Über das Gras gehen» sei indes keine «restaurierte Fassung», schreibt er im Nachwort, vielmehr «eine Einladung, die Reise noch einmal schreibend zu unternehmen».

Odi ist ein erfundener Junge, der die Erfahrungen mit dem Autor teilt. Er wohnt bei den Grosseltern in Süditalien, bis der Tag kommt und er Abschied nehmen muss von den geliebten Orten. Nach einer letzten Umarmung besteigt er den Zug und auf einmal fliegt die Landschaft an ihm vorüber. Im Abteil fühlt er sich allein und fremd unter den Erwachsenen.

Eine kollektive Erfahrung

Micieli erzählt Odis Reise in kurzen, emotional starken Szenen und mit literarischen Anspielungen. Im Kleinen gleicht der Weg einer Odyssee, auf der Odi Grazien, Sirenen, Zyklopen begegnet und ihn die Angst begleitet, dass er nie bei der Mutter ankommen könnte.

Als Odi schweigt, wie ihn ein Mann nach dem Namen fragt, lacht dieser: «Dann bist du niemand.» Mit solchen Anspielungen weitet Micieli seine intime Erzählung in eine kollektive Erfahrung.

Ihr vorangestellt hat er eine Widmung: «Für die Kinder, deren Reise wegen Krieg, Armut und Hungersnot weg von den Eltern geht.» Odi wird das wohlige Gefühl, barfuss über das Gras zu gehen, als Erinnerung bei sich behalten, wenn er bei seinen Eltern angekommen sein wird. In seinem Glück aber hallt leise das Unglück vieler Kinder nach, die kein Zuhause finden.*

*Dieser Text von Beat Mazenauer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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