Jüdischer Weltkongress bedauert Schächt-Entscheid
Der Jüdische Weltkongress bedauert den Schweizer Schächtentscheid. Aber importiert wird geschächtetes Fleisch weiterhin.
«Der Jüdische Weltkongress (WJC) bedauert, dass Schweizer Jüdinnen und Juden nicht ermöglicht wird, die traditionelle Schlachtung zu pflegen, wie sie auf der ganzen Welt erlaubt ist», lässt WJC-Generalsekretär Avi Becker gegenüber swissinfo ausrichten.
Mitte Woche hat Bundesrat Pascal Couchepin entschieden, am verfassungsmässigen Schächtverbot festzuhalten, den Import jedoch per Gesetz zu erlauben. Dieser wird seit vielen Jahren bereits praktiziert. Tierschutz- und religiöse Argumente werden damit auseinandergehalten.
Importgesetz als salomonische Lösung
Noch Ende Januar hatte Avi Becker im Nachrichtenmagazin Facts schweres Geschütz aufgefahren, um die Schweizer Regierung zu überzeugen, das geltende Schächtverbot aufzuheben: Er würde «alle politischen und juristischen Mittel einsetzen», um die Schweiz unter Druck zu setzen. Notfalls vor dem Europäischen Gericht für Menschenrechte in Strassburg.
Davon will er nichts mehr wissen: «Der WJC wird seine Aktivitäten mit der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz abstimmen», lässt er sich durch seine Sprecherin von swissinfo zitieren. Juristische Schritte hätte er nur dann einleiten wollen, wenn auch der Import von koscherem Fleisch verboten worden wäre.
Schweizer Juden zufrieden
Damit dürfte der Streit beigelegt sein. Die wichtigste Organisation der jüdischen Gemeinde in der Schweiz ist der Schweizerische Israelitische Gemeindebunde (SIG). Dieser unterstützte jedoch die bundesrätliche Entscheidung, am Schächtverbot festzuhalten (siehe Link am Ende des Artikels).
SIG-Vizepräsident Thomas Lyssy bedauerte zwar, dass über die Schächt-Frage nicht sachlich diskutiert werden könne, meinte aber auch, dass der SIG mit dem Import von koscherem Fleisch leben könne.
Mit dem Import leben können auch die vielen Muslime im Land, die die Anzahl der religiösen Juden inzwischen bei weitem übertreffen. Aus dem nahen Frankreich stammt ein grosser Teil des importierten Schächtfleischs beispielsweise für all die Döner Khebabs der Imbiss-Buden im ganzen Land.
Geschächtet ist noch nicht koscher
Denn nicht nur jüdische Religiöse essen geschächtetes Fleisch, auch für Muslime wäre es eigentlich vorgeschrieben. Differenzen gibt es aber wegen der Definition «koscher», die rein jüdisch ist, und um die Frage, ob das Tier vorher betäubt werden soll. Je religiöser sich die Organisationen geben, desto eher wenden sie sich gegen die Betäubung. Die Muslime in der Schweiz haben zwar keine nationale Organisation, doch sprachen sich viele für eine Betäubung vor der Schlachtung aus. Orthodoxe jüdische Organisationen lehnen diese Version ab.
Verheerende Vernehmlassung und starke Volksinitiative
Die Kommentare in der Schweizer Presse nennen zwei Gründe, warum Wirtschafts-Minister Couchepin das Verbot nicht aufhob, wie er ursprünglich wollte. Einerseits sei die Vernehmlassung zum neuen Tierschutzgesetz vernichtend ausgefallen. Andererseits sei die Lancierung der Volksinitiative «Tierschutz – Ja» entscheidend gewesen.
Die «Berner Zeitung» verwies auch auf die unheilige Allianz zwischen Tierschutz und Antisemitismus: «Die Vorstellung, dass in der Schweiz bald Tiere bei Bewusstsein durch einen Halsschnitt getötet werden sollen, liess das Herz der Tierschützer bluten. Einige von ihnen erlitten dabei einen Blutsturz, sodass sie sich zu wirren antisemitischen Äusserungen hinreissen liessen.»
Mit dem Zurückkrebsen des Bundesrates, so argumentieren viele Kommentare, sei eine Situation gekonnt entschärft worden. Die «Aargauer Zeitung» beispielsweise schreibt: «Der Schweiz bleibt eine gehässig geführte Debatte erspart. (…) Die Auseinandersetzung hätte zu einer ungerechtfertigten Verurteilung anderer Glaubensrichtungen geführt. Sinnvolle tierschützerische Aspekte wären mit unsachlichen Glaubensdiskussionen vermischt worden.»
swissinfo
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