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Neustart am Ziel

Tom Lüthi im März 2018 in Katar. tomluethi.ch

Der Schweizer Motorradfahrer Tom Lüthi ist seit diesem Jahr in der Moto GP dabei. Der 31-jährige Berner möchte sich in der Königsklasse etablieren – trotz komplizierten Umständen.

Dieser Inhalt wurde am 05. April 2018 - 11:00 publiziert
Fabian Ruch, swissinfo.ch

Tom Lüthi steht in der hintersten Reihe, ganz rechts, ein bisschen schüchtern wirkt er. Ganz vorne sitzen die Stars der Szene, Ausnahmefigur Valentino Rossi oder Serienweltmeister Marc Marquez und Aufsteiger Andrea Dovizioso.

Es ist ein Donnerstag Mitte März auf dem Losail International Circuit in Katar, wenige Tage vor Saisonstart. Lüthi posiert für das offizielle Gruppenbild aller 24 Moto-GP-Piloten, man könnte sagen, er ist am Ziel seiner Träume angekommen. Und man könnte, wenn man kitschig sein möchte, die Bedeutung für den Schweizer hervorstreichen, in der gleichen Kategorie fahren zu dürfen wie sein Vorbild Rossi.

Der bald 40-jährige Italiener ist ein Weltstar, neunfacher Weltmeister, einer wie Formel-1-Fahrer Lewis Hamilton oder Fussballer Cristiano Ronaldo, und das ist nicht einmal übertrieben. Rossi verdient 30 Millionen Franken im Jahr, mindestens, er wird rund um den Globus verehrt und in seiner Heimat geliebt wie vielleicht einzig noch Torhüterveteran Gianluigi Buffon.

Tom Lüthi sagt mit strahlenden Augen: "Ich habe schon kurz leer geschluckt, als wir uns für das Foto aufstellten." Und: "Es ist ein Wahnsinn, ist Rossi nun mein Gegner. Wobei er vermutlich keine schlaflosen Nächte hat, weil ich nun auch im Moto GP dabei bin."

Lohn für harte Arbeit

Das ist die Geschichte des beharrlichen Aufstiegs eines Berner Motorradfahrers. Der früh seine Leidenschaft für "Töffli" entdeckt, im Kinderzimmer hängt ein grosses Poster von Valentino Rossi, der damals selber noch sehr jung ist, 16 oder 17 vielleicht, und in der kleinsten Kategorie sein immenses Talent beweist. Tom Lüthi ist noch 15, als er Jahre später seinen ersten GP in dieser 125er-Klasse bestreitet, das ist 2002 und so lange her, dass man es kaum glauben kann.

September 2002: Der blutjunge Tom Lüthi packt zuhause seinen Koffer, bevor er an den Grand Prix nach Estoril in Portugal reist, Keystone

Lüthi ist immer noch dabei, und wie, in Katar bestritt er am 18. März seinen 250. GP. Und den ersten in der Königsklasse, endlich, endlich also, nach so vielen Jahren harter Arbeit. "Es sah ja zeitweise nicht so gut aus für mich, noch den Sprung in die Moto GP zu schaffen", sagt Lüthi. "Deshalb bin ich umso stolzer, es doch noch hinbekommen zu haben."

Für einen Fahrer aus dem kleinen Motorradland Schweiz und ohne nennenswerte Unterstützung eines richtig potenten Sponsors sei es enorm schwierig gewesen, nach oben zu kommen. "Aber ich habe nie aufgegeben."

Lüthi hat sich in den letzten Jahren stabilisiert. Manche Beobachter behaupten, seit er nicht mehr mit der früheren Miss Bern Fabienne Kropf zusammen sei, habe der Single den Kopf frei. Kropf ist mittlerweile mit dem früheren Eishockeystar Mark Streit verheiratet.

Tom Lüthi startet derweil im Jahr 2018 für das belgische Team Marc VDS im Moto GP. Es ist ein Aussenseiterteam, verglichen mit den Werk-Giganten von Ducati, Yamaha und Honda, aber immerhin, Lüthi darf ein älteres Honda-Modell fahren, mit dem Marc Marquez Weltmeister wurde.

"Ich habe nie aufgegeben."

Tom Lüthi

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Und auch bei Marc VDS kostet Lüthis Saison fast 5 Millionen Franken, die Moto GP ist eine teure Angelegenheit, die Elektronik dominiert vieles, die unfassbar starken Motorräder müssen schliesslich gebändigt werden, die Spitzengeschwindigkeiten betragen 340 km/h. "Es ist abartig, was da abgeht", sagt Lüthi, "diese Beschleunigung, diese Kraft, dieses Drehmoment, das muss man erlebt haben."

Der Sturz im Herbst 2017

Die Sportschweiz hat sich daran gewöhnt, dass Lüthi um WM-Titel mitfährt, er war jahrelang ein Moto-2-Siegfahrer, selbst wenn er auch regelmässig mit spektakulären Stürzen auffiel. 16 Rennen gewann er in 16 Jahren, 57-mal fuhr er aufs Podest, 2005 wurde er 125-er-Weltmeister mit knapp 19.

Das war das Jahr, als der "Töfflibub" aus dem Emmental Weltsportler Roger Federer in der Heimat schlug – und als Schweizer Sportler des Jahres ausgezeichnet wurde. Nicht alle haben das damals verstanden, aber es bewies, wie populär Motorradfahrer in der Schweiz sein können. Auch Dominique Aegerter, 27 mittlerweile und in der Moto 2 um seine Karriere kämpfend, ist enorm beliebt.

Tom Lüthi war immer der Seriösere, Bessere, Schnellere als Aegerter. 2016 und 2017 wurde er Vizeweltmeister im Moto 2, letztes Jahr fuhr er bis kurz vor Saisonende um den Titel, ehe er mal wieder zu viel riskierte, übel stürzte und sich den Fuss brach. Weltmeister wurde Franco Morbidelli, nun sein Teamkollege bei Marc VDS.

Der Fussbruch zerstörte nicht nur Lüthis Titelhoffnungen. Er sorgte auch für einen sehr mühsamen Start ins Moto-GP-Geschäft. Denn der 31-Jährige verlor wertvolle Zeit, musste die ersten Tests im November in Valencia verletzt absagen, verbrachte wochenlang in der Rehabilitation.

"Das war sehr bitter", sagt Lüthi, "weil ich nicht angreifen konnte." Er bezeichnet sich als "sehr ungeduldigen" Menschen. "Ich musste akzeptieren, dass es nicht so schnell vorwärts ging, wie ich wollte."

Die schwierige Umstellung

Und so erlebte Lüthi einen unbefriedigenden Winter. Oft sass er frustriert zu Hause im neuen Eigenheim in Linden – und wälzte trübe Gedanken. Als er Anfang Februar endlich seine ersten Testfahrten auf der neuen Maschine absolvieren durfte, verfestigte sich das Gefühl des Rückstands.

Und wie. Lüthi verlor äusserst viel Zeit, im Schnitt rund zwei Sekunden pro Runde auf die besten Fahrer, er fuhr langsam, machte kaum Fortschritte, war plötzlich ein Hinterherfahrer.

"Es war klar gewesen, dass ich nicht mit den Besten mithalten kann", sagte Lüthi einmal im Februar. "Aber ich war nicht darauf vorbereitet, wie schwierig die Umstellung auf die grössere Maschine ist."

Endlich in der Königsklasse: Tom Lüthi auf seiner Fahrt in Katar. tomluethi.ch

Auf einmal war er ein Lehrling. Schritt für Schritt musste er neue Fahrtechniken lernen und sich mit der Elektronik vertraut machen. "Ich hätte am liebsten zwei, drei Lernschritte übersprungen", sagt Lüthi, "aber das wäre nicht gut gegangen. Die Maschine hätte mich auf den Mond geschossen."

Runde für Runde, Training für Training tastete sich Lüthi heran, langsam nur, viel zu langsam für ihn. Und als er dann Mitte März an den ersten GP nach Katar reiste, fühlte er sich nicht bereit. "Ich brauche Zeit, mir fehlen die Testkilometer vom November", meinte er.

Exploit in Katar

Aber dann explodierte Tom Lüthi förmlich. Einen Tag nach dem offiziellen Moto-GP-Bild mit allen Fahrern fuhr er im Training auf einmal stilsicherer, schneller, souveräner, der Abstand verkleinerte sich deutlich, einmal raste er sogar auf Rang 13, es war wie eine kleine Sensation.

"Wir sind zufrieden mit ihm."

Michael Bartholemy, Teamchef

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Es kam der Sonntag und das Rennen, ein grosser Tag für ihn, die Eltern waren ebenfalls angereist, und Lüthis Teamchef Michael Bartholemy sagte: "Tom hat hier sehr schnell Fortschritte erzielt. Wir sind zufrieden mit ihm." Irgendwo an der Strecke sass Lüthis Manager Daniel Epp, der seinen Schützling seit den Anfangszeiten berät, und sagte: "Natürlich ist das ein grossartiger Tag für Tom. Aber es soll erst der Anfang von etwas Grossem sein."

Dann endlich, am 18. März um 17 Uhr Schweizer Zeit, begann Tom Lüthis erster Moto-GP-Einsatz. Vielleicht war das Rennen wie eine Zusammenfassung seiner Karriere, mit Höhen und Tiefen – und mit einem strahlenden Piloten am Ende der Veranstaltung. Lüthi fiel von Startplatz 18 bald auf Rang 22 zurück, er biss und litt und kämpfte, profitierte auch von drei Ausfällen der Konkurrenten, beendete das Rennen auf dem tollen Platz 16.

Es war eine Meisterleistung, insbesondere nach dieser komplizierten Vorgeschichte. "Das ist sensationell", sagt Lüthi, "hätte mir das einer vor ein paar Tagen angeboten, hätte ich sofort unterschrieben."

WM-Punkte verpasste er nur um eine Sekunde, ein Drittel der Fahrer liess er hinter sich. "Ich habe selten einen Fahrer gesehen, der so akribisch arbeitet", sagt Teamchef Bartholemy. "Deshalb bin ich auch nicht erstaunt über seine gute Leistung."

Und auf dem Podest bei Lüthis Moto-GP-Debüt strahlten die Grössen der Branche: Dovizioso siegte vor Marquez und Rossi.

Die offene Zukunft

Tom Lüthi wird in dieser Saison kaum in die Top 5 fahren. Er wird vielleicht nicht einmal ein Top-10-Ergebnis erreichen. Aber er wird sich verbessern, Schritt für Schritt. Und er wird sich empfehlen müssen für einen neuen Vertrag. Denn im Prinzip benötigt er ja Zeit, die er gar nicht besitzt, um sich noch besser an die neuen Umstände zu gewöhnen.

Bei Marc VDS unterschrieb er einen Einjahresvertrag, das Team besitzt bis Sommer die Option zur Verlängerung. "Das wird nicht einfach", sagt Manager Epp. Marc VDS setzt ganz bestimmt auch 2019 auf Lüthis Teamkollegen Franco Morbidelli. Zudem dürfte Alex Marquez, der Bruder von Marc Marquez, bei Marc VDS nach dieser Saison aufsteigen, der 21-jährige gilt als kommender Moto-GP-Weltmeisterkandidat.

Und so beobachtet der Markt, wie sich Tom Lüthi entwickelt. Und Lüthis Manager Epp beobachtet den Markt. Eine Rückkehr ins Moto 2 nach nur einem Jahr wäre eine Niederlage, der ehrgeizige Lüthi will sich nun bei den Grossen festbeissen. "Er hat noch ein paar schöne Jahre vor sich", sagt Epp. Und Lüthi meint: "Nun geht es erst richtig los."

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