Stellenabbau bei der UNO: Für ausländische Absolventen in Genf wird es eng
Der Ruf Genfs als multilaterale Drehscheibe wird auf die Probe gestellt: Die Budgetkürzungen verringern die Beschäftigungsaussichten für internationale Studierende, die in der Stadt eine Karriere im humanitären Sektor anstreben. Ausländische Absolventinnen und Absolventen haben Mühe, in Genf zu bleiben. Für Studierende, die aus aller Welt kommen, schliesst sich leise die Tür.
Im Lauf des letzten Jahres haben die Institutionen der Vereinten Nationen in Genf 3300 Stellen abgebaut, da sie umstrukturiert werden und mit Kürzungen der wichtigsten Beitragszahler konfrontiert sind.
Im Herbst dieses Jahres teilte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) mit, sie erwäge eine dauerhafte Verlegung ihres Hauptsitzes. Im selben Monat gab das UNO-Kinderhilfswerk Unicef bekannt, dass der Grossteil seiner Belegschaft nach Rom umziehen werde.
«Einige internationale Organisationen mussten sich von einem Drittel ihres Personals trennen», sagt Frédéric Ballenegger von der Ständigen Vertretung der Schweiz bei der UNO.
Von diesen Kürzungen sind vor allem Hochschulabsolventinnen und -absolventen aus Ländern ausserhalb der Europäischen Union betroffen, da sie sich ohne Arbeitsgenehmigung nicht in der Schweiz aufhalten können.
Für viele von ihnen waren die UNO-Institutionen der einzige Arbeitsmarkt, der ihnen offenstand. Ihre Hauptmotivation, in Genf zu studieren, war die Aussicht auf eine Karriere im UNO-System.
Viele Schulen in Genf decken diese Nachfrage ab. Dazu gehören das Graduate Institute, die Universität Genf, das International Institute, die Genfer Schule für Diplomatie und die Genfer Akademie.
Sie alle bieten Kurse in internationalen Beziehungen, Interessenvertretung, Diplomatie, internationalem Recht und Menschenrechten oder humanitärer Hilfe an.
Am Internationalen Institut in Genf, das unter anderem Bachelor-Studiengänge in internationalen Beziehungen und Kommunikation anbietet, machen die Nicht-EU-Studierenden nach Angaben des Präsidenten Eric Willumsen 30-40% der Studierenden aus.
Für sie gibt es in Genf «ausserhalb des UNO-Systems so gut wie keine Arbeitsmöglichkeiten», sagt er. Nach Schweizer Recht müssen private Arbeitgeber zunächst nachweisen, dass sie nicht in der Lage waren, eine Fachperson aus der Schweiz oder der EU anzustellen – ein Verfahren, das die meisten Arbeitgeber vermeiden.
Für Julia Pion Da Rocha Paranhos, Psychologin und Beraterin im Karrierezentrum der Universität Genf, sind die Auswirkungen der UNO-Budgetkürzungen in den täglichen Gesprächen mit Studierenden spürbar.
Sie berichtet von zunehmender Angst, schrumpfenden Einstiegsmöglichkeiten und von Nicht-EU-Absolventinnen und Absolventen, die entweder gar keine Antworten oder Angebote erhalten.
Die Zahlen hinter dem Kampf
Die Daten von Adrien Guillod, einem Statistiker an der Universität Genf (UNIGE), zeigen, wie gross die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit schon vor den Budgetkürzungen war. Im ersten Semester 2025 zählte die Universität 3211 Studierende aus Drittstaaten, was 17,7% der gesamten Studierendenschaft entsprach.
Laut Umfragen, die er zwischen 2018 und 2024 durchführte, wollten 83% der Nicht-EU-Masterabsolventinnen und -absolventen der UNIGE nach Abschluss ihres Studiums in Genf bleiben.
Ein Jahr später waren es jedoch nur noch 26,8% – ohne Studierende mit Langzeitbewilligung und ohne diejenigen, die als Doktorierende oder zur Ausübung einer Postdoc-Tätigkeit bleiben.
Eine schweizweite Studie des Wirtschaftsverbands Economiesuisse aus dem Jahr 2019 war sogar noch konservativer und schätzte, dass nur 15% der Studierenden aus Drittstaaten nach ihrem Studium in der Schweiz bleiben.
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Eine kürzlich durchgeführte Studie hat ergeben, dass Absolventinnen und Absolventen von Schweizer Universitäten weltweit auf dem Arbeitsmarkt geschätzt werden.
Die UNIGE gehört zu den 250 besten Universitäten in Bezug auf die Beschäftigungsfähigkeit ihrer Absolventinnen und Absolventen. Die Schweiz hat jedoch nach wie vor Probleme damit, einen grossen Teil derjenigen zu halten, die im Land bleiben und arbeiten möchten.
Die Schweizer Regelungen, die Schweizer und EU-/EFTA-Bürger:innen auf dem Arbeitsmarkt bevorzugen, erschweren es Nicht-EU-Absolvent:innen erheblich, innerhalb der üblichen sechs Monate, die sie nach ihrem Studium im Land bleiben dürfen, eine Stelle zu finden.
Nachbarländer wie Deutschland, Frankreich, Belgien, Spanien, Österreich oder die Niederlande bieten nun spezielle Aufenthaltsgenehmigungen an, die einen Aufenthalt von 12 bis 24 Monaten ermöglichen. Dies gibt ihnen Zeit, sich nach Arbeit umzusehen oder ein Unternehmen zu gründen.
Heiraten für eine Arbeitsbewilligung
Matt, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, ist ein Absolvent des Graduate Institute in Genf, das sich auf internationale Angelegenheiten und Entwicklung spezialisiert hat.
Zwei Jahre nach seinem Abschluss sucht er immer noch nach einer Stelle im Bereich der humanitären Hilfe in Genf. «Seit den Budgetkürzungen bei der UNO im letzten Jahr gibt es viele Bewerberinnen und Bewerber, aber nur sehr wenige freie Stellen», sagt er.
Für sein sechsmonatiges Praktikum bei der UNO erhielt er 1000 Franken im Monat – und das in einer Stadt, in welcher der gesetzliche Mindestlohn bei 4200 Franken liegt.
Nach mehreren kurzfristigen Beraterverträgen mit der UNO ist es Matt nicht gelungen, eine Stelle in Genf zu finden. Viele seiner Freunde aus Nicht-EU-Ländern hätten das Land nach und nach verlassen, sagt Matt.
Letztlich ist Matt nur deshalb in der Schweiz geblieben, weil er seine Partnerin, eine in Genf lebende EU-Bürgerin, geheiratet hat. «Wir haben es diskret gemacht, nur damit ich bleiben kann», sagt er.
«Wenn man kein Europäer ist, kann man nur hierbleiben, wenn man jemanden heiratet», sagt Jessica, eine mexikanische Studentin des internationalen Rechts, die ebenfalls ihren Nachnamen nicht nennen möchte.
Sie sagt, das System sei strukturell gegen Studierende von ausserhalb Europas ausgerichtet: «Wenn deine Familie dich nicht unterstützen kann, ist es unmöglich zu bleiben. Diejenigen, die es schaffen, kommen in der Regel aus privilegierten Verhältnissen.»
Ihr UNO-Praktikum wurde mit 1200 Franken entlöhnt, was nicht zum Leben reichte. Nachdem ihr Beratervertrag aufgrund von Budgetkürzungen nicht verlängert wurde, war sie gezwungen, die Schweiz zu verlassen.
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Praktika und unbezahlte Tätigkeiten
Grégory Pasche, der Koordinator der Professionalisierungsaktivitäten an der Genfer Akademie für humanitäres Völkerrecht und Menschenrechte, stellt fest, dass die Studierenden «definitiv besorgter sind als früher».
Viele von ihnen verlängern ihre Aufenthaltsgenehmigung nach dem Abschluss und verlassen sich auf ein Flickwerk aus Praktika oder auf das UNO-Freiwilligenprogramm, das lediglich ein begrenztes Stipendium für den Lebensunterhalt bietet. «Die finanziellen Realitäten des Lebens in Genf kommen ins Spiel», sagt Pasche. «Viele müssen schliesslich nach Hause zurückkehren.»
Trotz der Turbulenzen ist Willumsen vom Internationalen Institut in Genf zuversichtlich, dass Praktika weiterhin zu Einstiegsjobs führen werden. In diesem Sinn hat das Institut Partnerschaften mit UNO-Einrichtungen aufgebaut, um Studierende für Praktika zu vermitteln.
Für Studierende aus Nicht-EU-Ländern, die anderswo nur schwer eine Anstellung finden würden, stehen diese Praktika nun auf dem Spiel.
Pasche warnt jedoch davor, dass Praktika nur selten zu einer Anstellung bei der UNO führen. «Im UNO-System werden Praktika nicht auf die Berufserfahrung angerechnet», sagt er.
Das bedeutet, dass Absolventinnen und Absolventen Genf oft verlassen müssen, um sich den erforderlichen beruflichen Hintergrund anderswo anzueignen. Erst dann kehren sie mit einem Profil zurück, das für eine Anstellung infrage kommt.
Das ist auch die Meinung von Matt: «Genf ist kein Ort, um eine Karriere zu beginnen», sagt er. «Es war noch nie einfach, hier einen Einstiegsjob zu finden, aber jetzt wird es fast unmöglich.»
Der Brite will Genf verlassen und sich anderswo umsehen, in der Hoffnung, eines Tages zurückkehren und sich in der Stadt niederlassen zu können.
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Das Internationale Genf
Editiert von Virginie Mangin/gw, Übertragung aus dem Englischen mithilfe von Deepl: Christian Raaflaub
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