Wie Europas CO2-Ausgleich Handel und Klimapolitik verändern wird
Seit diesem Januar erhebt die Europäische Union eine CO2-Abgabe auf importierte Waren wie Stahl und Zement, als Teil der umfassenden Neugestaltung grüner Handelsregeln. Der so genannte Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM)Externer Link ist eine erstmalig eingeführte Politik, die bereits jetzt Klimapraktiken weit über die EU hinaus verändert.
Die Schweiz verfolgte gegenüber dem neuen CO2-Mechanismus der Europäischen Union (EU) bisher einen vorsichtigen Ansatz. Das Nicht-EU-Land ist vom CBAM ausgenommen, wird aber seine Position zu dieser Art von CO2-Abgabe in diesem Jahr neu bewerten.
Entwicklungsländer warnen, dass das EU-System unfair sei. Und obwohl der CBAM bereits Wirkung zeigt, wird sein langfristiger Erfolg davon abhängen, ob er andere Länder dazu bewegen kann, eigene Systeme zur CO2-Bepreisung einzuführen.
Was ist die CO2-Grenzabgabe der EU und wie funktioniert sie?
Zunächst gilt die Abgabe für Zement, Eisen, Stahl, Aluminium, Strom und Wasserstoff, die in bestimmten Mengen in die EU eingeführt werden. Laut der Nachrichtenagentur Reuters plant die EU, die Steuer ab dem 1. Januar 2028 auf Autoteile, Kühlschränke und Waschmaschinen auszuweiten.
Anstatt direkt eine Steuer zu zahlen, müssen Importeur:innen dieser Waren CBAM-Zertifikate kaufen. Diese spiegeln die in ihren Produkten enthaltenen CO2-Emissionen wider.
Ein Beispiel: Ein deutscher Automobilhersteller importiert unter dem CBAM-System Stahl aus einem Nicht-EU-Land, das keine CO2-Bepreisung kennt, beispielsweise aus der Türkei.
Der Automobilhersteller muss nun die im Stahl und Transport enthaltenen Emissionen berechnen und die entsprechende Anzahl CBAM-Zertifikate kaufen. Wenn das Exportland CO2 bereits selbst bepreist, berechnet die EU nur die Differenz zu ihren eigenen Preisen.
Der CBAM baut auf dem bestehenden CO2-Bepreisungssystem der EU auf. Seit 2005 müssen grosse CO2-Emittenten innerhalb der Union ihre Emissionen im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems (EU-EHS)Externer Link bezahlen. Die Preise für CBAM-Zertifikate sind an den CO2-Preis des EU-EHS gekoppelt.
+ CO2-Emmissionen: Die Schweiz tritt der EU bei
Während die neue Abgabe schrittweise eingeführt wird, laufen die kostenlosen CO2-Zertifikate aus, die umweltbelastende Sektoren im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems angeboten wurden.
Es handelt sich dabei um Sektoren, bei denen die Gefahr einer so genannten «Carbon Leakage» besteht, also einer Verlagerung der CO2-Emissionen – emissionsintensive Produktionsstätten könnten ins Ausland verlagert werden, um dort den strengen Klimaschutzvorschriften der EU-Region zu entgehen. Nun soll diesen Sektoren der Übergang zur CO2-Bepreisung erleichtert werden.
Warum hat die EU diese CO2-Abgabe eingeführt?
Der CBAM ist Teil des europäischen Grünen DealsExterner Link, einer 2019 ins Leben gerufenen politischen Initiative, mit der Europa bis 2050 klimaneutral werden soll.
Laut der EU wird der Anpassungsmechanismus dazu beitragen, Emissionen zu senken und kohlenstoffintensive EU-Industrien vor unfairem Wettbewerb durch Produzenten in Ländern mit weniger strengen Klimavorschriften zu schützen. Ausserdem soll der CBAM «Carbon Leakage» verhindern.
Die Union argumentiert weiter, dass der CBAM weltweit umweltfreundlichere Praktiken fördert, da Länder die Abgabe vermeiden können, indem sie einen gleichwertigen CO2-Preis auf die heimische Produktion erheben.
Welche Auswirkungen wird diese Abgabe haben?
Befürworter:innen sehen im CBAM eine bedeutende Veränderung des globalen Handels: der CBAM bindet Klimapolitik in Handelsregeln ein und ermutigt Unternehmen zur Dekarbonisierung.
Catherine Wolfram, Professorin für Energieökonomie an der MIT Sloan School of Management in Cambridge, USA, bezeichnet den CBAM als die «optimistischste» EntwicklungExterner Link, die sie in 20 Jahren Forschung zur Klimapolitik gesehen hat.
Diese Klimapolitik scheint Regierungen weltweit zu beeinflussen. Aurora D’Aprile von der in der Schweiz ansässigen International Emissions Trading Association erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, dass es im vergangenen Jahr eine «deutliche Veränderung» in der Reaktion gegeben habe: Länder wie China weiteten die CO2-Bepreisung aus und andere, wie die Türkei, führten lange aufgeschobene Emissionshandelssysteme ein.
Japan hat sich bei der Weiterentwicklung seiner Politik ausdrücklich auf den CBAM berufen, während Grossbritannien einen eigenen Mechanismus ab 2027 plant. Auch Australien, Kanada und Taiwan erwägen, die CO2-Bepreisung einzuführen oder auszuweiten.
Nach eigenen Berechnungen der EU würde der CBAM die Emissionen der Union bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 13,8% senkenExterner Link, und jene im Rest der Welt um 0,3%.
Wie steht die Schweiz zu dieser Abgabe?
Schweizer Waren sind derzeit vom CBAM ausgenommen, da das Schweizer Emissionshandelssystem seit 2020 mit jenem der EU verknüpft ist. Damit zahlen Unternehmen de facto einen vergleichbaren CO2-Preis; die Verknüpfung ermöglicht die gegenseitige Anerkennung von Emissionszertifikaten und die Gleichbehandlung in beiden Systemen. Die Schweiz ist nicht verpflichtet, den CBAM im Rahmen eines bilateralen EHS-Abkommens einzuführen.
Im Jahr 2023 riet der Bundesrat davon abExterner Link, einen EU-ähnlichen Ausgleichsmechanismus für importierte Waren einzuführen – wegen der Kosten sowie regulatorischen und handelspolitischen Risiken. Ein CBAM «würde zudem nur wenigen emissionsintensiven Industrieanlagen in der Schweiz nützen, dem Rest der Wirtschaft aber Nachteile bringen», schreibt er.
Das Thema beschäftigt die Gesetzgeber:innen jedoch weiterhinExterner Link. Im Oktober 2025 verabschiedete eine parlamentarische Kommission eine Initiative zur Schaffung eines Schweizer Grenzausgleichsmechanismus für Importe im Zusammenhang mit ZementExterner Link. Die Vernehmlassung zum Vorentwurf mit erläuterndem Bericht läuft bis zum 20. Februar 2026.
Die Bundesbehörden planen zudem, bis Mitte 2026 erneut zu prüfen, ob ein umfassender Schweizer CBAM eingeführt werden soll; dies nach einer Zwischenbewertung des EU-Systems.
Unabhängig davon gibt es in der Schweiz eine eidgenössische CO2-Abgabe. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um eine nationale Kohlenstoffabgabe auf fossile Brennstoffe wie Heizöl und Erdgas.
Sie ist auf 120 Franken pro Tonne CO2 festgelegt und schafft Anreize, den Verbrauch fossiler Brennstoffe zu reduzieren. Der Grossteil der Einnahmen wird an Bürger:innen und Unternehmen zurückverteilt, ein Teil fliesst in die Förderung von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien.
Ausserdem gibt es eine CO2-Bepreisung für Fahrzeugimporte und ein Emissionshandelssystem (EHS) für Grossemittenten, um die Netto-Null-Ziele zu erreichen.
Welche Länder lehnen die EU-Abgabe ab?
Die am stärksten vom CBAM betroffenen Länder argumentieren, dass die Abgabe die Kosten erhöhen, den Handel einschränken und das Wirtschaftswachstum verlangsamen wird.
Trotz der Ausweitung der CO2-Bepreisung bezeichnete das chinesische Handelsministerium die Abgabe als «unfair» und «diskriminierend». Es warnt davor, dass sie das Vertrauen untergraben und die Kosten für Klimaschutzmassnahmen für Entwicklungsländer erhöhen könnte.
China kündigte Gegenmassnahmen an, und auf Druck mehrerer Staaten wurde das Thema erstmals auf der COP30-Klimakonferenz im vergangenen November in Brasilien diskutiert.
Auch Indien, Russland und Brasilien haben sich entschieden gegen den CBAM ausgesprochen. Sie bezeichneten ihn als einseitige Handelsmassnahme, die als Umweltpolitik getarnt sei.
Die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (Unctad) sagt, die EU müsse die Auswirkungen des CBAM auf den Handel sorgfältig abwägen.
Zwar könne der Mechanismus dazu beitragen, eine Verlagerung von CO2-Emissionen zu vermeiden. Seine Auswirkungen auf den Klimawandel seien jedoch begrenzt: die weltweiten CO2-Emmissionen würden um lediglich 0,1% sinken. Gleichzeitig würden die Handelskosten für Entwicklungsländer steigen.
Bei einem CBAM mit einem CO2-Preis von 44 US-Dollar pro Tonne würden beispielsweise die Einnahmen der Industrieländer um 2,5 Milliarden US-Dollar steigen, während jene der Entwicklungsländer um 5,9 Milliarden US-Dollar sinken würden, heisst es in einer im Juli veröffentlichten Analyse der UnctadExterner Link.
Georg Zachmann, Klimapolitik-Experte beim Brüsseler Think Tank Bruegel, sieht den CBAM als «politischen Erfolg für die EU» und sagt, dass seine langfristigen Auswirkungen davon abhängen werden, ob andere Länder mit der Einführung einer wirksamen CO2-Bepreisung oder ähnlicher Mechanismen reagieren.
Warum gibt es kein universelles System zur Bepreisung von Kohlenstoff?
In einer idealen Welt würden alle Länder CO2-Emissionen bepreisen, sagt Philippe Thalmann, Professor für Umweltökonomie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL). In Wirklichkeit lehnen viele Regierungen solche Massnahmen aus Sorge um das Wirtschaftswachstum ab.
«Diese europäische Politik, sie in gewisser Weise zu bestrafen oder zumindest gleiche Wettbewerbsbedingungen wiederherzustellen, wenn sie ihre Waren in die EU exportieren, ist eine sanftere Antwort, als sie zu zwingen, einen CO2-Preis für ihre gesamte Produktion zu erheben», sagt er gegenüber Swissinfo.
Thalmann hält den CBAM dennoch für das richtige Instrument: «Die gesamte Stahlproduktion sollte weltweit einer CO2-Bepreisung unterliegen. Und das CBAM-System ist eine Möglichkeit, den europäischen Preis auf andere Länder auszuweiten. Ich denke, die Schweiz sollte sich an diesen Bemühungen beteiligen.»
Mehr
Warum der CO2-Fussabdruck der Schweiz grösser ist als allgemein angenommen
Editiert von Gabe Bullard/vdv, Übertragung aus dem Englischen: Aleksandra Hiltmann/raf
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch