Alles wie eine Illusion
"Monster's Ball", der Film des Schweizer Regisseurs Marc Forster, könnte am 24. März mit zwei Oscars ausgezeichnet werden. swissinfo traf ihn zu einem Gespräch.
In Davos und Zug ist er aufgewachsen. Doch in Europa eine Filmschule zu besuchen, daran hat Marc Forster gar nie gedacht. Obwohl er nur schlecht englisch sprach, ging er nach der Matura in die USA und liess sich an der New York University zum Regisseur ausbilden.
Sein Spielflim «Everything Put Together» wurde 2000 am Sundance Film Festival ausgezeichnet. Daraufhin wurde ihm die Regie für «Monster’s Ball» angeboten. «Monster’s Ball», sein erster grosser Film, ist dieses Jahr in Los Angeles für zwei Oscars nominiert.
Marc Forster, Ihr Film «Monster’s Ball» hat an den Film-Festspielen von Berlin für Furore gesorgt und ist für zwei Oscars nominiert, wird Ihnen nicht fast schwindlig?
Für mich ist das alles eine Illusion, gar nicht Wirklichkeit, sondern ein Traum. Sobald du so einen Wirbel als Realität akzeptierst, nimmt dein Ego zuviel Einfluss auf das, was du tust. Und in diesem Moment kannst du nicht mehr kreativ arbeiten.
Das Filmbusiness schenkt Ihnen zur Zeit grosse Aufmerksamkeit. Konnten Sie das schon nutzen?
Schon, ja. Ich möchte zwar gelegentlich selbst ein Drehbuch schreiben, aber ich habe jetzt erstmals zwei fremde Bücher akzeptiert und werde sie jetzt kurz nacheinander verfilmen.
Grosse Filme?
Ich versuche, sie so klein wie möglich zu halten, damit unter dem finanziellen Druck meine kreative Freiheit nicht verloren geht. Mein Vorschlag war, den zweiten Film für 15 Mio. Dollar zu drehen. Die Verantwortlichen von Universal Pictures wollen ihn aber nicht unter 25 Mio. machen. Jetzt verhandeln wir.
«Monster’s Ball» war Ihr erster grosser Film. Wieviel kreative Freiheit hatten Sie da?
Als ich mich zum ersten Mal mit den Drehbuch-Autoren Milo Addica und Will Rokos traf, habe ich ihnen gesagt, ich wolle noch einige Dinge umschreiben, damit der Film für mich persönlicher wird. Sie meinten nur, okay, ich soll machen wie ich wolle.
Sie konnten am Drehbuch ändern was Sie wollten?
Ja. Auch die Produktions-Gesellschaft hat nie reingeredet. Und als ich den Film geschnitten hatte, sagten sie «wunderbar». Und so kam er ins Kino.
Die gleiche Version in Europa und in den USA?
In Europa läuft meine Version. In den USA hatten wir einige Probleme mit der Zensur.
Da ging es wahrscheinlich um die leidenschaftliche Sex-Szene der beiden Hauptfiguren?
Genau. Mit der ungeschnittenen Szene hätten wir den Film nur in wenigen Kinos zeigen können. In den USA haben die meisten Kinos eine Klausel im Mietvertrag, dass sie keine Filme für Publikum ab 18 Jahren zeigen dürfen, weil sonst vielleicht der Glacéverkäufer nebenan Kundschaft verliert.
Was musste schliesslich raus?
Ich musste rund eine Minute herausschneiden. Damit kann ich grad noch so leben. Aber die Verhandlungen waren schon grotesk. Du telefonierst mit einer 65-jährigen Lady und die sagt dann: «Aber Herr Forster, Sie können doch keine ‚pussy‘ auf der Leinwand zeigen.» Unglaublich. Erstens ist «pussy» ein ziemlich vulgärer Ausdruck und zweitens wars nur der stark behaarte Arm von Billy Bob Thornton. Aber es war nichts zu machen, das musste raus. Und dann natürlich die ganzen Stossbewegungen, das ist für die Amerikaner viel zu explizit.
Die Figuren in «Monster’s Ball» sind sehr amerikanisch. Sind Sie so assimiliert, dass Ihnen diese Figuren nah sind?
Im Süden der USA, wo der Film spielt, war ich vor den Dreharbeiten noch nie. Bei den Vorbereitungen habe ich dann einfach die Leute beobachtet. In Grosstädten wie Atlanta oder Georgia sieht man diesen Rassismus, den «Monster’s Ball» zeigt, etwas weniger. Aber nur zehn Minuten ausserhalb bist du im 19. Jahrhundert.
Diese rassistischen Rednecks sind nicht überzeichnete Phantasiefiguren?
Ich habe Freunde aus den Südstaaten, die sagten, ‚hey, das ist ja meine Familie‘. Und die Figuren in meinem Film sind noch untertrieben. Das ist in Realität noch viel extremer. Ich meine, der Ku-Klux-Klan existiert dort heute noch und lyncht Leute links und rechts.
Was wir zeigen, ist fast schon normal. Unser Produzent Lee Daniels ist Afroamerikaner, und als wir einmal Innenaufnahmen machten, nahm mich die Hausbesitzerin zur Seite und sagte: «Macht es Ihnen etwas aus, wenn er draussen wartet?»
Der Hauptdarsteller Billy Bob Thornton ist nicht nur ein gefeierter Schauspieler, sondern auch ein erfolgreicher Drehbuchautor und Regisseur. War es einfach, mit ihm zusammenzuarbeiten?
Am Anfang war ich schon ein bisschen nervös. Billy Bob hat dann aber gleich erklärt, er mache diesen Film, weil er an ihn glaube. Und wenn ich ein einziges Problem habe, soll ich zu ihm kommen, dann rufe er sofort beim Produzenten an.
Und auf dem Set?
Die beste Erfahrung, die ich mit einem Schauspieler je hatte. Ich dachte das werde bestimmt schwierig mit so bekannten Darstellerinnen und Darstellern und hatte mich eigentlich schon auf einen grossen Zirkus eingestellt.
Keine Dramen, weil der Wohnwagen zu klein war oder das Mineralwasser die falsche Temperatur hatte?
Nichts dergleichen. Von Thornten über Halle Berry bis zu «Puff Daddy» Sean Combs wussten alle, worum es geht, sobald sie sich einverstanden erklärt hatten, diesen Film unter ihrem normalen Salär zu machen.
Elio Pellin
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