«Blauhelme im Röstigraben»
Nicht nur Medienschaffende und Wissenschafter beschäftigt der "Röstigraben". Die Barriere beflügelt auch Künstler.
Das «Forum Helveticum» liess diese Woche am Rande eines Fachkongresses über den Röstigraben auch Künstler auftreten. Das «trio fatale vision» zeigte im Landesmuseum Zürich seine Performance «Blauhelme im Röstigraben». Dieser Graben symbolisiert in der Schweiz die Sprach- und Kulturbarriere zwischen Welsch- und Deutschschweiz.
Die Performance reflektiert den Umbruch eines anderen «Vielvölkerstaates», ex-Jugoslawien, der im Chaos versinkt – und stellt dar, wie das auch in der Schweiz passieren könnte.
Das Undenkbare Denken
«Für uns Schweizerinnen und Schweizer ist eine untragbare Situation sehr schwer vorstellbar. Krieg, Naturkatastrophen und Epidemien kennen wir nicht. Es geht uns sehr gut», beschreibt Heinz Schäublin, Bild- und Lichtgestalter des Trios, die Ausgangslage. «Wir entwarfen ein Szenario, das wir sonst nur von andern kennen.»
Und so kreieren sie einen Horrorfall im Paradies Schweiz, wo die Arbeitslosigkeit grassiert, Freischärler sich im Appenzell verschanzen, ausländische Geheimdienste operieren und die Nation auseinanderbricht.
Bilder von Dia- und Hellraum-Projektoren und die Musik von Ingeborg Poffet – Akkordeon und Gesang – und JOPO – Saxophon und Bassklarinette – erzeugen ein politisches Umfeld, in dem Freunde und Nachbarn verschwinden, Volksgruppen sich bekriegen und die Überlebenden fliehen.
Flucht spüren
«Die Odyssee ist das Symbol für die Reise, für den Zwang, das eigene Haus zu verlassen. Sprachen werden zum Problem, es gibt Probleme mit der Polizei», erklärt JOPO die beklemmende, stockfinstere Szenerie, wo er das Tamburin schlägt, Ingeborg Poffet gehetzt flüstert und sich Lichtpunkte zu Leuchtspuren zusammenfinden.
Die Odyssee führt durch die Weltkarte, über die kleine Schweiz hinaus. Plötzlich bieten die Landes-Grenzen keinen Schutz mehr, entstehen neue Grenzen innerhalb des alten Staatengebildes.
Gegensätze und Solidarität
Den Röstigraben sehe er vor allem bei den Abstimmungen, sagt JOPO: «Die Gesamtschweiz wählt immer anders als ich – als wir. Das ist die Schweiz, das müssen wir akzeptieren. Aber manchmal wünsche ich mir mehr Solidarität.»
Die Blauhelme sind aber nicht nur Symbol für Solidarität, sondern auch für das Versagen der Internationalen Gemeinschaft in Srebrenica. Und in der Schweiz auch für einen weiteren Fall, wo sich der Röstigraben auftat: Bei der Abstimmung im Juni 1994 über ein Schweizer UNO-Kontingent wurde die Romandie – wenn auch knapp – von der Deutschschweiz überstimmt. Was als Zeichen aussenpolitischer Abschottung gewertet wurde.
Alle Helme
Die drei Kunstschaffenden beschränken sich aber nicht nur auf Blauhelme. Ingeborg Poffet: «Wir besingen Helme jeder Farbe. Wer mischt sich ein, wer will mitreden? Es gibt eine Kettenreaktion. Alle wollen mitmachen und ein bisschen Krieg führen und bomben. Man hat ja soviel Spielzeug.»
«Redet miteinander»
Doch die Botschaft der Sirenengesänge des fatalen Trios sei keine Endzeitstimmung, sondern Optimismus, betont Poffet: «Im letzen Teil der Performance – dem längsten auch – zeigen wir Integration und Assimilisation. Als Musiker haben wir überall Kontakte; für uns sind politische Grenzen absurd. Wir wollen zeigen, dass die ganze Welt ein Globus ist.»
Philippe Kropf, Zürich
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