The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Das Herz abhören

August Zirner und Susanne Lothar im Stück "Auf dem Land" im Schauspielhaus Zürich. Keystone

Luc Bondy hat in seiner Geburtsstadt Zürich Martin Crimps "Auf dem Land" inszeniert. Die schweizerische Erstaufführung besticht durch Bondys feine Regie-Arbeit und hervorragende Schauspieler.

Die Geschichte ist so alt wie aktuell. Eine Dreiecks-Geschichte, (k)eine Liebesgeschichte. Ein Mann und zwei Frauen. Ein Mann zwischen zwei Frauen. Eine Ehefrau und eine Geliebte. Ein Ort, irgendwo auf dem Land. Eine Geschichte ohne Siegerinnen und ohne Sieger, eine Geschichte, die das Leben schrieb und immer wieder schreibt.

Stimmiges Bühnenbild

Bereits das leere Bühnenbild (Wilfried Minks) nimmt vorweg, was sich später durch den ganzen Theaterabend ziehen wird: Die Kunst des Angedeuteten, des Unausgesprochenen, des Zwiespältigen. Hoch und gross ist dieser Wohnraum, dunkel. Kein wärmendes Holz, keine duftenden Blumensträusse bringen ländliche Klischees zum Tragen.

Ein paar Sessel, ein eingeschalteter Fernseher, eine teure Musikanlage. Zwei Kinderstühlchen sind stumme Zeugen für die Nähe, die einst Mann und Frau verbanden. Verstreute Hühnerfedern. Welches Huhn oder wie viele Hühner werden hier gerupft werden?

Komplizierte Beziehungskiste

Corinne (Susanne Lothar) und Richard (August Zirner), beide um die 40 Jahre alt, ziehen samt Kindern auf das Land. Richard ist Arzt und somit einer jener Junkies, die sich nie für ihren Stoff auf die Strasse begeben müssen. Das Land soll dem Mann, der Frau und speziell den Kindern die dringend benötigte Ruhe bringen. Eines Nachts bringt Richard einen ärztlichen Notfall, eine junge Frau (Anna Böger) ins Haus – eingewickelt in eine Decke.

Schon nach den ersten Sätzen ist klar, dass die Beziehung von Corinne und Richard keine einfache ist. Die Füllwörter «wie» und «was» werden fragend in fast jeden Satz eingeflochten und machen jene – guten wie bösen – Geheimnisse ahnend, die den meisten langjährigen Beziehungen innewohnen. Und das Corinne mit einer latent spürbaren Aggression Bilder fürs Kinderzimmer ausschneidet macht die Szenerie nicht gemütlicher.

Der Abend nimmt seinen Lauf. Richard wird zu einer Geburt gerufen, es kommt was kommen muss; die beiden Frauen treffen aufeinander. Hier Corinne, die endlich erkennt, was sie längst geahnt hat. Dort Rebecca, die junge Geliebte, die genüsslich ausweidet, was Richard und sie verband. Eine Beziehung mit viel Sex and Drugs and no Rock’n’Roll.

Preisgekrönter Autor

Martin Crimp, 1956 in Kent (GB) geboren, hat mit «The Country» einen Text vorgelegt, dessen Qualität darin liegt, dass er immer nur so viel Preis gibt, wie wirklich nötig. Wir glauben zu wissen und ahnen doch nur. Wir lachen und eigentlich ist alles zum Heulen. Nebst Theaterstücken hat Crimp eine Reihe preisgekrönter Hörspiele geschrieben, zuletzt 1997das jetzt auf der Pfauenbühne zu sehende «The Country» für die BBC.

Luc Bondy, Intendant der Wiener Festwochen und Regisseur mit Weltruf, hat mit dieser ersten Regiearbeit in der Deutschschweiz – in der Westschweiz inszenierte Bondy am Théâtre Vidy in Lausanne – ein kleines feines Stück geschaffen. Kein Theater der grossen Töne, kein multimediales Spektakel, kein schräg-schrilles Beziehungsdrama. Gezeigt wird ein Stück Beziehungsalltag, dessen Protagonisten versuchen, die Balance zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Lüge und Wahrheit, zwischen Irrsinn und Normalität zu halten.

Wenn am Schluss Richard und Corinne zusammen Geburtstag feiern und die Sätze «Ich bin sicher, dass du Liebe sehr gut vortäuschen kannst. Ich bin sicher, ihr beide werdet perfekt Liebe vortäuschen» sprechen, ist Gewissheit, dass hier noch manches Huhn wird Federn lassen müssen.

Brigitta Javurek

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft