Davos ist kalt
Der 1957 in Bern geborene Künstler Thomas Hirschhorn hat diese Woche den Preis für Junge Kunst des Kunsthauses Zürich erhalten. Aus diesem Anlass richtete der Künstler eine Installation "Wirtschaftslandschaft Davos" im Kunsthaus ein.
Es ist kalt in dieser Davoser Landschaft, welche Thomas Hirschhorn im Baselitz-Saal des Kunsthauses eingerichtet hat. Zwei Klimaanlagen kühlen auf Hochtouren, und ihr kalter Wind gibt den Schweizer-Fahnen die Richtung vor. Stacheldraht sticht ins Auge. Gleissendes Neonlicht bringt es an den Tag: Davos ist besetzt. Hirschhorns Installation, raumfüllend, einer Modelleisenbahn-Landschaft gleichend, berührt unangenehm.
Überall Spielzeugpanzer, Spielzeugsoldaten, Spielzeugraketen auf Häusern, auf der Kirche, auf dem See, in der Landschaft. Zivilisten sind keine auszumachen. Mit Karton, Plastikfolien und viel Klebeband zusammengehalten, hat diese neuzeitliche Davoser Landschaft nichts mehr gemein mit dem zauberhaften Davos eines Thomas Mann.
Was auf den ersten Eindruck aussieht wie die Freizeitbeschäftigung eines Bastlers, erweist sich als durchdachtes, tiefgründiges Werk eines Künstlers, der seine Landschaft genau kennt. Zeitungsausschnitte, Datum und Quelle fehlen, schlagen Brücken in die Gegenwart und in die Vergangenheit. Werbungen vermitteln Botschaften, die anders ankommen als geplant.
Mit dem Preis und der dazugehörenden Ausstellung dürfte Hirschhorn einem breitern Publikum bekannt werden. Es darf einen Künstler entdecken, dessen Engagement, dessen Unbestechlichkeit, dessen Energie spürbar ist. Und der mit Sicherheit noch einiges zu Reden gibt.
DAS INTERVIEW
Thomas Hirschhorn, was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Ein Preis ist eine Ermutigung. Aber ein Künstler muss mit Kritik, mit Ablehnung, mit Nicht-Berücksichtigung, mit Preisen leben können. Ich möchte den Preis nicht mit dem Wort Anerkennung in Verbindung bringen, denn als Künstler muss ich mit oder ohne Preise, mit oder ohne Kritik, mit oder ohne Ablehnung arbeiten. Dieser Preis ist mein zweiter Preis, es ist auch ein Frage der Zeit, bis einem ein Preis verliehen wird. Wichtig ist mir aber, dass meine Arbeit bekannt, nicht unbedingt anerkannt wird.
Einige Menschen empfinden Ihre Kunst als Bastelarbeiten, als «einfache» Kunst.
Mir geht es in erster Linie um Energie, nicht um Qualität. Ich weiss nicht wie andere arbeiten, aber ich stelle mir die Frage, hat es in meiner Arbeit Energie? In meinen eigenen Arbeiten, aber auch in anderen sehe ich nicht mehr, ob und was es für Qualitäten hat. Mich interessiert zum Beispiel, wie Menschen mit Liebe und Energie an den geschmückten Wagen eines Umzuges, einer Strassenparade stundenlang arbeiten und damit dem Gefährt Ausdruck verleihen. Diese Form interessiert mich.
Wo finden Sie Ihre Themen, wo Ihre Bezüge?
Ich arbeite nicht mit Themen. Ich versuche jedes Mal, wenn ich eine Ausstellung mache, das, was mich beschäftigt auszudrücken. Für mich ist Kunst ein Werkzeug, um die Welt kennen zu lernen. Ein Werkzeug, um mich mit der Realität auseinander zu setzen. Ein Werkzeug, um mich mit der Zeit, in der ich mich befinde, zu begreifen. In diesem Sinne brauche ich keine Themen, ich versuche das in einer Ausstellung anhand eines Projektes – hier ist es Wirtschaftslandschaft Davos – zu zeigen.
Sie benutzen immer wieder die gleichen Materialien. Karton, Klebeband, Folie, Fotokopien, Zeitungsausschnitte, Kunst als sichtbares Handwerk?
Ich will kein Mysterium um meine Kunst. Ich will auch nicht, dass die Frage auftaucht: Wie ist das gemacht? Ich will nicht, dass die Menschen allein durch die Art und Weise, wie Kunst gemacht ist, ausgeschlossen sind.
Brigitta Javurek, Zürich
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