Schwimmen im Fluss? Für viele Auslandschweizer keine Selbstverständlichkeit
Was für viele in der Schweiz zum Sommer gehört, ist anderswo oft undenkbar. Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer berichten von verschmutzten Flüssen, Krokodilen oder schlicht fehlenden Gewässern – und davon, wie sehr sie das Flussschwimmen vermissen.
Wer in der Schweiz aufgewachsen ist, denkt kaum darüber nach: Im Sommer gehört ein Sprung in die Aare, den Rhein oder einen anderen Fluss für viele einfach dazu. Man lässt sich nach Feierabend mit der Strömung treiben, verstaut Kleider und Wertsachen im wasserdichten Beutel und steigt einige Kilometer weiter flussabwärts wieder aus.
Dass Flüsse mitten in Städten nicht nur zum Anschauen da sind, sondern auch als Badeplätze genutzt werden, ist in anderen Ländern eher selten. Wie aber sieht es anderswo genau aus?
Auf diese Frage an die Community gingen zahlreiche Antworten ein – von Mexiko bis Kanada, von der Karibik bis nach Südafrika, von Thailand bis in die USA.
Wasserqualität als Hindernis
Am häufigsten nannten die Leserinnen und Leser die Wasserqualität als Grund, warum Flüsse als Badegewässer gemieden werden. Aus Mexiko berichtet eine Auslandschweizerin, dass vielerorts Abwasser direkt in die Flüsse gelange, dort Wäsche und Geschirr gewaschen würden und sich viel Abfall ansammle. Aus Thailand fällt das Urteil kurz aus: «Nicht unbedingt empfehlenswert. Da sehr schmutzig.»
Eine Leserin aus England schreibt, wegen ungeklärter Abwassereinleitungen sei das Baden weder in Flüssen noch im Meer wirklich empfehlenswert. «Vermisse die Schweiz, speziell die Aare und den Thunersee», schreibt sie. Auch aus Armenien, Spanien und Kanada berichten Leserinnen und Leser von teilweise verschmutzten Gewässern oder zeitweisen Sperrungen wegen schlechter Wasserqualität.
Wer die Schweizer Flussbadekultur sogar bis nach Boston getragen hat, ist die Auslandschweizerin Renata von Tscharner. Hier lesen Sie ihr Porträt:
Mehr
Die Schweizerin, die das Aareschwimmen nach Boston brachte
Achtung Lebensgefahr
Wo nicht die Wasserqualität abschreckt, sind es oft die Tiere. «Viele Flüsse hier in Kenia sind ausgetrocknet – andere von Krokodilen besetzt», schreibt ein Leser. Eine Auslandschweizerin aus Südafrika berichtet von Flüssen mit Krokodilen und Nilpferden. Eine andere aus Florida schreibt: «Wie in allen Gewässern hier muss man annehmen, dass es einen Alligator drin hat.»
Aus dem Bundesstaat Virginia in den USA kommen Warnungen vor Schlangen, gefährlichen Amöben und anderen Risiken. Die Leserin zieht deshalb für sich den Pool dem Fluss vor.
Ganz anders klingen die Rückmeldungen aus anderen Teilen der Welt. In New Brunswick in Kanada gehört das sogenannte Tubing – das Treibenlassen auf grossen Gummireifen – zum Sommer. In Paraguay laden breite Flüsse und kilometerlange Sandstrände zum Baden ein. In Israel werden Flüsse auch zum Kajak- oder Schlauchbootfahren genutzt, und in der Dominikanischen Republik suchen viele Menschen an heissen Tagen lieber die kühlen Bäche als das warme Meer auf.
Mehr
Der Newsletter für alle Schweizerinnen und Schweizer im Ausland
Das Meer vor der Haustür
Manche Antworten zeigen aber auch, dass sich die Frage nach dem Flussschwimmen gar nicht überall stellt.
«Hier auf der Insel Bonaire gibt es keine Bäche und Flüsse. Wir schwimmen im Meer», schreibt eine Leserin aus der Karibik. Für sie findet das Wassererlebnis schlicht an einem anderen Ort statt. Ähnlich knapp fällt die Antwort aus Zypern aus: «In Zypern geht man ins Meer.» Und auf Maui gibt es lediglich einen grösseren Bach, der vor allem zur Abkühlung genutzt wird.
Eine Schweizerin aus der Provinz Noord-Holland in den Niederlanden schreibt: «Hier gibt es keine Flüsse in dem Sinn, dafür Kanäle. Das Schwimmen darin ist immer noch weit verbreitet.» Jugendliche sprängen trotz Verboten regelmässig von Brücken ins Wasser, und sie selbst gehe nur wenige Schritte von ihrem Haus entfernt im Kanal schwimmen.
Sehnsucht nach der Schweiz
Auffällig ist, wie viele nicht nur ihr heutiges Wohnland beschreiben, sondern auch ihre Sehnsucht nach der Schweiz.
«Das ist das, was ich an der Schweiz am meisten vermisse», schreibt eine Leserin aus Duisburg, wo im Rhein absolutes Schwimmverbot gelte. Eine andere, die in der amerikanischen Mojave-Wüste lebt, schreibt vor ihrer Rückreise: «Ich fliege morgen wieder aus der Schweiz weg und werde das Schwimmen so sehr vermissen!»
Aus Rumänien berichtet eine Leserin, sie freue sich jedes Mal darauf, wieder in der Aare zu schwimmen. Ähnliche Stimmen kommen aus England und Virginia in den USA.
Die Schweiz und ihre Badekultur
Fachleute führen die besondere Schweizer Flussbadekultur auf mehrere Faktoren zurück: Einerseits ist die Wasserqualität vieler Schweizer Flüsse hoch. Andererseits werden Flüsse hierzulande seit langem als öffentlicher Raum genutzt.
Die Geschichte der Schweizer Flussbäder reicht bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Damals besassen viele Stadtwohnungen weder ein Badezimmer noch fliessendes Wasser. Die Menschen stiegen vor allem in die Flüsse, um sich zu waschen:
Mehr
Warum die Schweiz das Paradies des urbanen Flussbadens ist
Städte wie Bern, Basel oder Zürich schaffen mit Zugängen und Infrastrukturen bewusst Möglichkeiten, ans Wasser zu gelangen.
In vielen anderen Städten im Ausland ist genau das erst ein Ziel. Bürgerinitiativen in Berlin, Boston, London oder New York setzen sich dafür ein, ihre Flüsse wieder sauber und zugänglich zu machen.
Die vielen Antworten aus der Community zeigen: Das Schwimmen in Flüssen ist nicht überall eine Selbstverständlichkeit – und gerade deshalb wird es von vielen Schweizerinnen und Schweizern im Ausland als etwas Besonderes wahrgenommen.
Vielleicht merkt man den Wert dieser Tradition erst, wenn man nicht mehr einfach nach Feierabend ins nächste Flussbad steigen kann.
Mehr
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch