Eklat bei der Preis-Verleihung in Locarno
Der Goldene Leopard des 54. Internationalen Filmfestivals Locarno ist am Sonntag (12.08.) dem Italiener Maurizio Sciarra für seine politische Komödie "Alla rivoluzione sulla due cavalli" zugesprochen worden. Der Entscheid wurde stark kritisiert und spaltete die Jury.
Der Film «Alla rivoluzione sulla due cavalli» ist ein nostalgisches Roadmovie zur Zeit der 68-er Bewegung. Der Entscheid der internationalen Jury unter dem Vorsitz der US-Film- und Literaturkritikerin Janet Maslin stiess jedoch nicht auf die einhellige Zustimmung des Publikums und der Kritiker.
Sogar die Jury zeigte sich gespalten. An der Medienkonferenz am Sonntag distanzierten sich ausgerechnet Laura Morante, die einzige Italienerin in der Jury, und die Französin Emilie Deleuze deutlich vom Juryentscheid. Die US- Schauspielerin Debra Winger verliess aus Protest die Medienkonferenz.
Favoriten leer ausgegangen
Der einzige unumstrittene Preis der achtköpfigen Jury, in der mit dem chilenischen Schriftsteller Antonio Skarmeta ein einziger Mann sass, war der Spezialpreis der Jury an den Iraner Abolfazl Jalili für seinen Film «Delbaran», dem Morante/Deleuze jedoch lieber den Goldenen Leoparden gegeben hätten, wie sie erklärten.
Die Favoriten der Wochenendpresse waren die beiden französischen Filme «Comment j’ai tué mon père» von Anne Fontaine und «Le lait de la tendresse humaine» von Dominique Cabrera, die jetzt beide leer ausgegangen sind.
Ebenfalls als mögliche Preisgewinner mehrmals genannt wurden «Conjugaison» von Tang Xiaobai aus Hong Kong und der zweite deutsche Wettbewerbsfilm «Ich werde dich auf Händen tragen» von Iain Dilthey. Die beiden Schweizer Beiträge «Happiness is a Warm Gun» von Thomas Imbach und «Scheherazade» von Riccardo Signorell wurden hingegen grösstenteils als Enttäuschung empfunden.
Der nicht einstimmige Juryentscheid wie auch die Tatsache, dass die Jury die unüblich hohe Zahl von vier lobenden Erwähnungen vergeben hat, sprechen immerhin für einen insgesamt ausgeglichenen Wettbewerb im ersten Jahr der Festivaldirektorin Irene Bignardi.
«Venus Boyz»
Die beiden Silbernen Leoparden gehen an französische und deutsche Beiträge: Der Erstlingsfilm «L’Afrance» von Alain Gomis gewinnt in der Kategorie «Junger Film», der Deutsche Peter Sehr, der seinen vierten Film in Locarno zeigte, für «Love the Hard Way» in der Kategorie «Neuer Film».
Zudem gingen zwei Bronzene Leoparden an Darsteller: Die koreanische Schauspielerin Kim Ho Hung wird für ihre Hauptrolle im Film «The Butterfly» von Moon Seong-wook ausgezeichnet, und der Italiener Andoni Gracia für seine Rolle im Siegerfilm «Alla rivoluzione sulla due cavalli».
Daneben vergab die Internationale Jury vier lobende Erwähnungen an Filme aus den USA, Hong Kong, Frankreich und Grossbritannien. Der Publikumspreis der Piazza Grande geht an den Bollywoodfilm «Lagaan» von Ashutosh Gowariker aus Indien.
Der Schweizer Film kommt immerhin mit einem Dokumentarfilm zu Ehren. Die Jury der dem Dokumentarkino vorbehaltenen Kritikerwoche spricht ihren Preis «Venus Boyz» der Zürcherin Gabriel Baur zu. Sie porträtiert in ihrer formal überzeugenden Arbeit sogenannte Drag Kings, also als Männer zurechtgemachte Frauen.
Carole Gürtler und Agenturen.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch