«Es braucht Subventionen in grossem Masse»
Der Ständerat hat am Donnerstag das neue Filmgesetz im zweiten Anlauf mit 27 zu drei Stimmen angenommen. Die angestrebte Angebots-Vielfalt soll gemäss der nun vereinbarten Branchenlösung primär durch die Eigenverantwortung der Kinobetreiber erreicht werden. Ein Interview mit Willi Egloff, Präsident des Schweizerischen Verbands der FilmproduzentInnen.
Willi Egloff, was halten Sie vom Entscheid des Ständerats?
Wir sind natürlich sehr erfreut, dass dieses Gesetz jetzt wenigstens vom Ständerat verabschiedet worden ist, denn wir brauchen ganz dringend ein neues Filmgesetz. Das alte Filmgesetz ist völlig veraltet.
Wo sehen Sie die wichtigsten Verbesserungen?
In verschiedenen Punkten sind die Bestimmungen über die Filmförderung verbessert worden. Es gibt jetzt neben der selektiven Förderung eine erfolgsabhängige Förderung. Das heisst, bei der selektiven Förderung wählt eine Kommission diejenigen Filmprojekte aus, die sie für besonders gut hält, und bei der erfolgsabhängigen Förderung wird an Erfolge im Kino angeknüpft.
Wer also im Kino Erfolg hat erhält zusätzlich eine Belohnung, die er für den nächsten Film verwenden kann. Damit soll erreicht werden, dass Leute, die wirklich ein grosses Publikum erreichen, auch möglichst ohne Probleme ihre nächsten Filme produzieren können.
Was braucht es, damit Schweizer Filme Erfolg haben?
Es braucht sehr viel Geld. In Europa gibt es – ausser in Grossbritannien – kein einziges Land, das ohne massive Filmförderung auskommt. Es ist nicht möglich, in Europa Filme ausschliesslich als kommerzielles Produkt zu produzieren, weil die Heimmärkte zu klein sind.
Fünf Millionen Menschen können zum Beispiel einen schweizerdeutschen Film verstehen. Selbst wenn dieser Film ein Publikumserfolg wäre, reicht es aber nicht, um die Kosten für die Filmproduktion wieder hereinzuspielen. Der Film ist ein viel zu teures Medium und deshalb braucht es Subventionen in grossem Masse. Anders ist eine eigenständige schweizerische Filmproduktion nicht möglich.
Wie kreativ sind Schweizer Filmschaffende?
Sie sind ausserordentlich kreativ. Das sieht man schon daran, dass eine ganze Reihe davon im Ausland Karriere machen. Es gibt auch viele Schweizerinnen und Schweizer, zum Beispiel Cutter und Kameraleute, die in Hollywood und Deutschland tätig sind. Was wir möchten und dringend brauchen, ist, dass diese Leute auch im eigenen Land ihr Auskommen finden.
Das neue Filmgesetz soll ein (amerikanisches) Diktat des Angebots durch grosse multinationale Verleiher verhindern, sagt Bundesrätin Ruth Dreifuss. Wie beurteilen Sie die Situation?
Die Situation ist heute so, dass in den Schweizer Kinos ungefähr 70% des Angebots US-amerikanische Filme sind. Wir haben eigentlich nichts gegen diese Filme, im Gegenteil, wir finden einen Teil davon interessant und es hat Meisterwerke darunter. Wir wollen aber auch Filme aus anderen Ländern wie Afrika, Lateinamerika, Asien und insbesondere aus Europa sehen können. Damit dies möglich ist, kann die Programmierung des Kinos nicht ausschliesslich dem Markt überlassen werden.
Wenn ausschliesslich der Markt bestimmt, dann würden wir in unseren Kinos ausschliesslich US-amerikanische Filme sehen. Das wäre auch nicht im Interesse der betreffenden Filmunternehmen. Immer wieder sagen sie uns nämlich, dass ihre eigenen Filme am Besten funktionieren und Erfolg in Ländern haben, in denen es eine starke eigene Filmproduktion gibt. Es ist also durchaus nicht das Interesse der US-Amerikaner, die fehlenden 30% auch noch zu erobern.
Nicht alle stimmen dem neuen Filmgesetz zu. Ein Hautproblem bleibe, dass die Schweizer Filmschaffenden den Konsumenten den Film-Speisezettel diktiert würden. Was halten Sie davon?
Das ist ein ziemlich dummes Argument. Wenn jemand den Speisezettel diktieren kann, dann sind es die Verleiher und in einem bestimmten Masse die Kinos. Die entscheiden nämlich darüber, welcher Film dem Publikum vorgesetzt wird. Und die Schweizer Filmschaffenden sind die ganz kleinen ‚Habenichtse‘, die darum betteln müssen, dass ihre Filme in den Kinos gezeigt werden.
Wie stark werden die Kinos das Filmangebot diktieren?
In den grossen Schweizer Städten gibt es Kinos, die sich sehr aufmerksam um den Schweizer Film kümmern und die Filme, die produziert werden, auch sofort zeigen. Die Schwierigkeiten bestehen allerdings in kleineren Städten. Dort ist die Zahl der Leinwände kleiner. Die sind dann sehr rasch einmal blockiert, wenn einige grosse US-amerikanische Erfolgsfilme gleichzeitig auf dem Markt sind.
Wir hoffen deshalb, dass wir in Zusammenarbeit mit der Kinobranche die Situation mindestens so halten können wie sie heute ist, in Zukunft aber die Vorführung solcher wirtschaftlich weniger starker Filme noch mehr fördern können.
Interview: Alina Kunz Popper
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