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Filme aus dem Balkan in Solothurn

Ein Land am Rande des Bürgerkriegs und der kleine Bruder bei den Nationalisten: "Kako ubiv svetec". www.filmfestivalrotterdam.com

An den 40. Solothurner Filmtagen zeigen Länder des ehemaligen Jugoslawiens eine Welt jenseits der Klischees des Bürgerkriegs-Lands.

Eine neue Generation Filmschaffender emanzipiert sich und sieht den Krieg nicht mehr als einziges Thema. Nicht immer mit Erfolg.

Der Imbiss «Pascha» ist ein guter Ort, um sich auf die Filme aus dem Gastland Ex-Jugoslawien einzustimmen: Draussen weht ein eisiger Wind, drinnen ist es überheizt, es dröhnt fremder Pop und durch die grossen Scheiben könnte man meinen, auf die Strassen von Zagreb, Skopje oder Pristina zu schauen. Schönheitsfehler: Ex-Jugoslawien ist kein politisch korrekter Begriff und der Imbiss ist türkisch. Aber das Kino Capitol ist nur wenige Schritte weit weg.

Hier und in den andern Sälen der Solothurner Filmtage entführt Direktor Ivo Kummer das Publikum in Filme aus dem ehemaligen Jugoslawien. «Für uns ist der Blick über den Tellerrand wichtig. Die Region ist uns vielleicht in Erinnerung wegen dem Krieg», sagt er im Gespräch mit swissinfo. «Dort ist aber seit zehn Jahren Frieden.»

Ein lustiger Dokfilm

Im Dokumentarfilm «Lijepa Dyana» des jungen Autodidakten Boris Mitic fristen Roma, geflüchtet aus dem Krieg in der serbischen Provinz Kosovo, ein klägliches Dasein auf einer Baustelle am Rande der Stadt, am Rande der Gesellschaft. Sie bauen alte Citroën 2 CV um zu Recycling-Vehikeln, mit denen sie Papier, Flaschen und Altmetall sammeln. Was ein bedrückendes Bild von Ausgestossenen werden könnte, überrascht immer wieder mit Humor, Komik und ungebrochener Lebensfreude.

«Die meisten Leute staunen, dass man sich nach einem Dokumentarfilm überhaupt gut fühlen kann», sagt Mitic gegenüber swissinfo. «Wenn der Film dann noch aus dem ehemaligen Jugoslawien kommt, dann erwarten alle etwas Depressives.»

Mit seinen langen blonden Haaren, den blauen Augen und dem dicken Wollpullover kommt er daher, wie die revoltierenden Studenten von Otpor vor einem halben Jahrzehnt. Mit ihnen will er aber nichts zu tun haben: «Die meisten sind heute Politiker und haben viel Geld gemacht. Ich mache mein kleines Ding für mich – wenn die Filme den Leuten gefallen, ist das wunderschön.»

Kusturica fehlt nicht

Insgesamt werden 19 Filme aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Mazedonien, Serbien, Slowenien und Serbien-Montenegro gezeigt. Keiner davon ist von Emir Kusturica, dem wohl bekanntesten jugoslawischen Filmemacher («Chat noir, Chat blanc»). «Es ist nicht so, dass wir ihn nicht gewollt hätten», erklärt Peter Tremp gegenüber swissinfo. Er hat rund 80 Filme aus der Gastregion visioniert und das Programm zusammen gestellt. «Aber wir wollten nur neue Filme zeigen und vor allem Material, das bis jetzt in der Schweiz noch nicht im Kino zu sehen war.»

Das Interesse am neuen Material ist im Kino Capitol vorhanden, aber nicht immer wird es belohnt. Der Odyssee eines toten jungen Mädchens durch eine fussballbegeisterte Stadt in «Sjever je poludio» von Aida Begic kann man nebst derber Komik wenig abgewinnen. Auch «Slucajna suputnica» von Srecko Jurdana im Anschluss, im Katalog als Roadmovie-Satire beschrieben, mag nicht zu überzeugen: Die Eskapaden der aufreizenden Hauptfigur genügen nicht, um den Film am Laufen zu halten

Man freut sich hingegen auf den mehrfach preisgekrönten Film «Ta divna splitska noc – Eine wundervolle Nacht in Split» von Arsen Anton Ostojic oder «Kako ubiv svetec» von Teona Strugar Mitevska. Sie beschreibt eindrücklich die Rückkehr von Viola in ihre Heimat Mazedonien.

Das Land steht am Rande eines Bürgerkriegs: Albanische Separatisten destabilisieren die Region, der politisch radikale Bruder unterstützt tatkräftig die mazedonischen Nationalisten und ihre uneheliche Tochter hat sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen.

Schatten des Krieges

Beim Filmen in solchen Situationen kann es zu ungewöhnlichen Treffen kommen, wie Blagoja Kunovski, Organisator des mazedonischen Filmfestivals, in einer Diskussionsrunde illustriert. «Der Bruder hängt im Film ein Transparent ‚NATO go home‘ auf – die NATO-Truppen meinten, es sei eine echte Demonstration gegen sie.»

Den langen Schatten des blutigen Krieges und die Besetzung grosser Teile des ehemaligen Tito-Staates wird man offenbar nicht so schnell los, auch wenn das Thema des Kriegs den neuen Film aus dem ehemaligen Jugoslawien dazu gemacht hat, was er heute ist. Oder wie Regisseur Ostojic erklärt: «Der Krieg wurde zum Trittstein für den jugoslawischen Film, heute ist er ein Mühlstein, den wir hinter uns lassen wollen.»

swissinfo, Philippe Kropf in Solothurn

Gastland an den 40. Filmtagen Solothurn ist das ehemalige Jugoslawien.

Es werden 19 Filme aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Mazedonien, Serbien, Slowenien und Serbien-Montenegro gezeigt.

Die meisten Regierungen unterstützen das Filmschaffen nicht – es gilt als Luxus, den man sich nicht leisten kann.

Nur in Slowenien gibt es eine staatliche Filmförderung, sie beträgt ca. 2,5 Mio. Euro und unterstützt fünf bis zehn Filme jährlich.

Filmschaffende in den andern Ländern sind auf Ko-Produktionen angewiesen.

Die Schweiz unterstützt beispielsweise das Filmfestival in Sarajevo.

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