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Grosser Meister der Moderne

Alberto Giacomettis hunderster Geburstag wird im Kunsthaus Zürich gefeiert. Kunsthaus Zurich

Türen auf für Alberto Giacometti (1901 -1966)! Am 10. Oktober wäre der berühmteste Schweizer Plastiker hundert Jahre alt geworden. Anlass für das Kunsthaus Zürich den Schweizer Künstler mit einer umfassenden Werkschau zu würdigen. Die Ausstellung verspricht ein Kultur-Höhepunkt des Sommers zu werden.

Täglich geht sie tausendfach über die Ladentische der Schweiz, meist ganz schnell und unbeachtet, die 100-Franken Note. Im Volksmund die Blaue genannt und unzweifelhaft die Schönste, zeigt sie vorderseitig ein Porträt Alberto Giacomettis und rückseitig eine seiner grossen hohen Bronzefiguren «Der Schreitende». Somit tragen die meisten Menschen in der Schweiz, nebst dem realen Geldwert der Note, ein Stück Kunst in ihrem Portefeuille und Giacometti in den Alltag hinaus.

Es ist das Verdienst des Zürcher Kunsthauses, der Alberto Giacometti-Stiftung und des Museum of Modern Art in New York, dass die Zürcher Ausstellung nebst dem bekannten, späten Werk erstmals den jungen und den Surrealisten Giacometti in seiner ganzen Breite zeigt. Jenen Alberto Giacometti, der 1922 auszog nach Paris und sich mit dem Kubismus, der Stammeskunst, dem Surrealismus intensiv auseinandersetzte und unauslöschliche Spuren in der Kunstgeschichte hinterliess.

Sehen und verführen

Wie sehen wir, was wir sehen? Diese Fragen müssen schon den kleinen Alberto angetrieben haben. Als ältestes von vier Kindern des Males Giovanni Giacometti und der Annetta Giacometti-Stampa im schweizerischen, italienisch sprechendem Bergell geboren und aufgewachsen, beginnt schon der kleine Junge zu zeichnen, zu malen, zu modellieren. Er zeichnet seine Familie, seine Umgebung, seine Zeit. Motive, die immer wiederkehren werden, ebenso der Rückzug ins Bergell.

Treppaufwärts im Kunsthaus Zürich vorbei an stimmigen schwarz-weissen Photografien sehen wir einen lachenden, einen inszenierten, einen nachdenklichen Giacometti. Wir treten ein und werden «sehend».
Die 90 Skulpturen, 40 Gemälde und 60 Zeichnungen der Retrospektive, alle von hervorragender künstlerischer oder werkgeschichtlicher Bedeutung, verführen die Betrachtenden in eine neue Welt. Giacomettis Welt und die eigene.

Hoch- Zeit

Aufgebaut als eine Art barocker Garten, steht im Mittelpunkt die «Figure dans un jardin (1930 -32)», eine eindrückliche Skulptur, die erstmals öffentlich gezeigt wird. Rundherum Räume, die immer von mehreren Seiten zugänglich sind und die verschiedensten Schaffensperioden des Künstlers zeigen. Erstaunlich wie modern, ja jung das Werk des Avantgardisten Giacometti wirkt. Liebespaare, Frauen, Köpfe, seine angewandten neuen Möglichkeiten des Gestaltens zwingen zu einem anderen Blick.

Mal spielerisch in «Homme, femme, enfant (1931)», Mal brutal und sexualisiert in «Femme égorgée (1932), lesen sich die Objekte als hintergründige Metaphern.
Ab 1947 dann, jenen Giacometti, den wir kennen. Der Mann mit den dünnen, brüchigen Figuren, die in ihrer Ho-Heit und Hoch-Zeit schreiten, innehalten, anhalten. Die grosse Anzahl dieser Skulpturen berührt, fesselt. Ein Land der eisernen Menschen, die immer noch glühen. Und über allem wacht «Le chariot» (1950), der Wagen.

«100 Jahre Alberto Giacometti – Die Retrospektive», diese Ausstellung in Zürich zeigt was engagierte Kuratoren und Kuratorinnen vermögen. Die Sicht auf ein Lebens-Werk lenken, auf dass Bilder gespeichert werden, die lange lange nachhallen. Länger als das Ausgeben einer 100-Franken Note.

Brigitta Javurek, Zürich

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