Halbzeit in Locarno
Ein Wettbewerb auf erfreulich hohem Niveau und eine ebenso publikums-freundliche wie originelle Programmierung auf der Piazza Grande prägten die erste Hälfte des Filmfestivals Locarno, das am Sonntagabend mit der Preisverleihung zu Ende geht.
Weil der Eröffnungsabend auf der Piazza Grande wegen der inhaltlichen Sterilität des computer-generierten Sciencefiction-Films «Final Fantasy» ziemlich kühl blieb, und weil die beiden nächsten Piazza-Abende von heftigen Gewittern verhindert wurden, erlebte das Festival am Sonntagabend sozusagen eine zweite Eröffnung.
Das fast vierstündige indische Musical-Drama «Lagaan», ein hinreissend hyperkitschiges Kinofest mit aufwendigen Massenszenen und fantasiereichen Gesangs- und Tanznummern in bester «Bollywood»- Tradition (ein Zusammenzug von «Bombay» und «Hollywood»), traf auf ein überraschtes und dankbares Publikum.
Mit ihrem Entscheid, keine Wettbewerbs-Filme mehr auf der Piazza zu zeigen, hat die neue Direktorin Irene Bignardi für gerechtere Bedingungen im Wettbewerb gesorgt. Zugleich eröffnet ihr dies aber auch die Möglichkeit, auf der Piazza mit einer publikums-wirksamen Mischung etwas zu experimentieren.
Pralles Kino auf der Piazza
Am Montag schlug der etwas biedere, aber appetitlich und herzergreifend inszenierte «Mostly Martha» von Sandra Nettelbeck aus Deutschland einen freundlichen Bogen über die Alpen.
Die rührende Geschichte um eine menschen-scheue Hamburger Meisterköchin, ihre kleine Nichte und ihre Rivalität mit einem lebenslustigen italienischen Koch traf perfekt die Festival-Stimmung von Locarno, die zwischen nördlicher Kultursuche und kulinarisch aufgeheiterter Italianità oszilliert.
Am Dienstagabend schockierte Bignardi, die einstige Leiterin eines Mystery-Filmfestivals in Italien, das Piazza-Publikum mit dem Film «Un jeu d’enfants» von Laurent Tuel aus Frankreich.
Der nicht gerade subtile, aber wirkungsvoll und geschickt inszenierte Film entwickelt seinen gespenstischen Horror aus einer Familienidylle heraus und nutzte die Möglichkeiten der topmodernen Beschallungsanlage auf der Piazza Grande voll aus.
Solider Wettbewerb
Während Bignardi auf der Piazza offensichtlich geschickt das ganze Spektrum geballter populärer Kinomagie auszureizen versucht, hat sich auch im Wettbewerb das erfreulich solide Anfangsniveau fast stetig erhöht.
Familiengeschichten im weitesten Sinne prägen den Wettbewerb. Elegant und feinfühlig lotet «Comment j’ai tué mon père» von Anne Fontaine aus Frankreich die gestörte Beziehung zwischen einem erfolgreichen Arzt und seinem überraschend wieder auftauchenden Vater aus.
In «Le lait de la tendresse humaine» von Dominique Cabrera, ebenfalls aus Frankreich, überwindet eine gestandene Mutter mit Hilfe einer Nachbarin die massive Depression nach der Geburt ihres jüngsten Kindes.
Im koreanischen «The Butterfly» von Moon Seung-Wook möchte eine Frau nach dem Verlust ihres ungeborenen Kindes mit Hilfe eines geheimnisvollen Virus ihre schmerzlichen Erinnerungen verlieren, und im Schweizer Beitrag «Scheherezade» von Riccardo Signorell entwickelt sich auf einer Luxusjacht auf dem Zürichsee ein intensives Inzestdrama.
Bis zur Preisverleihung am Sonntagabend werden sich insgesamt neunzehn Filme um einen der Leoparden beworben haben. Jeder von ihnen – das darf man angesichts des allgemein hohen Niveaus jetzt schon behaupten – ist zumindest sehenswert.
swissinfo und Michael Sennhauser (sda)
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