Legenden besuchen Legende
Urvater Claude Nobs und sein 35. Montreux Jazz Festival öffnen vom 06. bis 21. Juli ihre Türen - oder besser ihre Wundertüten. Wer letztlich auf den Bühnen steht oder stand, weiss man erst nach den Konzerten. Das ist in diesem Jahr besonders der Fall: kommen doch etliche Legenden und hoffen, dass ihnen Grossväter, Mütter und Kinder zuhören.
Sagen Ihnen die Namen Billy Lee Riley, Sonny Burgess, Bob Dylan (ah, den kennen wir) oder Neil Young noch etwas? Wer kennt Paco de Lucia, Albert Lee oder Bill Wyman, Van Morrison? Chick Corea, Isaac Hayes, Wayne Shorter und Herbie Hancock? Vergessen wir DJ Antoine, Wyclef Jean oder Run DMC nicht!
Das Jazz Festival in Montreux war schon immer ein Sonderfall. Als man 1967 anfing, da war im Sommer musikalisch gesehen Ruhe. Die Musiker und Musikerinnen gingen in die Ferien, die bekannteren tourten auf der südlichen Hemisphäre rum, wo Winter war. Sommer und Pop- oder Jazz-Konzerte? Das war ungewohnt. Das konnte man in der Schweiz nur in Montreux haben. Drinnen, im Casino.
Heute gibt es kaum mehr einen Ort oder eine Bergkette oder einen See, wo es kein «Open-Air» gibt. Die Stars der Pop- und Jazz-Branche, aber auch die «Klassiker» haben Hochsaison. Sie spielen bei Tropenhitze, Schneegestöber, Dauerregen oder Nebel. Vor vielen tausend Leuten, die im Hochgebirge oder an den Gestaden der Schweizer Seen oder schlicht im Sittertobel campieren, nass werden, in der Hitze liegen oder im Dreck. Kurz man ist am Open-Air!
Da stellt Montreux – es ist seinem Stil treu geblieben – wieder, wie zu Beginn vor 35 Jahren, die Ausnahme dar. Montreux-Konzerte sind drinnnen. Indoor!
«Komfort und Geselligkeit haben sich erhalten», schreiben die Montreux-Macher.
Das stimmt nur noch zur Hälfte (leider): An der Geselligkeit wird es nicht mangeln. Am Komfort schon. Wer sich noch an die tollen Konzerte erinnert, die man als Musikfan sitzend (ich betone: sitzend) geniessen konnte, dann trauern viele den Stühlen nach. Jetzt muss man auch in Montreux stundenlang stehend (ich betone: stehend) die (Pop und Rock) Konzerte anhören, die oft weit in die Morgenstunden andauern. Man sollte eine Kampagne starten: «Montreux, bring uns die Stühle zurück!»
100 Konzerte in 17 Tagen in der Stravinski Hall, in der Miles Davis Hall und sogar etwas im Casino (hört, hört, haben die nicht Streit miteinander?). Das Programm folgt dem Motto der Ausgabe 2001: «Nach 35jährigem Bestehen empfängt das Festival mit Freude die Gäste der ersten Generation in Begleitung ihrer schon faszinierten Kinder!» heisst es in etwas ungelenkem Deutsch in der Begrüssung von Festivalgründer und Übervater Claude Nobs.
Stilmix wie gewohnt
Montreux heisst zwar Jazz-Festival und die Freunde des Jazz kommen auch auf ihre Rechnung. Für sie steht das Casino von Montreux im Zentrum: Vertreter der ersten Montreux-Generation wie Manhatten Transfer, Ray Brown und Randy Weston sollen im ehemaligen Festivalgebäude das Ambiente vergangener Zeiten herbeizaubern. In der Stravinsky Hall lassen Chick Corea, Wayne Shorter und Herbie Hancock ihren guten alten Jazz wieder aufleben.
Der letzte Abend ist für die Stammgäste Keith Jarrett, Gary Peacock und JackDeJohnette reserviert. Diese Trio hat ja in Montreux nicht immer für Entzückung gesorgt; in diesem Jahr wird es als «Event» angekündigt.
Trotz «Jazz», Claude Nobs bringt seinen gewohnte Stilmix aus Rock, Blues, Pop und Brasil und neu auch HipHop und «Techno». Etlich DJs sind von der Partie, so einer der bekanntesten in der Schweizer Szene: DJ Antoine.
A Tribute to Sun Records
Es würde – wie immer – zu weit führen, wollte man Montreux total beschreiben. Besser man geht hin und hört zu. Allerdings gespannt darf man sein, was der Abend, der im Banne des ehemaligen und legendären SUN-Plattenlabels aus Memphis steht, was «A Tribute to Sun-Recors» bringt. Der bekannteste Sun-Star «Elvis Presley» wird nicht mehr teilnehmen (und wohl doch irgendwie mit-schweben). Sun-Begründer Sam Philips könnte da sein. Er lebt noch und war kürzlich das erste Mal in seinem Leben im Ausland, in England, wo er bei der Premiere eines Dokumentarfilms über die Sun-Zeit und über ihn selber anwesend war.
Was aber die mittlerweile gegen die siebzig Jahre oder mehr alten Billy Lee Riley, Little Milton oder Sonny Burgess noch zu bieten haben und wer da noch so alles aufkreuzen wird, das ist die Frage.
Genauso fragt man sich, ob der ewigtourende Bob Dylan am 8. Juli Jazz spielen wird oder Neil Young (10. Juli) immer noch wie ein «Hurrican» über die Bühne fegen wird?
Nach den 100 Konzerten in 17 Tagen werden wir es wissen. Eines aber ist jetzt schon klar: Die Wundertüte Montreux wird auch das überstehen, ja überleben.
Urs Maurer, swissinfo
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