The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Marthaler spaltet Salzburger Festspiel-Publikum

Christine Schäfer als Cherubino und Angelo Denoke in der Rolle der Comtessa di Almaviva. Keystone

Um Überraschungen ist Regisseur Christoph Marthaler nicht verlegen bei seiner Neuinszenierung von Mozarts "Le Nozze di Figaro" bei den Salzburger Festspielen. An der Premiere am Mittwoch (25.07.)erntete der Schweizer vehemente Zustimmung und erboste Buhs.

Nicht im privaten Schloss, sondern in aller Öffentlichkeit siedelt Christoph Marthaler mit seiner Ausstatterin Anna Viebrock die turbulente Oper an, auf einem Flur vor dem Standesamt. Das ist ähnlich einer schmucklosen Pförtnerloge mit dunklem Holz und hohen Glasfenstern in der Bühnenmitte angesiedelt. Durch das Glas erkennt man auf der Rückseite Bräute auf der Wartebank, während des ganzen Stückes werden immer wieder Paare getraut. Gleichzeitig verlegt der Schweizer Regisseur das Geschehen aus der Adelswelt ins heutige Kleinbürgertum.

Graf Almaviva (Peter Mattei) im Zweireiher mit Tracht-Anklängen könnte ein Firmenchef sein, sein Geschäft ein Heiratsinstitut, das zweckvoll direkt vor dem Standesamt angesiedelt ist. Susanna (Christiane Oelze) behält als gewiefte Angestellte in Schwarz mit weißem Schürzchen den Überblick über die Verwirrungen im Hause und die wechselnden Stimmungslagen ihres Figaro (Lorenzo Regazzo). Hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe zu Almaviva und Misstrauen nimmt die blonde Glamour-Gräfin (Angela Denoke) im eleganten Hosenanzug Zuflucht zur Flasche.

Christine Schäfer steckt als verklemmt-frühreifer Cherubino in Skaterhosen, deren weite Taschen die Dessous sämtlicher Damen des Hauses bergen. Marthaler und Cambreling am Pult der Camerata Salzburg leuchten alle Klangfarben von Mozarts Oper extrem aus, die Stimmung kippt von absurder Groteske unvermittelt in dichte poetische Momente. Musikalisch wie szenisch finden sich so immer neue Spielarten der turbulenten Suche nach Zweisamkeit.

Die Sänger bewegen sich dabei durch ein Labyrinth, dessen verborgene Wege nur für die Protagonisten erkennbar sind. Zwei Schaufenster für Hochzeitsmode, links die Damen, rechts die Herren, wie die dahinter liegenden Toiletten, bieten Platz für Verstecke. Auch die Gartenszene mit ihren vielfältigen Verwechslungen und Doppelbödigkeiten spielt auf dem nächtlichen Flur. Eine im Wortsinn zweite Ebene fügt Marthaler mit dem im Programmheft als «Rezitativist» ausgewiesenen Jürg Kienberger ein. Er thront anfangs auf einem von Schafen und Ziegen bevölkerten Feld über der Szene, schleicht dann durch das Geschehen und setzt mit ungewöhnlichen Instrumenten von der Glasharfe bis zum Flaschen-Flötenton schräge Akzente.

Die letzte Neuinszenierung im Da-Ponte-Zyklus stellt mit dem «Figaro» die gesamte Gattung Oper auf die Bühne. Mit Akribie parodiert Marthaler ihre Rituale und Posen. Mitten in der Szene steht ein kleines, sinnloses Podest mit drei Stufen, das die Sänger abwechselnd erklimmen. Ihr Arien gestalten sie von einem Pult aus als Festansprachen. Das Menuett im dritten Akt wird in einer skurrilen Choreografie zu einer Persiflage auf große Operngesten. Für einige Kritiker war damit Mortiers intendierte Neusicht auf Mozart endgültig gescheitert. Der Großteil des Publikums stimmte dem Experiment mit begeistertem Applaus zu.

swissinfo und Agenturen

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft