Mit Pippi Langstrumpf die Seele erklären
Mit der Frage "Warum braucht manchmal auch die Seele einen Arzt?" endet die sechste Kinder-Universität in Basel. 450 Kinder im Alter zwischen 8 und 12 Jahren hören gebannt zu, während die Professorin mit Hilfe von Pippi Langstrumpf die Antwort gibt.
Pünktlich um fünf Uhr nachmittags öffnen sich für die letzte Vorlesung der diesjährigen Kinder-Uni die Türen des Hörsaals im Zentrum für Lehre und Forschung der Universität Basel.
Die Kinder strömen herein und setzen sich an einen der knallig orangen Sitzplätze, die alle mit einer kleinen Schreibplatte ausgestattet sind.
Die jungen Studenten unterhalten sich lautstark und packen Notizblock und Etui aus. Die Professorin tritt ans Pult, und es wird ruhig im Saal.
Braucht Pippi einen Arzt?
Anita Riecher, Professorin für Psychiatrie, eröffnet die Vorlesung mit einem farbigen Bild, das auf die Wand projiziert wird. Die Kinder sehen Pippi Langstrumpf und darüber die Frage: «Braucht Pippi einen Seelenarzt?»
Die Kinder reagieren sofort auf diese Frage. Einige strecken auf und warten, bis sie aufgerufen werden. Andere rufen ihre Antwort laut nach vorne: «Der Vater ist weg!» oder «Ihre Mutter ist tot».
Aber Pippi ist nicht traurig und hat keine Angst, wissen die Kinder. Das wirft die nächste Frage auf: «Wie bleibt ihre Seele so gesund?»
«Doch zuerst müssen wir klären, was die Seele überhaupt ist», sagt die Professorin und eröffnet damit die offene Diskussion. Zusammen mit den Kindern kommt sie zum Schluss: «Unsere Gefühle und Gedanken sind unsere Seele.»
Wo die Seele sitzt
Bei der nächsten Frage, «Wo sitzt die Seele?», lässt Anita Riecher die jungen Studenten abstimmen. Die meisten Hände schnellen bei der Antwort Herz hoch. Etwas weniger sind es beim Bauch und am wenigsten beim Kopf.
«Die meisten haben sich geirrt», gibt die Dozentin bekannt. Die Kinder reagieren verdutzt, als sie die richtige Antwort hören: «Die Seele sitzt im Kopf».
«Unsere Gedanken und Gefühle spielen sich im Gehirn ab. Und weil die Seele unsere Gedanken und Gefühle ist, sitzt die Seele im Kopf», hören die Kinder als Erklärung.
Ganz wie die «grossen» Studierenden machen sich die «kleinen» fleissig Notizen. Andere tuscheln trotz der spannenden Fragen mit dem Nachbarn. Und wieder andere zeichnen oder schauen sich im grossen Saal um.
Auch die Seele kann krank werden
Die Kinder erfahren, dass die Seele auch krank werden kann. Sie sehen einen kurzen Film, worin ein Lehrling von seiner psychischen Krankheit erzählt. Er hörte stimmen, fühlte sich verfolgt und musste sich schliesslich in ärztliche Behandlung begeben.
«Es gibt Krankheiten wie Depression oder Angsterkrankungen, wie zum Beispiel soziale Ängste. Bei solchen Krankheiten kann ein Seelenarzt helfen», erklärt die Professorin das Gesehene.
Pippi bleibt gesund
Schliesslich kehrt die Professorin zu Pippi zurück mit der Frage: «Wie bleibt Pippi gesund?».
Zahlreiche Wortmeldungen aus dem Publikum liefern die richtigen Antworten: «Sie spielt mit Freunden.» «Sie hat Spass.» Oder: «Sie denkt nicht die ganze Zeit daran.» Riecher bestätigt: «Deshalb bleibt Pippi gesund und muss nicht zum Seelenarzt.»
Nach knapp 30 Minuten neigt sich die Vorlesung langsam ihrem Ende zu. Noch bevor sie ganz beendet ist, packen die ersten Kinder ihren Rucksack. Die letzten Erklärungen der Professorin gehen im Lärm der rausstürmenden Kinder unter.
Neugier auf Neues wecken
Anita Riecher zeigt sich im Anschluss an die Vorlesung gegenüber swissinfo zufrieden: «Die Kinder waren sehr interessiert und es gab viele Wortmeldungen.»
Auf die Frage, ob denn die Kinder nicht zu jung seien für solch komplexe Fragen, antwortet sie: «Auch Kinder sind konfrontiert mit Gefühlszuständen wie Kummer, Ängsten oder Depressionen. Viele haben sich ja auch gemeldet und gesagt: ‚Doch, das kenne ich‘. Je früher sich die Kinder damit auseinandersetzen, desto eher verlieren sie die Angst vor solchen Themen.»
Der achtjährige Rasmus aus Basel erklärt denn auch nach der Vorlesung: «Einiges habe ich schon aus eigener Erfahrung gekannt. Aber ich habe nicht gewusst, dass die Ängste so stark werden können.»
Laut Peter Dalquen, Mitorganisator der Vorlesungen, soll mit der Kinder-Uni bei den Kindern die Neugier auf Neues geweckt und Zusammenhänge aufgezeigt werden, die sie so bisher nicht kannten.
«Dies geschieht immer mit einer ‚Warum-Frage‘. Ein Professor aus Tübingen sagt, dass Warum-Fragen philosophische Fragen sind. Das heisst, uns geht es nicht darum, dass die Kinder mit einem konkreten Wissen raus gehen, denn das kriegen sie schon in der Schule. Wir wollen ihr Interesse für neue Fragen wecken», so Dalquen.
Es gehe auch darum, die Schwellenangst vor der Wissenschaft, die in der Gesellschaft immer noch bestehe, herabzusetzen. «Denn die Uni ist für alle da.»
Sandra Grizelj, Basel, swissinfo.ch
Die Kinder-Uni Basel fand in diesem Jahr zum sechsten Mal statt.
450 Kinder besuchten fünf Vorlesungen, die von Professorinnen und Professoren verschiedener Fakultäten gehalten wurden.
Dieses Jahr waren die Fächer Informatik, Soziologie, Zoologie, Mikrobiologie und die Psychiatrie vertreten.
Die nächste Kinder-Uni findet Ende Februar/Anfang März 2010 statt.
Die Idee der Kinderuniversität wurde 2002 im deutschen Tübingen geboren.
Mittlerweile gibt es in den meisten europäischen Ländern Kinder-Unis.
Die Kinder-Uni Basel ist am Aufbau eines europäischen Netzwerks für Kinder-Unis beteiligt.
Die erste Kinder-Uni der Schweiz organisierte 2004 die HSG St. Gallen.
Neben Basel und St. Gallen bieten die Universitäten von Zürich, Bern und Luzern Kinder-Unis an.
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