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Spiele mit der Feder

Der Schweizer Schriftsteller Jürg Federspiel. Keystone

Er ist einer der bedeutendsten Schweizer Autoren und hat hierzulande alle wichtigen Literaturpreise erhalten: Am Donnerstag (28.06.) ist der Bündner Jürg Federspiel 70 Jahre alt geworden.

Der Tod ist der Generalbass in Federspiels Werk, seit er vor 40 Jahren Erzählwerke zu publizieren begann (»Orangen und Tode»). Die beiden anderen Konstanten sind die Liebe und skurriler Humor.

«Federspiel» ist ein Begriff aus der Falknerei und meint das Anlocken des Falken mit einer weissen Feder. Wilhelm Raabe bezeichnete mit «Federspiele» leichthin geschriebene, aber bedeutende Satiren.

Moral: Man kann nie wissen

Satiren sind Federspiels Geschichten nicht – dazu fehlt dem Autor der moralisierende Impetus. In «Die Liebe ist eine Himmelsmacht» (1985, Suhrkamp, Fr. 7.95) karikierte er sogar explizit den aufklärerischen Anspruch von Literatur, indem er jede der 12 Fabeln in eine absolut nutzlose Moral münden liess wie «Schenke einem Beamten des Herrn nie zuviel Schnaps ein» oder «Man kann nie wissen2.

Nichtsdestotrotz treibt der Autor sein nur vordergründig federleichtes, abgründiges Spiel mit dem Leser. «Die Ballade von der Typhoid Mary» (Suhrkamp, 12.50) etwa erscheint oberflächlich betrachtet als kunstloser Bericht über einen authentischen Fall vom Ende des 19. Jahrhunderts. In Wirklichkeit ist es eine sozialkritische Novelle.

Federspiel erfand auf Grund spärlicher Quellen die Bündner Auswandererin Maria Caduff, die ohne selber zu erkranken, den Typhuserreger in den Häusern, in denen sie dient, unwissentlich verbreitet und dadurch ausgleichende Gerechtigkeit für erlittene Erniedrigungen herstellt.

Vom Erstling an erfolgreich

Jürg Federspiel, dessen Heimatort Domat/Ems ist, wurde am 28. Juni 1931 in Kempthal (ZH) geboren und wuchs in Davos, Zürich und Basel auf. In den 50er Jahren schrieb er Filmkritiken und beschäftigte sich im Selbststudium mit US-Literatur. 1961 machte ihn sein Erstling «Orangen und Tode» schlagartig bekannt.

Bis heute hat er über ein Dutzend Bücher publiziert – neben zwei Romanen vor allem Erzählsammlungen – dazu vier Hörspiele und zwei Stücke. Sein neuestes Buch war letztes Jahr der Gedichtband «Im Innern der Erde wütet das Nichts» (Waldgut), dessen Texte er zusammen mit der Sängerin Corin Curschellas äussert erfolgreich als Performance präsentierte.

Globus Gesäss

Seit einem längeren Aufenthalt 1967-69 verbrachte Federspiel lange Zeit einen Teil des Jahres in Manhattan. New York wurde immer wieder Gegenstand von literarischen Reportagen und Erzählungen, so in «Museum des Hasses» (1969), «Die beste Stadt für Blinde» (1980), «Wahn und Müll» (1983) und «Kilroy. Stimmen in der Subway» (1988).

Man hat Federspiel schon als Erneuerer der Gattungen Legende, Märchen und Fabeln bezeichnet. In die Sparte Legende gehört etwa sein vielgelobter Roman «Geografie der Lust» (1989): Es ist die Geschichte der schönen Laura Granati, der ein Milliardär eine wundersam klingende Weltkarte auf das makellose Gesäss tätowieren lässt.

Preise

Jürg Federspiel erhielt 1959 das Stipendium des Literaturkredits Basel, 1961 und 1987 Preise der Schillerstiftung, 1962 den Preis des Kulturverbandes der deutschen Industrie, 1965 den Georg Mackensen Preis, 1969 den C.F. Meyer Preis. Dazu kamen zahlreiche Werkpreise und Ehrengaben, zuletzt im Jahr 2000 diejenige der Stadt Zürich.

Irene Widmer, sfd

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